Erfurt

Gefährlicher Abschied vom Teufel

Wer den Teufel nur noch als Symbol des Bösen und nicht mehr als persönliches Wesen versteht, entfernt sich von den Aussagen der Heiligen Schrift und leugnet die Realität.

Grinsender Teufel
Der Teufel auf Seelenfang: Veralteter Aberglaube oder ernste Realität? Foto: KNA

Die „veröffentlichte Meinung“ und die akademische Öffentlichkeit der westlichen Welt sind weithin vom Weltbild der „Aufklärung“ bestimmt. Danach gibt es kein göttliches Einwirken in die Geschichte und der unsichtbare Einfluss von Geistwesen gilt als eine kindliche Phantasie. Diese Mentalität ist auch in christliche Kreise eingedrungen, wie etwa ein bekanntes Wort des evangelischen Exegeten Rudolf Bultmann bezeugt: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben“ (Neues Testament und Mythologie, 1941).

In diesem Rahmen wird oft die Existenz des Teufels geleugnet. Ein neueres Beispiel dafür sind die Aussagen des Jesuitengenerals Arturo Sosa Abascal in einem in der Zeitschrift „Tempi“ veröffentlichten Interview: der Teufel existiere nur als Symbol, nicht aber als persönliche Wirklichkeit. Dabei gehe es um böse Strukturen. Deutlich ist der Kontrast zu Papst Franziskus, der überaus häufig an das Wirken des personalen Bösen erinnert und dies offenbar keineswegs bloß „symbolisch“ versteht.

„Teufel“ ist nicht bloß ein Synonym für „Böses“

Das bekannteste Beispiel für die Leugnung der Existenz des Teufels ist im deutschsprachigen Raum der frühere Alttestamentler an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen, Herbert Haag († 2001). In seinem 1974 erschienenen Werk „Teufelsglaube“ geht Haag wie Bultmann davon aus, dass der „moderne Mensch“ nicht mehr an Geistwesen glauben könne, wie es hingegen das Neue Testament voraussetze. Die Existenz des Teufels (wie auch der Engel) entspreche einem überholten Weltbild und gehöre nicht zur verbindlichen Botschaft der Bibel. Der Teufel sei bloß die Personifizierung des Bösen, der Sünde. Die Worte „Satan, Teufel, Welt, Sünde, Böses“ seien miteinander austauschbar. Haag behauptete sogar, Jesus selbst habe nichts über den Teufel gesagt. Dies sei erst durch die Evangelisten geschehen. Die Exorzismen beträfen die Heilung von psychischen Krankheiten. Außerdem habe man jede Krankheit mit einem Dämon verbunden, was heutigem Denken vollkommen fremd sei.

Mit dem „Abschied vom Teufel“ befasste sich kritisch der damalige Theologieprofessor Joseph Ratzinger (Dogma und Verkündigung, 1973). Er wies darauf hin, dass die Leugnung der Existenz des Teufels nicht exegetischen Erkenntnissen entspringe, sondern der bürgerlichen „aufklärerischen“ Mentalität eines deutschen Zeitgenossen. Selbst inmitten der freigeistigsten Exegeten, die außer ihren eigenen Vorurteilen kein Credo bekennen, ist Haag isoliert geblieben mit der Behauptung, die Gestalt Jesu habe ursprünglich nichts mit seinem Widersacher, dem Teufel, zu tun.

In dem von ihm selbst herausgegebenen Werk „Teufelsglaube“ schreibt einer seiner Schüler über hundert Seiten über die Lehre des Neuen Testamentes bezüglich des Teufels und der mit ihm verbundenen bösen Geister. Interessant ist auch, dass Haag selbst gar nicht die zahlreichen Dämonenaustreibungen leugnet, die in den Evangelien vorkommen. Er behauptet nur, die Dämonen hätten nichts mit dem Teufel zu tun. Dabei geht er aus von dem mit Jesus zeitgenössischen Judentum. Dämonen sind für die damaligen Rabbinen nicht unbedingt böse.

