Würzburg

Frühchristliche Sozialethik

Wie Ambrosius von Mailand einst den Reichen ins Gewissen redete, hat nichts von seiner Sprengkraft verloren.

Heiliger Ambrosius
Den Armen zu geben betrachtete Ambrosius als die beste Geldanlage. Foto: KNA

Wie weit wollt ihr Reichen eure wahnsinnige Habsucht treiben? Wollt ihr allein auf der Erde wohnen? [..]. Zum gemeinsamen Eigentum für alle, für Reiche und Arme, ist die Erde geschaffen.“ Würde ein Bischof heute so predigen, trüge das ihm in bestimmten Internetforen sicher den Vorwurf ein, ein „Roter“ oder „Linker“ zu sein. Gegen den Bischof, der sich tatsächlich so geäußert hat, wird man freilich solche Bezichtigungen nicht richten wollen. Schließlich hieße das, sich gegen Ambrosius von Mailand (339–397) zu stellen, einen der großen lateinischen Kirchenväter. Das Zitat stammt aus dem Kommentar zur alttestamentlichen Geschichte von Naboths Weinberg, den Ambrosius als Bischof von Mailand um 390/91 verfasste. Also über den im Ersten Buch der Könige niedergeschriebenen Bericht darüber, wie sich König Achab von Israel und seine Frau Jezabel den an ihren Privatbesitz angrenzenden Weinberg des Naboth durch eine tückische List aneigneten, die Naboth das Leben kostete. Diese Geschichte nach Art eines modernen Kommentars historisch-kritisch einzusargen, kam Ambrosius nicht in den Sinn, denn für ihn besaß sie aktuelle Bedeutung: „Die Geschichte des Naboth ist der Zeit nach alt, ereignet sich aber täglich von neuem. Denn gibt es wohl einen unter den Reichen, der nicht täglich nach fremdem Gut verlangt?“

Kein sensibler Umgang mit den Reichen

Besonders sensibel geht der Kirchenvater mit den Reichen in dieser Schrift nicht um. Das lateinische Adjektiv „dives“ (reich) leitet er gar von „Dis“ ab, dem traditionellen Namen des Gottes der Unterwelt. Im Erstellen solcher willkürlicher Etymologien war die Antike freilich nicht erst bei Ambrosius stark. In einer anderen Schrift differenzierte Ambrosius stärker: „Nicht jede Armut nämlich ist heilig, beziehungsweise nicht jeder Reichtum sündhaft.“ Man sollte diese Einschränkung bei den mitunter sehr starken Formulierungen des Naboth-Kommentars besser mitdenken.

Der Bischof zeigt ein großes satirisches Talent, wenn er die Folgen von Habgier, Verschwendungssucht und Geiz vor Augen führt. Manches wirkt nur allzu vertraut: Leute, die sich viele Gedanken über die Stammbäume ihrer Hunde und Pferde machen, gibt es zum Beispiel auch heute noch. An anderer Stelle kommt Ambrosius zu einer paradoxen Feststellung: Der Habsüchtige ist sogar in diesem Leben schon arm dran, da sein Hunger nach immer mehr Besitz sich nie stillen lässt.

Massenverelendung ist in unseren Breiten nicht gegeben

Dieser Text hat Sprengkraft, er ist kein Museumsstück. Dennoch darf man bei seiner Interpretation nicht völlig auf den historischen Kontext verzichten. Was Ambrosius im Italien seiner Zeit vor Augen stand, war eine mit Deflation und Bevölkerungsrückgang einhergehende Wirtschaftskrise, in der einige wenige Großgrundbesitzer ihren Besitz rücksichtslos auf Kosten der Kleinbauern vergrößerten. Die Massenverelendung, mit der Ambrosius konfrontiert war, ist in unseren Breiten nicht gegeben. Der Abstand zwischen den wirklich Superreichen und dem Rest der Menschheit dürfte freilich heute noch ausgeprägter sein als in der Spätantike. Und auch in Gesellschaften, die ihren Armen ein gewisses Lebensminimum zusichern, behält der Appell des Mailänder Bischofs seine grundsätzliche Aktualität. Den eigenen Reichtum den Armen zugutekommen zu lassen, ist bei Ambrosius nicht nur empfehlenswert, sondern eine Verpflichtung. Was als Idealvorstellung aufscheint, ist kein utopisches Paradies, in dem alle sozialen Unterschiede nivelliert sind, sondern eine Welt, in der die Reichen bereit sind, den Armen in ihrer Not beizustehen. Den Armen zu geben, ist für Ambrosius sogar die beste denkbare Geldanlage, denn „Wer den Armen gibt, der leiht Gott auf Zins.“ Im heutigen Kontext ist dieses kleine Meisterwerk nicht zuletzt ein gutes Gegengift gegen eine mitunter anzutreffende neoliberale Aushöhlung der Katholischen Soziallehre, wie sie in den USA von dem – in anderen Bereichen sehr verdienstvollen – Publizisten George Weigel oder in Europa von Martin Rhonheimer betrieben wird.

Und noch etwas macht diese Schrift deutlich: Die christliche Lösung besteht nicht darin, die Armen zum Aufstand zu bewegen, sondern darin, den Reichen ins Gewissen zu reden. Ambrosius führt in seinem Kommentar vor Augen, was eine authentische katholische „Option für die Armen“ bedeutet. Deshalb ist es wohl kein Zufall, dass Papst Franziskus diesen Kommentar kennt und schätzt. Auch für ihn ist der Naboth-Bericht „keine Geschichte aus anderen Zeiten, sondern es ist auch die Geschichte von heute, der Mächtigen, die, um mehr Geld zu haben, die Armen ausbeuten [...] Darum habe ich Euch gesagt, dass es Euch guttun wird, jenes Buch des heiligen Ambrosius über Naboth zu lesen, denn es ist ein hochaktuelles Buch.“ Und schon Pius XI. und Paul VI. – beide als Erzbischöfe von Mailand direkte Nachfolger des Ambrosius – ließen sich in ihrem Einsatz für die Armen vom Vorbild des Kirchenvaters inspirieren. Die vorliegende Neuausgabe der Übersetzung von Josef Huhn aus dem Jahr 1950 hat ihre Frische vollkommen bewahrt und ist ein Lesegenuss.

Greiner, Susanne (Hrsg.): Ambrosius von Mailand. Der Mächtige und der Arme. Johannes Verlag Einsiedeln, Freiburg 2019, kartoniert, 78 Seiten, ISBN 978-3-89411-446-6, EUR 12,-

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