Wien

Im Blickpunkt: Chance zur sakramentalen Neubesinnung

In der Debatte um eine allmähliche Normalisierung des kirchlichen Lebens werden Österreichs Bischöfe aufgefordert, mutiger zu sein. Sie sollten jubeln, wenn Gläubige leidenschaftlich und authentisch nach den Sakramenten rufen.

Österreich: Gottesdienste weiter hinter verschlossenen Türen
Während sich die Menschenmassen längst wieder in Super-, Garten- und Baumärkten tummeln, finden Gottesdienste weiter hinter verschlossenen Türen statt. Im Bild: der Wiener Stephansdom. Foto: Hans Punz (APA)

Beflügelt durch die ersten staatlichen Schritte zur Normalisierung des öffentlichen Lebens haben Österreichs Bischöfe bereits in der Karwoche einen „Stufenplan“ zur Normalisierung des kirchlichen, insbesondere des liturgischen Lebens versprochen. Darauf warten die Gläubigen in der Alpenrepublik seither vergebens. Zwar tummeln sich die Menschenmassen längst wieder in Super-, Garten- und Baumärkten, doch sind Trauungen, Taufen, Firmungen und Erstkommunionen auf unbestimmte Zeit verschoben, finden Gottesdienste weiter hinter verschlossenen Türen statt – für die Gläubigen allenfalls online zugänglich.

Zunehmend Kritik an Österreichs Bischöfen

Österreichs Bischöfe sehen sich darum jetzt zunehmend mit Kritik konfrontiert, wie der Wiener Kardinal Christoph Schönborn offen einräumte. Und zwar nicht von klassischen Kirchenkritikern, sondern von ganz ungewohnter Seite: Er und alle Bischöfe im Land würden aufgefordert, mutiger zu sein. „Ihr gehorcht dem Staat mehr als Gott!“, bekomme er zu lesen, so Kardinal Schönborn. Und: „Ja, wir brauchen die Sakramente!“

Müsste nicht jedem Bischof und jedem Priester das Herz aufgehen ob solcher „Kritik“? Nach Jahrzehnten destruktiven Kirchengezänks um die immer gleichen „heißen Eisen“, um Minderheitenthemen wie Zölibat, Frauenweihe, Viri probati … nach jahrelangem Waten im knietiefen Morast moralischer Verkommenheit – der klerikalen Missbrauchstäter wie auch jener Kräfte, die ihr verlogenes Spiel mit dem Missbrauch des Missbrauchs trieben – jetzt, endlich, ein Ruf nach den Sakramenten!

Ja, es ist wunderbar, dass die Kirche sich heute mehr denn je anschickt, das Internet zu erobern, es mit Gottesdienst-Live-streams zu besiedeln und Online-Katechesen zu entfalten. Es ist noch wunderbarer und staunenswerter, dass die säkularen Fernsehanstalten angesichts der Coronakrise Papst-Predigten und Kardinals-Messen als echte Quotenbringer schätzen. Immer offenkundiger wird, dass auch in unserer glaubensfern scheinenden Gesellschaft nicht eine debattierende und zankende, nicht eine anpasserische und sich dem Zeitgeist anbiedernde Kirche gefragt ist, sondern eine betende, dienende, lobpreisende! Wo die Kirche von Gott redet und Gottes Liebe spürbar macht, generiert sie Nachfrage – notfalls online.

Der Notfall ist nicht der Normalfall

Aber der Notfall ist eben nicht der Normalfall. Online ist gut, zeitgemäß und wichtig, aber niemals ausreichend oder zufriedenstellend. Die Kirche ist (soziologisch gesprochen) eine Glaubens- und Gebetsgemeinschaft: Die gemeinsame Feier der Sakramente ist nicht ein zufälliges, aufhübschendes Bonusmaterial für gute Zeiten, sondern wesentlicher Glaubensvollzug. Auch bei Taufen und Trauungen geht es niemals nur um „Familienfeiern“.

Darum sollten die Bischöfe jubeln, wenn Gläubige leidenschaftlich und authentisch nach den Sakramenten rufen. Vor allem dann, wenn sie es so loyal und dienstbereit tun, wie jene jungen Katholiken, die jetzt in einem Youtube-Video an Österreichs Bischöfe appellierten: „Bitte gebt uns unsere Heilige Messe zurück!“ Um das möglich zu machen, bieten diese Jugendlichen an, Masken und Desinfektionsmittel zu bringen, Türklinken und Kirchenbänke zu desinfizieren, als Türsteher und Organisatoren zu fungieren. Alles beispielhaft, um Corona-sichere Messen zu ermöglichen.

Solche „Kritik“ ist ein Weckruf an Bischöfe und Pfarrer: mutiger, vor allem aber phantasievoller und kreativer zu werden, wenn es um die Rückkehr zur sakramentalen Normalität geht. Sie ist zugleich ein Beleg dafür, dass die Kirche auch in unseren säkularisierten Breiten viel vitaler ist als alle Ordinariate, Kirchenkonferenzen, theologischen Tagungen und Synodalen Wege uns glauben machen. Die Sehnsucht nach den Sakramenten ist ein Hunger nach der erfahrbaren Nähe Gottes. Diese Sehnsucht baut die Kirche auf.

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