Würzburg

Königsweg für Frauen

Zwei Autorinnen schildern, was sie an den Ausführungen von Papst Franziskus über die Mutter Jesu in seinem nachsynodalen Schreiben "Querida Amazonia" beeindruckt.

Marienretabel
Dreiteiliges Marienretabel von 1164 in der Kirche Sankt Pankratius in Königswinter am 6. April 2017. In der Mitte sitzt Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß auf dem Sitz der Weisheit, auf der linken Seite huldigen ihr die Heiligen Drei Könige, auf der rechten Seite stehen die dr... Foto: Harald Oppitz (KNA)

Warum ich mich in den Aussagen von Papst Franziskus über die Mutter Jesu wiederfinde  Von Maria Elisabeth Schmidt

In seinem Schreiben "Querida Amazonia" geht der Heilige Vater in den Kapiteln 99 101, über die "Kraft und die Gabe der Frauen", auf die Frauen und ihren Beitrag zur Kirche ein, den sie auf ihre eigene Weise leisten, und indem sie die Kraft und Zärtlichkeit der Mutter Maria weitergeben. Ich bin überzeugt: Jede Frau besitzt diese Gabe, und zu allen Zeiten und an allen Orten gab und gibt es Frauen, die diese Gabe ausgelebt, die den Glauben weitergegeben und den Lauf der Geschichte verändert haben. Diese Frauen besaßen kein Amt, meist auch kein Geld, kein Heer, und keinen Fünfjahresplan, sondern sie haben im Vertrauen auf Gott die Gabe, die er in sie hineingelegt hat, als Aufgabe erkannt und sind ihrem Herzen und ihrer gesunden Intuition gefolgt. Damit schöpften sie aus ihrem inneren Reichtum. Und Gott hat die Handlungen dieser Frauen angenommen   selbst die unvollkommenen   und in seinen Heilsplan eingebaut.

Im Alten Testament denke ich an Rebecca, Judith, Esther und Ruth. Auch im neuen Testament staune ich über starke Frauen und ihren Glauben. Elisabeth von Thüringen ist ein glänzendes Beispiel für viele einflussreiche Regentenfrauen. Hedwig von Schlesien hielt ihren Mann von weiteren Kriegen und vielen Gewalttätigkeiten ab; die gebildete Adelige Theophanu brachte Schätze aus ihrer Kultur zu uns und trieb durch kluge Heiratspolitik eine weitsichtige Friedenspolitik voran. Birgitta von Schweden und Katharina von Siena, Theresia von Lisieux, Mutter Teresa oder die Mütter von Augustinus und Don Bosco sind weitere Beispiele   sie alle haben mit ihren Mitteln das Herz Gottes bewegt und die Geschichte verändert.

"Als Frauen sind wir Kulturträgerinnen. Wenn die Frau
diese Fähigkeit brach liegen lässt, weil sie nicht mehr weiß,
wer sie ist, stirbt die Gesellschaft, stirbt auch die Kirche"

Als Frauen sind wir Kulturträgerinnen. Wenn die Frau diese Fähigkeit brach liegen lässt, weil sie nicht mehr weiß, wer sie ist, stirbt die Gesellschaft, stirbt auch die Kirche, denn Gott hat das Leben eines jeden Priesters zuallererst in die Hände einer Frau gelegt. Maria hat diese Gabe in vollkommener Weise ausgelebt. In ihr, der Vollblut-Frau, kann ich mich als Frau wiederfinden, kann ich ablesen, wie ich mein Frau-Sein ganz verwirklichen kann.

Die Heilige Schrift legt Zeugnis ab von Marias Demut; Darstellungen von ihr mit ihrem kleinen Jesus auf dem Arm sprechen Bände über ihre Zärtlichkeit. Gerne stelle ich mir vor, wie Maria in zärtlicher Hingabe das nahtlose Gewand für ihren Sohn webt. Darüber hinaus offenbart sich uns Maria auch als mutige und starke Frau. Schon in der Verkündigungsszene bestaune ich ihren Mut: Nur weil sie den Engel als Boten Gottes erkennt, sagt Maria noch lange nicht "ja". Sie fragt nach, weil die Botschaft des Engels ihr Vorstellungsvermögen übersteigt. Sie lässt sich vom Engel belehren, und erst danach spricht sie im Vertrauen auf Gott ihr Ja. Nach der Empfängnis Jesu lässt sie sich weder als Auserwählte feiern, noch von ihren Eltern umsorgen. Als Hörende weiß sie, dass Elisabet ebenfalls guter Hoffnung ist und Hilfe benötigt. Maria, selbstlos und einfühlsam, macht sich umgehend auf und eilt zu ihr.

