Würzburg

Leitstern im Glauben

John Henry Newman kann als Orientierung auf dem "Synodalen Weg" dienen.

Kardinal Newman und der "Synodale Weg"
Der Zölibat war für Kardinal Newman kein trauriger Zwang, sondern innere Notwendigkeit echten Priestertums. Foto: KNA

Die katholische Schriftstellerin Ida Friederike Görres wurde in einen Ausschuss der 1969 von den deutschen Bischöfen beschlossenen Würzburger Synode (1971–1975) berufen. Auf einer Sitzung ihres Forums 1971 in Frankfurt sprach sie leidenschaftlich zur Sakramentenlehre, wurde heftig angegriffen, erlitt daraufhin einen Hirnschlag und verstarb. Auf ihrer Trauerfeier predigte Professor Joseph Ratzinger, dessen „Einführung in das Christentum” Görres begeistert aufgenommen hatte. Zutiefst an der nachkonziliaren Infragestellung aller Gewissheiten leidend, wurde Görres zur „Märtyrerin der Synode“. Sie hat ein Vermächtnis hinterlassen, durch das man erfährt, aus welcher theologisch-spirituellen Perspektive sie damals auf die Krise der Kirche blickte. Es handelt sich um ein unvollendetes Manuskript der Biografie von John Henry Newman.

Wegweisende Bedeutung für den Christen in der Moderne

Entstanden während und nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde es erstmals 2004 von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz unter dem Titel „Der Geopferte. Ein anderer Blick auf John Henry Newman“ publiziert. Newmans Heiligsprechung am kommenden Sonntag in Rom ist der geeignete Anlass, mit Görres auf Kardinal Newman, den Geopferten, zu hören. Dies empfiehlt sich besonders sowohl für alle diejenigen, die mit Unwohlsein die Vorbereitung der kommenden zweiten deutschen Synode mit ihren folgenschweren Vorentscheiden verfolgt haben, als auch für diejenigen, die sich voller Ungeduld große Veränderungen dadurch erwarten. Ihre Newman-Biografie durchzieht die Gewissheit, dass es sich hier um das Leben eines Heiligen handelt und dass sein Leben und Werk für den Christen in der Moderne wegweisende Bedeutung hat.

Beides hat die Kirche mit der Seligsprechung Newmans durch Papst Benedikt 2010 in Birmingham und die Heiligsprechung jetzt in Rom bestätigt. Die zentrale These der Biografie lautet: „Erst aus der eigentümlich geknickten, gebrochenen Linie seines Schicksals begreifen wir die geistige Gestalt. Denn Newmans Leben ist tragisch, und sein christlicher Charakter – darf man schon sagen: der Charakter eines Heiligen? – ist im Durchtragen dieser Tragik geworden.”

Überzeugt von Priestertum und Ehelosigkeit

Bereits als anglikanischer Geistlicher war Newman zutiefst von der Zusammengehörigkeit von Priestertum und Ehelosigkeit überzeugt. Es ist wunderbar zu lesen, wie Görres diese Überzeugung Newmans der klerikalen Flucht vor der Entschiedenheit gegenüberstellt: „Der Zölibat ist darum für Newman nicht, wie für so viele geborene Katholiken, ein trauriger Zwang, eine harte Notwendigkeit kirchenpolitischer Berechnung, das Lebensopfer – gewiss als Disziplin – zu respektieren, doch nur soweit, dass der Einzelne durchaus das Recht behält, die lebensverkümmernde Unerfülltheit durch sorgfältige Ersatzmaßnahmen aufzuwiegen und zu mildern: Ihm ist er vielmehr eine innere Notwendigkeit echten Priestertums. Nicht aus puritanischer Enge und Ängstlichkeit – kannte Newman doch edelstes Familienleben, pflegte unbefangen lebenslange Freundschaft mit frommen Frauen. Aber – heilig dem Herrn, Gott vorbehalten, ausgesondert und unberührbar für den Anspruch menschlichen Begehrens und Besitzens, sei es der Leidenschaft oder der Gewohnheit. So sieht er den Priester.“

Ausgerechnet während der Amazonas-Synode, mit der doch die Erwartung verbunden ist, über Notstandsverordnungen die generelle Verpflichtung des Priesters zur Ehelosigkeit abzuschaffen, proklamiert der Papst die Heiligkeit von Newman. Dieser hätte dieses Vorhaben niemals gutgeheißen. Im autobiografischen Roman über seine Konversion „Verlust und Gewinn” lässt Newman die Hauptfigur von sich sagen: „Aber das weiß ich sicher, wenn ich mein Herz irgendeinem Geschöpf hingeben sollte, so bedeutet das eine Untreue gegen Gott.”

