Dublin

"Eine Tragödie"

Welche Mühen der Ebene Lebensschützer im zutiefst gespaltenen katholischen Irland bewältigen, schildert die Rechtsanwältin Maria Steen vom Iona Institut in Dublin.

Die Rechtsanwältin Maria Steen
Die Rechtsanwältin Maria Steen hofft darauf, dass die Kirche in Irland ihre Institutionen neu aufstellt. Foto: privat

Frau Steen, was beschäftigt derzeit die Lebensrechtsbewegung in Irland?

Irlands Lebensrechtler machen einen Trauerprozess um einen Verlust durch: Ein höchst humanes Gesetz wurde aufgehoben. Dieses Gesetz erkannte die Würde jedes Menschen an. Zugleich erkannte es an, dass schwierige Lebensumstände entstehen können, unter denen das Leben eines Babys unbeabsichtigt verloren gehen kann, während um das Leben der Mutter gekämpft wird. Wir haben eine beispiellose Tragödie in unserem Land erlitten: Eine Mehrheit des irischen Volkes stimmte demokratisch ab, um Kindern vor ihrer Geburt alle Rechte zu entziehen, damit sie nach Belieben getötet werden können.

"Alle politischen Parteien in unserem
Parlament waren für die Abtreibung,
alle Medien redeten lieber den
Abtreibungsbefürwortern das Wort"

Viele Anhänger der Lebensrechtsbewegung haben sich landauf, landab unermüdlich eingesetzt und versucht, ihre Mitbürger davon zu überzeugen, wie wichtig es ist, das bestehende Gesetz (der achte Zusatz der irischen Verfassung) zu behalten. Aber alle politischen Parteien in unserem Parlament waren für die Abtreibung, alle Medien redeten lieber den Abtreibungsbefürwortern das Wort - ob implizit oder explizit - und auch das Großkapital unterstützte den Vorschlag, das Gesetz aufzuheben. Google und Facebook verboten Werbung im Zusammenhang mit Abtreibungen. Sie bezogen sich zwar auf Anzeigen beider Seiten der Debatte, aber die Pro-life-Bewegung traf es härter, da die Abtreibungsbefürworter ja das Parlament hatten und das von den traditionellen Medien dominierte Radio sowie die Printmedien. Wer den Mut hatte, sich an der gesellschaftspolitischen Debatte zu beteiligen, brauchte ein dickes Fell – vor allem, wenn der Austausch in den Social Media und im wirklichen Leben oft nicht nur unhöflich, sondern ätzend scharf war.

Und was ist aus Ihrer Sicht jetzt dran?

Es ist jetzt an der Zeit, sich neu aufzustellen, Frauen, die über eine Abtreibung nachdenken, praktische Unterstützung zu leisten und eine prophetische Stimme zu bleiben. Es ist Zeit für Prognosen: Welchen Kurs schlägt Irland nun, da wir liberale Abtreibungsgesetze haben, ein?

Wie erklären Sie sich die hohe Zustimmung unter irischen Katholiken – auch unter Priestern und Ordensleuten – für die Abtreibung?

"Jeder muss die persönliche
Verantwortung für sein Handeln übernehmen"

Mit Blick auf die Katholiken, die im vorigen Jahr für die Abtreibung votierten, finde ich, dass jeder die persönliche Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss. Manche haben sich nicht um das Thema gekümmert oder sie lagen offen mit der Lehre der Kirche über die Würde und Heiligkeit menschlichen Lebens überkreuz. Andere ließen sich täuschen und dachten, dies sei notwendig, um das Leben der Frauen zu retten. Es besteht kein Zweifel, dass ein Katholik nicht aus Gewissensgründen für die Abtreibung stimmen kann. Es handelt sich um einen schwerwiegenden unmoralischen Akt. Wenn man jedoch die Schuld jedes Einzelnen bei der Abstimmung über die Abtreibung in Betracht zieht, darf die Rolle der Kirche in Katechese und Bildung nicht übersehen werden.

Warum?

Wir haben in Irland seit Jahrzehnten einen unterirdischen Religionsunterricht, das gilt auch für  Katechese und Glaubensunterweisung. Selbst Priester und Nonnen verstehen die Lehre der Kirche – die Gottes Gesetz widerspiegelt – nicht oder lehnen sie ab und lassen sich stattdessen von der vorherrschenden Kultur, die uns in der westlichen Welt umgibt, prägen.

Wer gehört zu den besten Stützen der Pro-Life-Bewegung in Irland?

Es ist schwer zu sagen, wer das Lebensrecht am besten stützt. Wie in der Kirche sind die Rollen auch hier verteilt. Manche arbeiten das ganze Jahr über mit Frauen, die an eine Abtreibung denken und investieren Zeit und Mühe, um sie zu unterstützen. Manche entscheiden sich für das Leben und gegen eine Abtreibung und leben tagein tagaus mit ihren Kindern vor, was es heißt, Pro life zu sein. Wir haben einige mutige Journalisten, die keine Angst haben, sich zu diesem Thema zu äußern, trotz der Auswirkungen auf ihre Karriere und ihr Leben. Mit Ausnahme einiger ausgezeichneter Priester und Bischöfe spielte die Kirche in der Debatte leider keine große Rolle.

