Köln/Münster

„Ich habe Fehler gemacht“

Bischöfe von Köln, Münster und Essen räumen Fehler im Umgang mit Missbrauchstätern ein – Genn kritisiert „Apparat“.

Felix Genn
Münsters Bischof Felix Genn muss sich kritischen Anfragen zu seiner Zeit als Oberhirte in Essen stellen. Foto: KNA

Würzburg (mlu/KNA) Im jüngst bekanntgewordenen Fall eines Kölner Priesters, der trotz Verurteilung wegen Missbrauchs weiter seelsorglich tätig war, hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki um Vergebung gebeten. „Ich schäme mich für das, was hier geschehen ist“, so Woelki im Gespräch mit „domradio.de“. Es liege auf der Hand, dass Personen in dem Fall ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden seien und Kinder und Jugendliche wissentlich einer erheblichen Gefährdung ausgesetzt hätten.

Nun gelte es, so der Kölner Erzbischof, die Zusammenhänge gründlich aufzuklären. „Hier hat ein Priester Menschen schlimmes Leid zugefügt, und seine Vorgesetzten haben es zugelassen, dass er immer wieder mit Menschen in der Seelsorge in Berührung kam, auch mit Kindern und Jugendlichen, die ja nicht ahnen konnten, dass es sich hier um einen vorbestraften Mann handelt.“

Unabdingbar sei auch, dass man konkret benenne, was passiert ist, „und wer an welcher Stelle Verantwortung für die entsprechenden Entscheidungen trägt“. Dazu habe er im vergangenen Jahr eine Münchner Anwaltskanzlei mit einer unabhängigen Untersuchung des sexuellen Missbrauchs im Kölner Erzbistum beauftragt. Diese werde im kommenden Frühjahr einen umfassenden Bericht vorstellen, so Woelki. Der Auftrag der Experten sei es, festzustellen, inwieweit Vorgesetzte gegen staatliches oder kirchliches Recht verstoßen und ob auch strukturelle Voraussetzungen im Erzbistum Köln den sexuellen Missbrauch begünstigt hätten.

Verantwortliche hätten zu lange über den vielfach schlechten Zustand des Leibes Christi schlicht geschwiegen, so der Kölner Erzbischof. Als ersten Schritt zur Heilung fordert Woelki „Hinsehen und Zuhören“.

Konkret geht es um einen Kölner Priesters, der zunächst 1972 wegen „fortgesetzter Unzucht mit Kindern und Abhängigen“ zu einer Haftstrafe verurteilt worden war. 1988 erhielt er wegen sexueller Handlungen an Minderjährigen zudem eine Bewährungsstrafe. Dennoch wirkte er über Jahrzehnte weiter als Priester in mehreren Bistümern, darunter Essen und Münster.

Kardinal Woelki gab sich zuversichtlich, dass sich ein solcher Fall heute nicht mehr wiederholen könne. Inzwischen sei viel zur Prävention unternommen worden. Auch in der Ausbildung von Priestern pflege man heute eine ganz andere Herangehensweise: So würden Fragen der Sexualität offen thematisiert. „Und vor allem gehört dazu eine Selbstverpflichtung, allen Hinweisen auf sexuellen Missbrauch konsequent nachzugehen.“

Gleichzeitig betonte Woelki, dass die Aufarbeitung und der Kampf gegen sexuellen Missbrauch innerhalb der Kirche noch nicht beendet seien. „Wir müssen noch mehr tun und lernen immer noch dazu.“ Auch wenn das Thema Missbrauch die Kirche schon lange beschäftige, dürfe man nicht müde werden. „Die Betroffenen, aber überhaupt alle Gläubigen und die ganze Öffentlichkeit, erwarten von uns zu Recht, dass wir das Menschenmögliche im Kampf gegen den sexuellen Missbrauch tun.“

Auch Münsters Bischof Felix Genn räumte Fehler im Umgang mit Missbrauchsfällen ein. Zugleich bat er in einem am Freitag in Münster veröffentlichten offenen Brief um Entschuldigung.

Es sei „ein verheerender Fehler“ gewesen, dass unter seiner Verantwortung als Bischof von Essen der oben genannte zweimal verurteilte Priester in Bochum-Wattenscheid Seelsorgedienste versah. Zudem habe er als Bischof von Münster einem anderen beschuldigten Geistlichen nicht deutlich genug priesterliche Dienste untersagt. Beide Fälle waren im November bekannt geworden.

Von diesem Fall habe er erst im Mai erfahren, erläuterte Genn, der vor seiner Zeit in Münster von 2003 bis 2009 an der Spitze des Ruhrbistums stand. Er frage sich heute, warum er den Fall nicht wahrgenommen habe. In der WDR-Lokalzeit (Donnerstag) kritisierte der Bischof den „Apparat“, ihn nicht informiert zu haben. „Ich bin verärgert darüber“, so Genn.

In Bezug auf den zweiten Fall sagte Genn: „Ich habe Fehler gemacht.“ Dabei geht es um einen Geistlichen, der in den 1980er Jahren als Kaplan in Kevelaer über einen längeren Zeitraum in der Beichte ein Mädchen sexuell missbraucht haben soll. Die Betroffene setzte das Bistum 2010 darüber in Kenntnis, verlangte aber, dass der Sachverhalt nicht öffentlich gemacht und die Staatsanwaltschaft nicht eingeschaltet werde. Vor rund drei Jahren meldete sich die Frau erneut beim Bistum, weil der Geistliche entgegen den Auflagen weiter öffentlich Gottesdienste feierte.

Genn nannte es einen Fehler, dass er dem später nach Wadersloh-Bad Waldliesborn gewechselten Geistlichen nur „Gottesdienste ohne große Öffentlichkeit“ untersagt habe. Das sei unpräzise gewesen. Zudem hätte er mit dem Opfer einen Weg finden müssen, den Verantwortlichen Pfarrer vor Ort, das Seelsorgeteam und die Gremien über die Hintergründe umfassend zu informieren. Ernstzunehmenden Hinweisen, dass sich der Priester nicht an das Verbot hält, hätte er konsequenter nachgehen müssen.

Genn will nach eigenen Worten weitergehende Strafen wie Gehaltskürzungen oder andere Auflagen prüfen. Nachdem die Betroffene ihren Fall Anfang November öffentlich gemacht hatte, meldete sich eine weitere Frau. Auch sie warf dem Geistlichen vor, sie in den 1980er Jahren als Mädchen missbraucht zu haben.

Auch Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck gestand im Umgang mit dem wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten Ruhestandsgeistlichen in einer Pfarrei in Bochum-Wattenscheider verheerende Fehler seitens des Bistums Essen ein. „Das war unverantwortlich“, sagte Overbeck am Sonntag bei einem Besuch in der Gemeinde St. Joseph. „Nur zu sagen, ,Ich schäme mich dafür‘ ist noch zu wenig.“ Ein mehrfach verurteilter Missbrauchstäter dürfe nicht mehr in der Seelsorge tätig werden.

DT/mlu/KNA

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