Sich gehorsam der Wahrheit unterstellen

Gerade aus dieser Entschiedenheit ist für Görres Newmans gewinnendes Charisma hervorgegangen. Priesterliche Ehelosigkeit unter den Generalverdacht des potenziellen Risikofaktors zu stellen, wie es in der Diskussion über den Synodalen Weg bisweilen geschieht, wäre für Newman unvorstellbar. Newman, der gegenüber Euphorie, gewaltsamen Gemütsaufwallungen und Erregungszuständen tiefes Misstrauen hegte, würde vor einer Kirchenversammlung warnen, die mit emotionaler Betroffenheit zu operieren gedenkt, um bestimmte Normen zu ändern.

Demgegenüber lehrt Newman als Weg zu wahrer Erkenntnis zu: „ … leidenschaftslos und behutsam, durch mühsame Selbstzucht geschult, gerecht und anständig (fair) in der Auseinandersetzung, bereit, jeder Erscheinung … das ihr gebührende Gewicht einzuräumen, jene, welche unsere eigene Theorie bestreiten, aufrichtig zuzulassen, in zeitweilige Unwissenheit einzuwilligen, Schwierigkeiten auf sich zu nehmen und geduldig, sanft vorzugehen …“. Was kann von einer Synode erwartet werden, die von Presse und Kameras ständig begleitet werden soll und so jeden billigen Effekt belohnt? Für Newman bedeutet ernsthafte Auseinandersetzung mit der Wahrheit, sich der Wahrheit gehorsam zu unterstellen. Wahrheitserkenntnis hat darum für Newman mit dem Charakter und sittlichen Zustand eines Menschen zu tun.

"Die Liebe zur Wahrheit [...] muss im religiösen
Bereich, wenn sie echt sein soll, immer von der
Furcht vor dem Irrtum begleitet sein,
einem Irrtum, der vielleicht Sünde sein kann"
John Henry Newman

Vor der Auslieferung aller an die totale Medienpräsenz und der Beauftragung teurer Unternehmensberater, die die Synode verkaufen sollen, kann man mit Newman nur warnen: „Ist dies nicht der gemeine und verhängnisvolle Irrtum der Welt, sich ohne Bereitung des Herzens für einen Richter über die Wahrheit der Religion zu halten? In den Schulen der Welt betrachtet man die Wege zur Wahrheit als Landstraßen, allen Menschen offen, wie immer sie aufgelegt seien und zu jeglicher Zeit … Man naht der Wahrheit ohne Ehrfurcht.“ Für Newman ist Wahrheitssuche eine Gewissensangelegenheit im strengen Sinn: „Der erste Punkt ist also, den man dem Gewissen einprägen muss: Wir spielen mit scharfgeschliffenen Werkzeugen, wenn wir, statt uns beharrlich darum zu bemühen, Gewissheit zu erlangen, worin die Wahrheit besteht, wir die Sache sorglos, rechthaberisch oder gleichgültig behandeln.“

Grundsätzlich gilt für Newman darum: „Die Liebe zur Wahrheit, zur Erforschung der Wahrheit muss im religiösen Bereich, wenn sie echt sein soll, immer von der Furcht vor dem Irrtum begleitet sein, einem Irrtum, der vielleicht Sünde sein kann.“ Was heute Bischöfe für höchste pastorale Klugkeit halten, hat Newman bereits entlarvt: „Heutzutage ist Verschwommenheit die Mutter der Weisheit.” Damit kritisiert Newman diejenigen, die sich taktisch nicht festlegen wollen, um sich jede Option offen halten zu können, statt als Hirten die Richtung zu weisen. Newmans Beschreibung desjenigen Typus, der in der Kirche Karriere macht, trifft auch heute noch zu: „Wer ein halbes Dutzend allgemeiner Behauptungen auszusprechen vermag, ohne Stützpunkt und Stangen zwischen Gegensätzen das Gleichgewicht zu halten, wer nie eine Wahrheit ausspricht, ohne sich gegen die Vorraussetzungen zu verwahren, dass das Gegenteil ausgeschlossen sei … das ist der rechte Mann und die Hoffnung der Kirche.“

