Chur

Kann die Kommunion krank machen?

Nein, meint der Churer Weihbischof Marian Eleganti. Ja, meint die Tradition der Kirche.

Kommunionempfang und Coronavirus
Der Churer Weihbischof Marian Eleganti vertritt die Auffassung, es sei aus theologischen Gründen unmöglich, sich durch den Kommunionempfang mit dem Coronavirus zu infizieren. Foto: Corinne Simon (KNA)

Die Corona-Pandemie hat in den letzten Tagen auch im kirchlichen Bereich manche Unsicherheiten verursacht, nicht zuletzt bezüglich der Ausspendung der heiligen Kommunion. Es wurde unter anderem die Frage erörtert, ob es möglich sei, sich durch den Kommunionempfang mit dem Virus zu infizieren. Der Churer Weihbischof Marian Eleganti vertritt die Auffassung, dies sei eine Unmöglichkeit, und zwar aus theologischen Gründen. In einem am 15. März im Internet (kath.net) publizierten Interview bemerkt der Weihbischof wörtlich: "Wie der Glaube an die Realpräsenz Christi in der Hostie (und an die vorausgegangene Wandlung derselben) zusammen bestehen kann mit der Furcht vor einer tödlichen Kontamination, vor der mich der in der Hostie gegenwärtige Gott nicht retten wird, ist mir ein Rätsel." Der Weihbischof hält eine solche Kontamination also für eine Unmöglichkeit. Gegnern seiner Auffassung bescheinigt er "Unglauben" und "Naturalismus". Letzteres erscheint insofern verständlich, als er sich wohl in erster Linie gegen Kritiker aus den Reihen des sogenannten Schweizer Staatskirchentums wendet. Aber man wird dennoch fragen dürfen: Trifft die These wirklich zu, dass eine Infektion anlässlich des Empfangs der hl. Kommunion als unmöglich zu gelten hat - und zwar aufgrund der Glaubenslehre?

Man hätte präzisere Formulierungen erwarten dürfen

Vorab sei angemerkt, dass die Formulierung des Weihbischofs, Christus sei "in der Hostie" real präsent, für sich genommen bedenklich an protestantische Impanations- und Konsubstantiationslehren ("Christus ist mit dem Brot bzw. im Brot gegenwärtig") anklingt. Hier hätte man präzisere Formulierungen erwarten dürfen, wie sie zum Beispiel das Konzil von Florenz verwandt hat: Christus ist unter den Gestalten von Brot und Wein ("sub speciebus panis et vini") gegenwärtig. Nun wäre es aber selbstverständlich völlig verfehlt, dem Weihbischof zu unterstellen, er leugne die katholische Lehre über die Transsubstantiation. Er bekennt sich im Interview wörtlich zur "Wesensverwandlung". Diese Wesenverwandlung besteht nach der Lehre des Konzils von Trient darin, dass in der Messe eine Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes beziehungseise Weines geschieht, wobei "nur die Gestalten von Brot und Wein bleiben".

Christus ist also nach Lehre der Kirche im Altarssakrament durch die Wesensverwandlung gegenwärtig - wahrhaft, wirklich und wesentlich - unter den Gestalten von Brot und Wein. Da der Gedanke, jemand könne sich beim Kommunionempfang "durch Christus selbst" infizieren, als absurd, ja blasphemisch zurückzuweisen ist, wäre also von vornherein nur eine Infektion durch die Gestalten, unter denen Christus gegenwärtig ist, denkbar.

Was Thomas von Aquin zum Umgang mit "kontaminierten eucharistischen Gestalten" äußerte

Daher etwas zur Präzisierung, was man unter den Gestalten (Akzidentien) zu verstehen hat. Der Theologe Ludwig Ott schreibt dazu in seinem "Grundriss der Dogmatik": "Nach der Erklärung des Konzils von Trient erstreckt sich die Verwandlung nur (!) auf die Substanzen des Brotes und des Weines, während die Gestalten oder Akzidenzien zurückbleiben. Unter den Gestalten (species) versteht man all das, was mit den Sinnen wahrgenommen wird, wie Größe, Ausdehnung, Schwere, Form, Farbe, Geschmack, Geruch." Wie verhält es sich nun aber hinsichtlich der Wirkungen der Gestalten nach der Wandlung? Der Mainzer Dogmatiker Johann Baptist Heinrich legt dazu in seinem "Lehrbuch der katholischen Dogmatik" dar, dass "die eucharistischen Akzidentien alle (!) Wirkungen der der Brot- und Weinsubstanz inhärierenden Wirkungen hervorbringen."  Die Wirkungen der Gestalten sind mit anderen Worten vor und nach der Wandlung identisch. Wer demnach behaupten wollte, wegen der Transsubstantiation hätten die Gestalten (Akzidenzien) als solche andere - weniger oder mehr - Wirkungen als (gewöhnliches) Brot und Wein, würde einen Irrtum begehen - einen Irrtum "per excessum", durch Übertreibung.

