Fulda

Gerber: „Eine Schule des Hörens“

Warum das Projekt „Pastoral am Puls“ der Schönstattbewegung ein vielversprechender Weg für Gottsucher im Allgemeinen und die Kirche im Besonderen ist : Ein Gespräch mit dem Fuldaer Bischof Michael Gerber über sein neues Buch.

Bischof Gerber zu "Pastoral am Puls"
"Wenn Prozesse kirchlicher Erneuerung nachhaltig sein wollen, dann müssen wir sie als geistliche Wege gestalten", meint der Fuldaer Bischof Michael Gerber. Foto: Jörn Perske (dpa)

Herr Bischof, welcher neue Ansatz steckt in „Pastoral am Puls“  - theologisch, pastoral und methodisch?

Wenn Prozesse kirchlicher Erneuerung nachhaltig sein wollen, dann müssen wir sie als geistliche Wege gestalten. Ausgangspunkt ist die gläubige Überzeugung, dass Gott in der Geschichte und damit auch heute handelt. Was wir an Wegen und Prozessen gestalten, soll nicht der mehr oder weniger hektische Versuch sein, zu retten, was noch zu retten ist, sondern will verstanden werden als Antwort auf die Initiative Gottes. Der geistliche Weg beginnt bei mir selbst, in der Ausprägung einer inneren Haltung, wie sie Maria im Magnifikat ausdrückt. Dass und was Gott Großes an mir wirkt, will die Grundstimmung meiner Seele prägen. Dieser lebendige Eindruck, von Gottes Gnade beschenkt zu sein, gibt mir eine innere Freiheit beim Blick auf die Wirklichkeit dieser Welt. Ich kann nüchtern hinschauen auf das, was ist in unserer großen und kleinen Welt und brauche nicht vorschnell Wahrnehmungen, die zunächst einmal irritierend sein könnten, auszublenden. Davon ausgehend stellt sich eine weitere Frage: Welche Resonanz lösen diese Wahrnehmungen bei mir und bei meinem Gegenüber aus? Was fällt uns gemeinsam auf? Wo könnte in dem, was wir miteinander wahrnehmen, ein Anruf Gottes stecken?

Welche Antworten bietet die Schrift darauf?

Das 11. Kapitel der Apostelgeschichte schildert sehr markant diesen Vorgang. Was Petrus zuvor im Umgang mit Heiden erlebt hat, was ihn von da ausgehend tief im Herzen bewegt - vgl. die Beschreibung seine Vision in Joppe - wird Gegenstand von Beratung und Richtungsentscheidung in der Jerusalemer Gemeinde.
„Pastoral am Puls“ ist aus der Spiritualität der Schönstattbewegung gewachsen. Auf einer „pastoralen Schriftrolle“ werden die genannten Wahrnehmungen festgehalten. Gemeinsam fragen wir uns, ganz in der Tradition des Petrus bei Joppe oder später des Paulus und seiner Begleiter auf den Missionsreisen: Zeigen sich hier geöffnete Türen, fordert Gott uns heraus, eine Option zu treffen für einen bestimmten Wachstumsvorgang?

„,Neuevangelisierung' ist nicht einfach
nur unser Projekt, sondern es
ist das Projekt Gottes mit uns"

Sie haben mit diesem Ansatz ja bereits gearbeitet. Bei welchen Gelegenheiten und mit welchen Gruppen konnte Ihr Team Erfahrungen machen? Und was hat sich dabei als besonders wichtig herausgestellt?

Das Buch verweist auf viele Erfahrungen mit Pfarrgemeinderäten, wenn es darum geht, wichtige Schwerpunktsetzungen für die Zukunft vorzunehmen. „Neuevangelisierung“ ist nicht einfach nur unser Projekt, sondern es ist das Projekt Gottes mit uns. In diesem Sinne fragen wir uns, wo ist Gott dabei, den Boden vorzubereiten für seine Saat? „Pastoral am Puls“ findet Anwendung in ganz unterschiedlichen Bereichen, etwa auch bei der Firm- und Erstkommunionvorbereitung, im Schulunterricht oder in der Umsetzung einer Pilgerreise.

 
Welchen Beitrag kann „Pastoral am Puls“ für unsere heutige Situation in Kirche und Gesellschaft erbringen?
 

„Pastoral am Puls“ ist nicht einfach ein „Erfolgsrezept“. Die Geschichte der Kirche war noch nie eine lineare „Erfolgsgeschichte“. Von Anfang an gibt es Enttäuschung und Schiffbruch. „Pastoral am Puls“ will helfen, zu einer inneren Haltung zu finden, um auch im „Schiffbruch“ – nicht auf den ersten, aber vielleicht auf den dritten oder vierten Blick – zu erkennen, wohin Gott uns damit führen möchte. Paulus scheitert – vordergründig – auf einer seiner Missionsreisen in Kleinasien, wie das der Anfang des 16. Kapitels der Apostelgeschichte beschreibt. Doch auf diese Weise gelangt durch ihn das Evangelium nach Europa. Eine solche Offenheit, im vordergründigen Scheitern eine neue Initiative Gottes zu entdecken, setzt eine Haltung voraus, die sich nicht innerlich „festbeißt“ am Frust und der Enttäuschung, sondern in einer geistlichen Gelassenheit danach sucht, wo eröffnet Gott neu und unerwartet einen Weg.

