Chur

"Es geht nur durch die Einheit im Glauben"

Seine Aufgabe als Administrator des Bistums Chur stellt Bischof Peter Bürcher vor eine große Herausforderung: die Diözese wieder einen und zugleich die Einheit mit der Weltkirche wahren.

Der Churer Bischof Peter Bürcher
Der gebürtige Walliser Peter Bürcher war von 2007 bis 2015 Bischof von Reykjavík. Im Mai bestellte ihn Papst Franziskus zum Apostolischen Administrator des Bistums Chur. Foto: Bistum Chur

Herr Bischof, seit gut drei Monaten leiten Sie als Apostolischer Administrator die Diözese Chur. Wie haben Sie in diese Aufgabe hineingefunden?

In meinen acht Jahren in Island war ich gewohnt, sowohl ins kalte Wasser zu springen, als auch in sehr warmes. Ich hatte hier in Chur ohnehin keine Zeit, darüber nachzudenken, wie oder was werden soll. Es ist alles sofort auf mich zugekommen. Das ging leider schon los mit dem Tod und der Beisetzung von Bischof Amédée Grab eine Woche nach meiner Ernennung. Und ich war ja nach meiner Zeit in Island schon im Ruhestand. Es war also sehr überraschend. Papst Franziskus hat mir in einer Privataudienz aber gesagt, dass es nur für ein paar Monate sei. In dem Gespräch habe ich herausgehört, dass das Bistum Chur ihm am Herzen liegt. Er weiß viel über die Schweiz. Er will eine gute Lösung finden und nicht zu lange warten.

Ist das Bistum schon bereit für einen neuen Bischof?

Wann ist ein Bistum schon bereit? Wir haben gute Hoffnung. Ich bin auch sehr glücklich, dass das Bistum bereits vor Monaten angefangen hat, für einen neuen Bischof zu beten.

Wo steht das Bistum derzeit?

Die größte Herausforderung ist die eines jeden Bistums: Bei aller Verschiedenheit – das Bistum Chur hat mit sieben Kantonen eine große Diversität – ein Teil der Weltkirche zu sein und zu bleiben. Das heißt, die Einheit nicht nur vor Ort zu wahren, sondern auch mit dem Rest der Universalkirche. Das geht nur durch die Einheit im Glauben über alle kulturellen und regionalen Eigenheiten hinweg. Die Wirklichkeit, dass wir im Glauben eins sind, muss Vorrang haben.

"Die Wirklichkeit, dass wir im
Glauben eins sind, muss Vorrang haben"

Unter Schweizer Katholiken ist das Beharren auf die eigene Besonderheit stark ausgeprägt. Schon als Weihbischof in Lausanne haben Sie vor fünfzehn Jahren das duale System kritisiert. Sehen Sie das nach ihren Jahren in der Diaspora anders?

Am Tag meines Amtsantritts in Chur habe ich eine Botschaft an das Bistum ausgesandt und darin klar gesagt, dass ich ausdrücklich für alle da bin und bereit bin, mit allen zu sprechen. Daraufhin habe ich eine Einladung von der Synode der Römisch-katholischen Körperschaft des Kantons Zürich erhalten. Das habe ich positiv aufgenommen. Wie ich gesagt habe, gehören wir alle zur Weltkirche. Ein Katholik ist aber kein Satellit, sondern lebendiges Glied der Kirche Christi. Natürlich ist die Frage der Strukturen von hoher Aktualität. Das duale System braucht sicher manche Reformen, wie sie im „Vademecum“ von 2012 beschrieben hat. Alle regional oder kulturell bedingten Weisen, sich in der Kirche zu organisieren und in die Gesellschaft hineinzuwirken, sind nur so gut, wie sie auch der Einheit im Glauben dienen. Das Bewusstsein, mit der ganzen Kirche im Dienst des Herrn zu stehen, ist unumgänglich.

Die Schweizer Bischöfe wollen nun auch über einen synodalen Dialogprozess beraten. Halten Sie das deutsche Vorbild des „Synodalen Wegs“ für so gelungen?

Ich urteile nicht öffentlich über das, was die Deutsche Bischofskonferenz macht. Die Kirche sollte immer in gewisser Weise einen synodalen Weg gehen, im Ringen um die Wege des Glaubens in der jeweiligen Zeit. Dazu hat der Papst kürzlich klargestellt, dass es nicht darum gehen kann, Kerngehalte des Glaubens, die die ganze Weltkirche betreffen, zur Disposition zu stellen.