Diese Beobachtung von Haag ist richtig, aber er beachtet nicht, dass Jesus als Sohn Gottes eine eigengeprägte Weltsicht hat, die nicht von der damaligen Umwelt ableitbar ist. In seinem Streitgespräch über Beelzebul etwa verbindet er ganz klar die Dämonen mit dem Teufel (Markus 3, 22–30). Über den Teufel spricht er nicht nur im Zusammenhang mit den Exorzismen, sondern auch zu anderen Anlässen. Jesu Heilssendung führt zum Sieg über den Bösen: „Ich sah den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel fallen“ (Lukas 10, 18). Der Gegensatz zum Wirken des Teufels gehört also zum Zentrum des messianischen Wirkens Jesu. Wer die Existenz des Teufels leugnet, greift das Selbstverständnis des Sohnes Gottes an. „Die Gestalt Jesu, ihre geistige Physiognomie ändert sich nicht, ob sich nun die Sonne um die Erde dreht oder ob die Erde sich um die Sonne bewegt, ob die Welt evolutiv geworden ist oder nicht, aber sie wird entscheidend geändert, wenn man das Ringen mit der erfahrenen Macht des Reiches der Dämonen aus ihr wegschneidet“ (Ratzinger).

Falsch ist auch die Behauptung Haags, das Neue Testament verbinde jede Krankheit mit einem Dämon. Unter den ältesten christlichen Autoren hebt etwa der Apologet Tatian ausdrücklich den Unterschied zwischen Krankheit und Besessenheit hervor, auch wenn in den ersten Jahrhunderten die Epilepsie oft einem dämonischen Ursprung zugeordnet wurde (freilich nicht im Neuen Testament).

Unzutreffend ist auch die These, die Begriffe „Sünde“ und „Satan“ seien miteinander austauschbar (oder bei Sosa: „Teufel“ meine böse Strukturen). Wer die Existenz des Teufels als eines gefallenen Engels leugnet, gerät leicht in die Nähe des Manichäismus, der auf Gott selbst nicht nur das Gute, sondern auch das Böse übertrug. Da Haag nicht nur die Existenz des Teufels leugnet, sondern auch den heilen Ursprung des Menschen im Paradies und die Erbsünde, neigt er dazu, das Böse auf Gott selbst zurückzuführen. Walter Kasper bemerkt dazu kritisch: Die Lösung Haags „läuft … einerseits auf eine Dämonisierung Gottes, andererseits auf einen sublimen Manichäismus, der das Böse in der Endlichkeit der Welt angelegt ist, hinaus“ (1978). Darauf hin driftet wohl auch Sosa mit seiner Rede von den bösen „Strukturen“.

Leugnung des Teufels führt zur Dämonisierung Gottes

Der Teufel ist in der Heiligen Schrift und der kirchlichen Lehre zweifellos ein geistiges Subjekt mit Erkennen und Wollen, also im metaphysischen Sinne eine Person. Wer seine Existenz leugnet, entleert die Heilssendung Jesu und das Wirken der Kirche, die stärker sind als das Wirken der bösen Geister.

Vielleicht sollten die Jesuiten ihrem General die Lektüre des amerikanischen Militärhistorikers Thomas B. Allen empfehlen, der selbst Agnostiker ist, aber genauestens die Geschichte des Falles untersucht hat, der (mit einigen Verwandlungen) dem Hollywood-Film „Der Exorzist“ zugrunde liegt: „Besessen. Die wahre Geschichte eines Exorzismus“. Allen benutzt dabei die authentischen Tagebuch-Aufzeichnungen der Jesuiten in St. Louis, die einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg einen evangelischen Jungen mit dem Exorzismus von der Besessenheit befreiten. Wer diese eindrucksvollen Tatsachenbeschreibungen liest, die durchaus den biblischen Berichten entsprechen, wird sich schwertun, die berichteten Fakten als Hirngespinst, psychische Krankheit oder „Symbol“ zu vermarkten. Papst Franziskus könnte seinem General das Buch zu 40-tägigen ignatianischen Exerzitien nahelegen. Der missionarischen Dynamik des Jesuitenordens würde dies sicherlich gut tun. Das Vorbild dazu finden wir schon in der Kirche des Altertums: „Der Exorzismus ist einer der Hauptgründe für den Erfolg der urchristlichen und altkirchlichen Mission“ (TRE 10, 750).