"Wie viel Liebe, Zärtlichkeit und Trost spendet
Maria ihrem Sohn, als ihre Augenpaare
sich auf dem Weg nach Golgatha treffen"

Als Maria den zwölfjährigen Jesus im Tempel auffindet, scheut sie sich nicht, in den Kreis der Schriftgelehrten einzudringen und ihrem Sohn ihre Sorge zu gestehen. Als Mutter des Wanderpredigers hat sie keine Hemmungen, Jesus auf der Hochzeit zu Kana darauf aufmerksam zu machen, dass der Wein nicht reicht. Indem sie ihrem Sohn den Weg zu seinem ersten Wunder ebnet und die Diener entsprechend instruiert, beweist sie echte Führungsqualität.
Während der Passion Jesu betet sie nicht im stillen Kämmerlein, sondern drängt sich durch die grölende Menschenmasse, vorbei an schlagenden Soldaten, um ihrem Sohn Liebe zu schenken. Das nenne ich Willensstärke. Wie viel Liebe, Zärtlichkeit und Trost spendet Maria ihrem Sohn, als ihre Augenpaare sich auf dem Weg nach Golgatha treffen. Jesus allein weiß um die Kraft, die er aus diesen Momenten für seinen letzten Leidensabschnitt schöpfte.

Maria, die Apostelin der Apostel, bricht auch nicht unter dem Kreuz zusammen, bei seinem Stöhnen, Leiden und Sterben   drei Stunden lang! Wie viele Stunden hat ausgerechnet sie die Gefährten getröstet und im Glauben gestärkt. Das alles nenne ich eine starke, mutige Frau und Mutter! Das alles war Maria.
Auch Kunst und Literatur über Maria helfen uns, sie näher kennen und lieben zu lernen und unsere Gabe als Frau auszuleben, sodass unser Selbstbewusstsein heilen und die Kirche sowie die Gesellschaft genesen kann.

 

Der Papst erinnert die Frauen in seinem nachsynodalen Schreiben an das Vorbild der Mutter Jesu   Warum eine marianische Wende so unzeitgemäß wie notwendig ist  Von Angela Kirsch

Marienfrömmigkeit kommt manchem vielleicht ein wenig plüschig vor, Rosenkranzbeter erscheinen bisweilen frömmlerisch, große Pilgerscharen zu Marienorten als übertrieben und ein Leben als geweihte Jungfrau ist kaum noch erklärbar. Aus der Fülle der Marienlieder schöpfen Kirchengemeinden nur sparsam, und jahrhundertealte Gebete zur Gottesmutter sind selbst praktizierenden Katholiken mangels Übung weitestgehend unbekannt. In dieser "marianischen Lücke" können Zweipunktnullerinnen ungebremst das Selbstverständnis der modernen Frau, die nach Freiheit, Machtteilhabe und Anerkennung strebt, gegen ein klischeehaftes Bild der Gottesmutter ausspielen. Maria wird reduziert auf eine Frau, die sich einem fremden Willen unterordnet und ihr ganzes Leben auf ihr Kind ausrichtet; dazu waschen, bügeln, kochen und ein vollkommen unerfülltes Sexualleben -  keine Frau sieht sich gerne in dieser Rolle, insbesondere dann nicht, wenn damit keine Teilhabe an Macht und Gestaltung verbunden ist. So fordern die "Maria"-Aktivistinnen, ungeachtet der Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau, uneingeschränkte Gleichheit der Geschlechter, ein Ende des männlichen Klerikalismus und gleichberechtigten Zugang zu allen kirchlichen Ämtern.

