Würzburg

Glaubenskurs Teil 21: Wie handeln Christen sozial verantwortlich?

Der multimediale Glaubenskurs von „Tagespost“, Youcat und Radio Horeb.

Brandenburger Tor
Brandenburger Tor Foto: youcat

Ein alter Name für die Kirche ist „Mutter“. Der berühmte Theologe Henri de Lubac sagte einmal: „Die Kirche ist meine Mutter, weil sie mir das Leben geschenkt hat. Sie ist es, weil sie mich beständig am Leben erhält und mich ... immer tiefer in dieses Leben hineinführt.“

Das Mütterliche an der Kirche führt unmittelbar in ihre Soziallehre. Denn wie ist eine gute Mutter? Sie ist rundum besorgt um ihre Kinder. Würde die Kirche nur kluge Lehren verbreiten, würde sie nur schöne Gottesdienste feiern, würde sie sich nur um das Seelenheil ihrer Kinder kümmern, sie wäre weder Kirche noch Mutter. Die Kirche muss an der ganzheitlichen Entwicklung der Menschen interessiert sein: Dass sie zu essen haben und sauberes Wasser, Bildung und Arbeit, dass sie in Sicherheit leben können, dass es Gerechtigkeit gibt, und dass die Kinder dieser Mutter sich nicht im Streit selbst zerfleischen.

Weil Christen schliefen, übernahmen die Marxisten ihren Job

Die Geschichte der Kirche ist nicht nur ruhmreich: Die Jünger schliefen, als Jesus Todesangst hatte. Viele Christen schliefen, als Hexen verfolgt wurden, als Sklaven verschifft wurden, als Indianer aus ihrer Heimat vertrieben wurden, als man Juden aus ihren Häusern abholte, als der Regenwald abgeholzt wurde, als Atomkraftwerke gebaut wurden, als Abtreibung zu einer Form der Geburtenregelung wurde. Die Soziallehre hätte in vielen Ländern geschrieben werden können. Ihre Anfänge liegen aber im Europa des 19. Jahrhunderts während der industriellen Revolution. Auch hier wurde die Kirche erst spät wach. Kinder schufteten in den Bergwerken und Arbeiter starben vor Hunger. Weil Christen schliefen, übernahmen die Marxisten ihren Job.


Der Versorgungsstaat, der direkt eingreift und die Gesellschaft ihrer Verantwortung beraubt, löst den Verlust an menschlicher Energie und das Aufblähen der Staatsapparate aus, die mehr von bürokratischer Logik als von dem Bemühen beherrscht sind, den Empfängern zu dienen; Hand in Hand damit geht eine ungeheure Ausgabensteigerung.
Papst Johannes Paul II. (1920 2005)

Spät erst reagierten Christen: Sie entdeckten den sozialen Kernsatz aus dem Matthäusevangelium wieder – diesen einen revolutionären Satz aus Mt 25, mit dem Jesus sich identisch machte mit der sozialen Sache: „Ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“

Aus diesem winzigen Samenkorn entfaltete sich die Soziallehre. Papst Leo XIII. griff sie auf und schrieb in seiner Enzyklika „Rerum novarum“ einen hammerharten Satz, der in dieser Zeit vollkommen ungewöhnlich war für ein päpstliches Dokument: „Dem Arbeiter den ihm gebührenden Lohn vorzuenthalten, ist eine himmelschreiende Sünde!“

Aber worin besteht diese Soziallehre im Kern? Sie besteht aus vier Prinzipien: dem Personalitätsprinzip, dem Solidaritätsprinzip, dem Subsidiaritätsprinzip und dem Gemeinwohlprinzip. Was ist damit gemeint?

Soziallehre besteht aus vier Prinzipien

Mit dem Personalitätsprinzip ist gemeint: „Nach dem obersten Grundsatz dieser Lehre muss der Mensch der Träger, Schöpfer und das Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen sein.“ (Mater et Magistra, n 219). Der einzelne Mensch in seiner Würde und Freiheit steht unter Gottes Schutz und damit ganz oben; er darf niemals zum Kanonenfutter oder zu welchen anderen Zwecken auch immer „verbraucht“ werden.

Mit dem Solidaritätsprinzip ist gemeint, dass alle miteinander anpacken müssen. So erst kann eine gerechte Gesellschaftsordnung entstehen, die jedem Menschen eine Erfüllung der Grundbedürfnisse gewährleistet. Wo der Einzelne aus sich keine Kraft hat für die Erfüllung seiner elementaren Grundbedürfnisse, muss die Gesellschaft helfend einspringen.

Unter dem Subsidiaritätsprinzip versteht man, dass Aufgaben, die von kleineren Einheiten übernommen werden können, auch ihr überlassen bleiben. Aufgabe der Familie ist die Erziehung ihrer Kinder; staatliche Organe dürfen erst dann subsidiär (= helfend) eingreifen, wenn die Familie überfordert wäre.

Das Gemeinwohlprinzip besagt, dass staatliche Autorität auf das gemeinsame Wohl aller, gerade der Schwächsten, ausgerichtet sein muss, damit die Gesellschaft nicht zum Spielfeld von Gruppen- oder Einzelinteressen wird.

Neben diesen vier Prinzipien befasst sich die Soziallehre noch intensiv mit den Themen Gerechtigkeit, Frieden und nachhaltige ökologische Entwicklung. Von der Soziallehre hat einmal jemand gesagt, sie sei der große „ungehobene Schatz der Kirche“. Weil sie universal ist und von keiner Macht, keiner Nation, keiner Gruppe, auch keinem Konzern für sich vereinnahmt werden kann, hat sie eine gewaltige Kraft. Möglicherweise weltverändernde Kraft.

  • YOUCAT 438: Warum hat die Katholische Kirche eine eigene Soziallehre?
  • YOUCAT 449: Welche Bedeutung haben die Armen für Christen? und 427: Warum gibt es kein absolutes Recht auf Privateigentum?
  • YOUCAT 439: Wie entstand die Soziallehre der Kirche?
  • YOUCAT 449: Welche Bedeutung haben die Armen für Christus?
  • YOUCAT 444: Was sagt die katholische Soziallehre zu den Themen Arbeit und Arbeitslosigkeit?
  • YOUCAT 332: Worin zeigt sich die Solidarität der Christen mit anderen Menschen?
  • YOUCAT 323: Wie kann der Einzelne so in die Gesellschaft integriert sein, dass er sich trotzdem frei entfalten kann?
  • YOUCAT 328: Was kann der Einzelne zum Gemeinwohl betragen?

 

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