"Es ist wenig sinnvoll, wenn wir unsere
jeweiligen Argumente nur in den Kreisen
Gleichgesinnter ventilieren und dann
gegen „die Anderen“ in Stellung bringen"

Der „Synodale Prozess“, den die Bischofskonferenz beschlossen hat, soll einige Problemfelder der kirchlichen Realität beleuchten. Kann die „Pastoral am Puls“ auch hier einen Mehrwert einbringen? Um welche Punkte könnte es sich dabei handeln?

Pastoral am Puls ist wesentlich eine „Schule des Hörens“. Ich muss dem Anderen zuhören, heraushören, welche Erfahrungen und Empfindungen schwingen mit und was könnte Gott mir möglicherweise damit sagen? Genau das braucht unsere Kirche heute. Es ist wenig sinnvoll, wenn wir unsere jeweiligen Argumente nur in den Kreisen Gleichgesinnter ventilieren und dann gegen „die Anderen“ in Stellung bringen. Fragen wir uns kritisch: Welche innere Antenne habe ich für die Erfahrungen Anderer? Das können die Erfahrungen der Frauen von „Maria 2.0“ sein und auf der anderen Seite die Erfahrungen denjenigen, die sich seit Jahrzehnten für die „Theologie des Leibes“ engagieren. Höre ich diesen Menschen wirklich zu oder bringe ich gleich meine Gegenargumente in Position? Frage ich mich kritisch und in einer geistlichen Haltung: Welche Botschaft könnte für mich im Gehörten enthalten sein?

Gott schreibt die Geschichte mit den Menschen weiter, wenn sie sich dafür öffnen. Das ist die Überzeugung, aus der heraus Ihr pastoraler Ansatz gewachsen ist. In welchem Verhältnis stehen diese Gedanken zur Überzeugung der Einzigartigkeit der Offenbarung in Jesus Christus?

Das Konzilsdokument „Lumen Gentium“ beschreibt gleich eingangs die Kirche als „Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.“ Die Kirche ist nicht einfach eine Gemeinschaft, die auf eine Art „Ur-Impuls“ Jesu zurückgeht und nun sich selbst überlassen ist. Nein, Gott ist gerade heute der eigentlich Handelnde im Leben der Kirche. In den Sakramenten feiern wir, dass Gottes österliches Heilswirken für uns heute gegenwärtig wird. Das soll unseren Blick auf die Kirche insgesamt prägen. Wo vergegenwärtigen sich in den großen und kleinen Dramen unserer Kirche, ob bei den verfolgten Christen, ob in den Aufbrüchen und Zusammenbrüchen hierzulande erneut Menschwerdung, Passion, Tod und Auferstehung Jesu Christi? Zugleich ist es zu allen Zeiten der Heilige Geist, der auf sehr unterschiedliche Weise Menschen für das Wort Gottes öffnet: Je nach Kontext und seelischer Verfasstheit den äthiopischen Kämmerer anders als die Purpurhändlerin Lydia.

"Wo gibt Gott uns in einem größeren
oder kleineren Lebensaufbruch eine „Steilvorlage“,
die nach einer konkreten Antwort verlangt?"

Wie ist diese Vielfalt zu erklären?

Es ist eine Frucht der sakramentalen Verfassung der Kirche, dass es in ihr eine ganz grundlegende Wahrnehmungsfähigkeit gibt: Wo gibt Gott uns in einem größeren oder kleineren Lebensaufbruch eine „Steilvorlage“, die nach einer konkreten Antwort verlangt? Daran knüpft „Pastoral am Puls“ an, indem sie die hierüber einen qualifizierten Austausch fördert. Wesentlich ist dafür freilich die Gabe der „Unterscheidung der Geister“; die Offenbarung in Jesus als dem Christus ist grundlegender Maßstab. Schauen wir uns dazu die großen Erneuerungsbewegungen, etwa durch Franziskus oder Ignatius von Loyola an: Die Kirche hat das kritisch geprüft und schließlich als wesentlichen Impuls, für den eigenen weiteren Weg verstanden und damit aufgegriffen.

Welche Erwartungen verknüpfen sich für Sie mit der Veröffentlichung Ihres pastoralen Ansatzes?

Wir reden viel von „geistlichen Prozessen“. Oft ist das mehr als eine Sehnsucht postuliert. „Pastoral am Puls“ soll helfen –ähnlich wie weitere vergleichbare Ansätze, etwa aus der Spiritualität der Jesuiten –, hier konkrete Wege zu gehen.

Was raten Sie Gruppen, die in der pastoralen Arbeit Ihr neues Buch als Grundlage nehmen möchten?

Starten Sie mit einem dafür reservierten Klausurtag, wie ihn das Buch beschreibt. Und laden Sie einen Multiplikator ein. Über unsere Homepage sind Kontaktadressen zu finden. Denn es ist auch heute noch wie zur Zeit des Paulus: Leben entzündet sich an Leben.

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