"Sie ist die erste, die an Christus geglaubt hat
und damit ihrer Zeit weit voraus war"

Doch verkennt das zugrundegelegte Marienbild das Wesen der Gottesmutter. "Mir geschehe nach deinem Wort" war nicht ein wehrloser Akt der Unterwerfung, kein Nachgeben einer Fremdbestimmung, sondern ein freies "Ja" zur Mutterschaft des menschgewordenen Gottes. Ausgesprochen, ohne Bedingungen zu stellen. Zugesagt, ohne Zweifel daran, dass Gott die größere Erkenntnis darüber hat, was gut ist. Ein kurzes Innehalten gab es nur in Bezug auf das "wie?", nicht aber auf das "ob" es geschehen solle. Wir wissen nicht, ob Maria sich in diesem Augenblick ihrer "Aufstiegschancen" -  der leiblichen Aufnahme in den Himmel -  bewusst war. Jedenfalls machte sie den späteren Sprung auf der Karriereleiter nicht zur Voraussetzung ihrer Zustimmung. Sie ist die erste, die an Christus geglaubt hat und damit ihrer Zeit weit voraus war. Aus freien Stücken wurde sie ein unabdingbarer Bestandteil der Heilsgeschichte.

Die Verantwortung, die damit auf ihren Schultern lag, die Macht, die ihr damit zukam, waren unermesslich. Beinahe denkt man an die Position eines Spitzenmanagers. Zur Erlösung der Menschheit nahm sie ein Schicksal auf sich, das keine Frau teilen möchte: Ihr Kind sah sie einen qualvollen Tod sterben, schmerzvoll stand sie unterm Kreuz und akzeptierte. Und bei alledem ging es niemals um sie. Ihr ganzes Leben hatte sie in Vollkommenheit auf Christus ausgerichtet. Wenn wir als Christen berufen sind, Christus nachzufolgen, da er der Weg in den Himmel ist, scheint es absurd, geradezu selbstzerstörerisch, die dafür beste Lehrmeisterin in Frage zu stellen. Sie hat Gott gedient, sie hat gelitten und bei alledem bedingungslos geliebt. Und es hat Gott gefallen. Denn sie erhielt den größtmöglichen Lohn dafür: Nicht die Weihe zur Priesterin, sondern die Krönung zur "Königin des Himmels".

"Wer die Existenz ewiger Wahrheiten in Frage stellt,
wird die Entscheidung Marias nicht nachvollziehen
und noch weniger ihrem Beispiel folgen können"

Eine marianische Wende scheint daher ebenso unzeitgemäß wie notwendig. Doch wird die Diskussion darum mühsam bleiben, insbesondere dann, wenn sie unter dem Joch des Zeitgeistes steht. Wer die Existenz ewiger Wahrheiten in Frage stellt, wird die Entscheidung Marias nicht nachvollziehen und noch weniger ihrem Beispiel folgen können. Dann ist jede weitere Debatte obsolet, denn alles wird ins Gegenteil verkehrt: Die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau wird allenfalls Teil gendergerechter Vielfalt, aufopfernde Proexistenz wird zu koexistenzieller Abhängigkeit, "Ich bin die Magd des Herrn" wird zu "Ich bin ein Opfer der Hierarchie", die Würde der Frau bemisst sich nicht nach ihrer Fähigkeit, Gott zu ehren, sondern nach dem Ausmaß ihrer Machtteilhabe, ein Leben nach den Geboten der Kirche ist nicht mehr fromm, sondern elitär. Dem katholischen, insbesondere priesterlichen Leben darf nicht mehr der Verzicht, sondern allein die Selbstverwirklichung vorangehen.

Schlussendlich ist die Barmherzigkeit Gottes nicht mehr Vergebung der bereuten, sondern Anerkennung der beharrlich gepflegten Sünden. Ein solches Gespräch muss zur rechten Zeit beendet werden. Dann besteht die Chance auf eine echte marianische Wende. Dann kann auch die moderne Frau, unabhängig und frei, den Blick auf die Gottesmutter richten. Das Streben nach Freiheit und Anerkennung wird gläubige Frauen dabei nicht weg von, sondern hin zu Maria führen. Denn sie ist den Königinnenweg gegangen. Und wie keine andere kann sie uns im rechten Gebrauch unserer Freiheit unterrichten   damit wir davor bewahrt werden, den Fehler Evas zu wiederholen.

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