"Ihnen könnten wir, obwohl es für das
Land ein trauriges Ereignis wäre, kein
besseres Ende wünschen, als den
Verlust ihrer Güter und das Martyrium"
Newman an die anglikanischen Bischöfe

Eine Lehre Newmans, die nach dem Zweiten Vatikanum bereits missachtet worden ist und eine bis heute andauernde Abspaltung verursacht hat, sollte beachtet werden: „Was der Genius der Kirche nicht ertragen kann, ist, dass geistige Veränderungen übereilt, plötzlich und gewaltsam geschehen – aus zärtlicher Verantwortung für die Seelen, denn ungelehrte und engstirnige Menschen werden dadurch verstört und unglücklich.“ Auf dem ersten Flugblatt, mit dem Newman und die Oxfordbewegung in England Berühmtheit erlangten, stand, an die anglikanischen Bischöfe gerichtet, zu lesen: „Ihnen könnten wir, obwohl es für das Land ein trauriges Ereignis wäre, kein besseres Ende wünschen, als den Verlust ihrer Güter und das Martyrium.“ Damit war nicht weniger gemeint als die Abschaffung der anglikanischen Staatskirche und die Forderung nach Bischöfen, die den apostolischen Glauben bezeugen.

Würde die deutsche Synode gemäß Newman mit der „Entweltlichung” beginnen und sich von der Kirchensteuer sowie allen Einrichtungen, die mit dem apostolischen Glauben nicht vereinbar sind, verabschieden, würde sie an Glaubwürdigkeit gewinnen und einen schmerzlichen Weg echter Erneuerung beginnen. Im Hinblick auf die heutigen selbsternannten Glaubenswächter gilt es im Geist Newmans ebenso klar Distanz zu bewahren.

Die Ursünde jeder Häresie ist die Ungeduld

Angesichts von Bischöfen, die mit dem Ruf durch die Lande ziehen, dass nach der gegenwärtigen Amazonas-Synode nichts mehr so sein wird wie vorher, lohnt es sich, auf die Überzeugung Newmans hinzuweisen, „dass die Ursünde jeder Häresie die Ungeduld ist“. Heute beruft man sich gerne auf Newmans Lehre vom Gewissen. Für Newman ist das Gewissen der wichtigste Gotteserweis: „Das Gewissen übt allzeit mit Drohen und Verheißung einen Druck auf uns aus, das Gute zu tun, das Böse zu lassen: Insofern ist es in allen Menschen das gleiche.” Hier liegt die jedem modernen Relativismus entgegenstehende, noch lange nicht erkannte Bedeutung Newmans für die christliche Ethik. Dazu stellt Görres klar: „Er ist wahrlich der letzte, auf den wir uns berufen dürfen, um uns in irgendeiner Sache, unser Privaturteil, unsern Vorteil, unsre Sympathie oder ganz einfach unsern Eigensinn und unsere Scheu vor empfindlicher Selbstüberwindung gegen ein ausdrückliches Gebot der Kirche im Namen des Gewissens zu behaupten.“ Sie zeigt Newman als „Morgenstern einer freien, einsamen, gläubigen Geistigkeit“.

 

Ida Friederike Görres
Geboren 1901 als sechstes Kind des österreich-ungarischen Diplomaten Heinrich von Coudenhove-Kalergi und seiner japanischen Frau Mitsu Aoyama, trat sie nach einer Zeit bei den „Englischen Fräulein“ der Führung des Quickborn bei und prägte die katholische Jugendbewegung in Deutschland. 1935 heiratete sie den Ingenieur Carl-Josef Görres in Leipzig. Anfangs noch vom Zweiten Vaticanum begeistert, beunruhigten sie bald doch Zweideutigkeiten. Sie verteidigte den Zölibat und Humanae Vitae und bezog Stellung gegen den Holländischen Katechismus und die Forderung der Priesterweihe für Frauen.