"Wir müssen vor allem lernen, den Glauben
so zu erklären, dass kirchlich nicht sozialisierte
Menschen ihn wieder verstehen können"

Die Schweizer Bischofskonferenz wird sich gewiss daran halten. Es geht nicht um die Inhalte, sondern um den Weg des Glaubens. Wir müssen vor allem lernen, den Glauben so zu erklären, dass kirchlich nicht sozialisierte Menschen ihn wieder verstehen können. Es geht darum, eine neue Sprache für wesentliche Glaubenselemente finden, aber ohne die Substanz zu verwässern oder dem Mainstream zu opfern.

Was bedeutet das für den Inhalt des geplanten Prozesses?

Wir werden das auf unserer schweizerischen Versammlung in der kommenden Woche beraten. Ich kann nicht schon die Schlussfolgerungen vorwegnehmen. Für das Bistum Chur kann ich sagen, dass wir auf dem Weg der Sehnsucht nach Gott sind. Es geht um Festigung und Erneuerung der Glaubensweitergabe. Dabei muss man auch neue Wege finden, zum Beispiel mit den Jugendlichen. Ich habe große Hoffnung, dass wir als Volk Gottes dem Willen des Herrn immer besser entsprechen können.

Bischof Vitus Huonder hatte in seiner Amtszeit vor allem auf die bewährten Wege der Kirche gesetzt. Dafür wurde er häufig kritisiert. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Ich habe davon im Ausland wenig mitbekommen. Jetzt bin ich auch erst seit drei Monaten hier und konnte mir noch kein vollständiges Bild machen. Das braucht sicher noch einige Pinselstriche und einige Zeit. Das betrifft sowohl das Bild der Vergangenheit, als auch das der Gegenwart und Zukunft. Hier gibt es wie überall „Gaudium et spes, luctus et angor“ – „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“. „Freude und Hoffnung“ stehen aber an erster Stelle. Das Positive ist wichtiger, so erlebe ich es.

Was kann die Kirche in der Schweiz von den Katholiken in der nordeuropäischen Diaspora lernen?

Ich glaube, dass wir die Sehnsucht nach Gott noch stärker pflegen können. Das ist schließlich die Grundhaltung des Getauften. Es freut mich, dass uns Papst Franziskus mit dem außerordentlichen Monat der Weltmission im Oktober das Thema „Getauft und gesandt“ vorgegeben hat.

"Ich glaube, dass wir die Sehnsucht
nach Gott noch stärker pflegen können"

Wir sind nicht nur passive Getaufte, sondern lebendige Glieder der Kirche. Das ist außerordentlich wichtig. Im Bistum Chur werden wir eine marianische Wallfahrt nach Einsiedeln im kommenden Missionsmonat unternehmen und besonders für den neuen Bischof beten.

Die Sehnsucht nach Gott scheint Ihr Lebensthema zu sein.

Das soll natürlich bei mir selbst beginnen. Wir sind alle auf dem Weg. Für mich ist es grundlegend, den Glauben zu stärken durch das Gebet, die Sakramente und die Bildung. Das will ich auch den Gläubigen, vor allem den Jugendlichen, mitgeben.

Wie versuchen Sie, in Ihrem Gegenüber diese Sehnsucht zu wecken?

Es gibt viele Zeichen Gottes in unsere Richtung. In meinen ersten Tagen hier in Chur bin ich vor einer Kirche in der Altstadt einem Mann im Rollstuhl begegnet. Ich kannte ihn nicht, aber er sagte mir: „Es wird alles sehr gut werden für Sie.“ Zwei Tage später kam ich an der gleichen Kirche vorbei und da rief mich eine mir unbekannte Frau zu sich: „Wissen Sie, Herr Bischof, wir beten schon lange für Sie.“ Und sie war nicht katholisch. Das hat mich sehr beeindruckt. Diese zwei Menschen habe ich angenommen als Zeichen Gottes. Gott spricht uns sehr oft direkt an durch konkrete Personen oder Ereignisse. Das zu erfahren, kann jeden im Glauben festigen.

Ihr Dienst hier hat also mit Gotteserfahrungen begonnen?

Es wäre vielleicht etwas übertrieben, das so zu sagen. Aber ich bin in diesem Volk Gottes glücklich, Bischof zu sein, und bin oft ein glücklicher Bischof.

Ist es auch ein glückliches Volk Gottes?

Ich habe hier viele Personen getroffen, die sehr positiv im Glauben voranschreiten. Ich habe zum Beispiel Verantwortliche aus der Jugendarbeit getroffen oder aus der Seelsorge und Diakonie. Auch mit vielen Priestern bin ich zusammengetroffen. Das gefällt mir. Es gehört zu meiner Aufgabe, so gut und so viel wie möglich mit den Leuten in Kontakt zu kommen und auf sie zu hören. Der Diener muss zuhören um besser dienen zu können. Mein Dienst ist ein apostolischer, als Nachfolger der Apostel, das muss er sein. Und im Dienen findet man auch viel Freude und Frieden.