Daher nimmt es nicht wunder, dass der heilige Thomas von Aquin sich in seiner "Summa Theologica" folgendermaßen zum Umgang mit "kontaminierten eucharistischen Gestalten" äußern konnte: "Wird erkannt, es sei Gift (in den Wein) hineingemischt worden, so darf der Priester das ja nicht nehmen und keinem anderen geben, damit der Kelch des Lebens nicht zum Anlass des Todes werde." Es ist natürlich - für unsere Frage - gleichgültig, ob die eucharistische Gestalt nun durch Gift oder einen Virus kontaminiert ist. Tatsache ist, dass der Aquinate, den niemand zum "ungläubigen Naturalisten" wird stempeln können, lehrt, dass eine Kontamination möglich ist - und dass deren Wirkung keineswegs durch die Wesensverwandlung verhindert wird. - Dem entspricht auch genau das, was die Kirche in ihrer liturgischen Gesetzgebung dazu verfügt hat, vergleiche dazu die Rubriken "De Defectibus" im Missale Romanum von 1962.

Aus diesen Rubriken geht hervor, dass in dem Fall, dass dem Wein Gift beigemischt wurde, der Kelch nicht summiert werden darf. In diesem Zusammenhang sei die Zeremonie der "Praegustatio" ("Vorkostung") erwähnt, die im alten "Caeremoniale Episcoporum" beschrieben wird und in Pontifikalmessen - auch in Papstmessen - zur Anwendung kam: der zelebrierende Papst oder Bischof suchte beim Offertorium eine von drei Hostien aus, die für das Messopfer dienen sollte - um die Gefahr der Vergiftung zu minimieren. Diese Zeremonie wäre indes schlicht sinnlos gewesen, wenn der unter den Gestalten gegenwärtige Gott den Zelebranten notwendigerweise hätte "retten" müssen.

These Elegantis widerspricht der Praxis der Kirche

Vielleicht könnte man aber meinen, dass Christus wenigstens durch ein Wunder dasjenige ergänzt, was den eucharistischen Gestalten an sich abgeht: die Zurückhaltung der Wirkungen einer Kontamination. Papst Benedikt XIV. (1740-1758) erwähnt diese Meinung in seinem berühmten Werk über die heilige Messe ("De Sacrosancto Missae Sacrificio"). Aber er weist den Gedanken, man dürfe mit einem solchen Wunder rechnen, zurück: "...neque enim tentandus es Deus..." ("... man darf Gott nämlich auch nicht versuchen..."). Papst Benedikt XIV. - auch er ein "ungläubiger Naturalist"?

Die These des Churer Weihbischofs erscheint aufgrund dieses knappen Überblicks - um das allermindeste zu sagen - als nicht sicher begründet. Sie widerspricht der Lehre herausragender Theologen und der Praxis der Kirche. Das bedeutet aber, dass sie jedenfalls in der Praxis nicht anwendbar ist -  und zwar auch dann nicht, wenn jemand meinen sollte, die These sei trotz allem "irgendwie wahrscheinlich". Denn in solchen Fragen, in denen es beispielsweise um das sichere Recht einer Person geht - hier das Recht der Kommunikanten auf Gesundheit und Leben -  darf man, wie ausnahmslos alle katholischen Moraltheologen (z.B. Heribert Jone in seinem weitverbreiteten Handbuch) lehren, keiner "bloß wahrscheinlichen Meinung" folgen.

Für die Praxis der Kommunionspendung in Zeiten, in denen ein (lebensgefährlicher) Virus grassiert, bedeutet dies: Es sind alle menschenmöglichen Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, die einer Verbreitung des Virus entgegenwirken. Es muss bei der Kommunionspendung - im Sinne des Aquinaten - alles geschehen, um eine Ansteckung zu verhindern: damit das Sakrament des Lebens nicht zum Anlass des Todes werde.

Der Autor ist Priester der Diözese Roermond (Niederlande)

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