Vatikanstadt

Im Blickpunkt: Der Missbrauchs-Tsunami rollt weiter

Auch 2019 stand für den Vatikan wieder ganz im Zeichen der sexuellen Vergehen von Klerikern. In diesem Jahr muss die Kirche ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

Die Kirche und die Missbrauchskrise
Je länger die Missbrauchskrise wütet, desto mehr Menschen wenden sich von der Kirche ab. Im Jahr 2020 muss der Vatikan vor allem seine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Foto: © Antoine Mekary (248704885)

Es kann durchaus sein, dass man irgendwann einmal in der Zukunft die Missbrauchsskandale seit Anfang des 21. Jahrhunderts als die große Katastrophe der Kirche der jüngeren Zeit werten wird, deren Auswirkungen die der Reformation vor fünfhundert Jahren sogar noch an zerstörerischer Kraft übersteigen. Und weder die Ortskirchen – siehe Synodaler Weg – noch der Vatikan haben dieses Krisenphänomen im Griff, dessen letzte Ursachen in einem tiefen Abfall von Glaube und Sitten ausgerechnet unter gottgeweihten Personen zu suchen sind. Es ist bisher noch nicht vorgekommen, dass ein verantwortlicher Mitarbeiter der Kurie vor Medienvertretern sein blankes Entsetzen über die nicht endende Welle an Verbrechen von Klerikern an minderjährigen Schutzbefohlenen zum Ausdruck gebracht hat. Getan hat das kurz vor Weihnachten der irische Prälat John Joseph Kennedy, der in der Glaubenskongregation die Disziplinar-Abteilung leitet, die für Missbrauchsfälle zuständig ist.

Zahl der Fälle in einem Jahrzehnt vervierfacht

Um die tausend neue Missbrauchsverbrechen seien 2019 seiner Behörde gemeldet worden, er und seine Mitarbeiter seien völlig überfordert von diesem „Tsunami an Fällen“, erklärte er der Nachrichtenagentur „Associated Press“. Er kenne die katholische Lehre zum Klonen, „aber wenn ich meine Mitarbeiter klonen könnte und diese an jedem Tag der Woche in drei Schichten arbeiten würden, dann könnten wir die notwendigen Schritte nach vorne machen“. Die meisten dieser Vergehen würden aus den Vereinigten Staaten, Argentinien, Mexiko, Chile, Italien und Polen gemeldet, aber auch aus Ländern, von denen er noch nie gehört habe. In einem Jahrzehnt hätte sich die Zahl der Fälle vervierfacht, so Kennedy. Und desillusioniert fügte er an: „Wenn ich nicht Priester und Vater eines missbrauchten Kindes wäre, würde ich wahrscheinlich aufhören, zur Messe zu gehen.“ Das sagt ein Geistlicher aus einem ehemals urkatholischen Land, in dem die Missbrauchsskandale die Kirche zu Boden geworfen haben.

Das ist das Problem: Je länger die Missbrauchskrise wütet, desto mehr wenden sich – vor allem junge – Menschen von der Kirche ab. Auch 2019 stand für den Vatikan wieder ganz im Zeichen der sexuellen Vergehen von Klerikern: Das Jahr begann mit dem Missbrauchs-Gipfel in Rom. Es folgte das Motu proprio „Vos estis lux mundi“ von Franziskus und Ende des Jahres hob der Papst das Päpstliche Geheimnis bei Missbrauchsvergehen auf, so dass zivile Behören Einblick in kirchliche Akten beantragen können.

McCarrick mit besten Kontakten in die Kurie

Aber vor allem muss der Vatikan seine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Ebenfalls vor Jahresende wurde bekannt, dass der Missbrauchstäter Theodore McCarrick Beträge in Höhe von mehreren hunderttausend Dollars an Geistliche im Vatikan – die Päpste eingeschlossen – überwiesen habe. Der ehemalige Kardinal und Erzbischof von Washington verfügte über beste Kontakte in der Kurie. Vor anderthalb Jahren (!) hat der Ex-Nuntius Carlo Maria Vigano in einem Offenen Brief die Anklage erhoben, dass man in Rom schon lange von den homosexuellen Machenschaften McCarricks wusste. Mehrfach haben Kurienkardinäle einen entsprechenden Bericht des Vatikans angekündigt – er steht immer noch aus. Wenn Rom da keine Klarheit schafft, verspielt man die Glaubwürdigkeit endgültig.

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