Wie ist dieses Phänomen zu erklären?

"Zu viele Priester haben Angst vor klaren
Worten, weil sie fürchten,
dem Lebensschutz damit zu schaden"

Es ist eine der vielen tragischen Folgen der Missbrauchsskandale, ein „teuflisches Meisterwerk“, wie Bischof Robert Barron es genannt hat. Es hat die moralische Autorität der kirchlichen Hierarchie in Frage gestellt. Zu viele Priester haben Angst vor klaren Worten, weil sie fürchten, dem Lebensschutz damit zu schaden.

Wie können die Gewissen besser für den Wert des menschlichen Lebens von seinem Beginn an sensibilisiert werden?

Es ist schwierig, das Bewusstsein in den Menschen zu wecken, wenn sie nicht sehen oder hören wollen und sich weigern, zu erkennen, was wahr, richtig und gerecht ist. Die Wahrheit existiert unabhängig davon, was die Menschen denken. Menschen können nicht zu bestimmten Auffassungen gezwungen werden oder gar dazu, die Wahrheit anzunehmen. Das Schlimme ist, dass oft erst große Tragödien und Verluste den Menschen die Augen öffnen. In Irland sieht es ganz danach aus, als müssten wir jetzt ein höchst ungerechtes Gesetz aushalten. Die Zahl der abgetriebenen Babys und der damit verbundene Schmerz für die Einzelnen und die Gesellschaft wird stark wachsen. Vielleicht werden die Menschen bald erkennen, was wir als Nation getan haben, und schärfer darüber nachdenken. Das ist zumindest meine Hoffnung.

Fast alle irischen Schulen sind in kirchlicher Trägerschaft. Wie schätzen Sie die Auswirkungen der LGTB-Agenda für den Unterricht ein – gerade mit Blick auf die Erziehung zum Lebensschutz?

"Die Regierung ist unverhohlen
anti-katholisch und verabschiedete sogar
ein Gesetz, das katholische Schulen bei
Aufnahmeverfahren eindeutig diskriminiert"

Das neue Programm „Relationships and Sexuality Education (RSE)“ (Beziehungen und Sexualkunde, A.d.Ü.) an irischen Schulen steht für die weltliche liberale und antikatholische Agenda. Auch private katholische Schulen müssen sich daran halten. Bestandteil dieses Programms ist es, Schülern praktische Sexualberatung zu geben und Abtreibung als Recht und eine Grundfreiheit für Frauen vorzustellen. Zu bedenken ist, dass die überwiegende Mehrheit dieser Schüler minderjährig ist und der Gesetzgeber sexuelle Beziehungen mit ihnen verbietet. In einem Kontext, in dem Sexualität von der Fortpflanzung völlig abgekoppelt und als reine Freizeitbeschäftigung angesehen wird, überrascht es nicht, dass die Auffassung, Abtreibung sei ein Recht, vorherrscht. Natürlich steht dies im völligen Widerspruch zur katholischen Weltanschauung, aber die Regierung ist unverhohlen anti-katholisch und verabschiedete sogar ein Gesetz, das katholische Schulen bei Aufnahmeverfahren eindeutig diskriminiert. Solange die Hierarchie keine juristischen Schritte zur Verteidigung der Rechte katholischer Kinder und ihrer Eltern einleitet, gibt es keine Hoffnung für katholische Schulen.

Wäre eine deutlicher wahrnehmbare Trennung von Kirche und Staat für das Lebensrecht in Irland hilfreich? Von außen betrachtet, scheinen beide Institutionen fast untrennbar miteinander verbunden.

Kirche und Staat sind zwar völlig getrennt in dem Sinne, dass die katholische Kirche in Irland nie Staatskirche war, allerdings war die junge Republik Irland sehr arm. Die Kirche sprang im Sozial- und Bildungswesen sowie in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung ein – unabhängig davon, ob die Menschen katholisch waren oder nicht. Seitdem hat sich der Staat auf der Kirche ausgeruht und seine Pflicht, für die Bürger zu sorgen, auch in wirtschaftlich verhältnismäßig guten Zeiten versäumt. Leider hat die Kirche das nicht unterbunden, sondern zugelassen, dass der Staat katholische Schulen und Krankenhäuser und andere Einrichtungen in seinen Aufgabenbereich integrierte, indem er Lehrer, Ärzte, Krankenschwestern und andere bezahlt.

Welche Folgen hat das?

"Katholischen Organisationen schlagen
offene antikirchliche Vorurteile entgegen"

Jetzt schlagen katholischen Organisationen offene antikirchliche Vorurteile entgegen. Schulen werden gezwungen, Inhalte zu zu unterrichten, die gegen die Lehre der Kirche verstoßen. Abtreibungen sollen in Kliniken durchgeführt werden – für jeden geradlinigen Katholiken ein Unding. All das geschieht in Einrichtungen, die der katholischen Kirche unterstehen, und den Heiligen und der Muttergottes geweiht sind. Die Bischöfe müssen diese Einrichtungen schließen oder sie an den Staat verkaufen. Mit dem Erlös könnten neue Schulen und Krankenhäuser gebaut werden für die Katholiken, die ihre Kinder im Glauben erziehen wollen und die eine medizinische Behandlung erwarten, die katholischen Maßstäben entspricht.