Würzburg

Der Kult in der Krise

Das Verbot öffentlicher Messfeiern wegen des Corona-Virus zeugt von einem relativierten Eucharistieverständnis.

Gottesdienst ohne Teilnehmer
Heilige Messe vor leeren Bänken: Das Verbot öffentlicher Gottesdienste offenbart viel über die Theologie der letzten Jahrzehnte. Foto: KNA

Als die Apostelfürsten Petrus und Paulus unter Kaiser Nero ihr Martyrium erlitten, muss bereits eine christliche Gemeinde in Rom vorhanden gewesen sein, das heißt die römische Kirche existierte schon. Vor ihr lag noch ein steiniger Weg einiger Jahrhunderte, bis Kaiser Konstantin der Große (†337) sie der Gefahr der Verfolgung entriss und zur religio licita erklärte. Auch wenn Kaiser Julian Apostata (†363) die alten Tempel wieder errichten ließ und die Rückkehr zum Heidentum durchzusetzen suchte, so war doch der Siegeszug des christlichen Altars nicht mehr aufzuhalten.

Die Frage des christlichen Gottesdienstes wurde dabei in der Spätantike zur Frage nach dem staatstragenden Kult und damit zu einer eminent politischen. Erik Peterson hat gezeigt, dass das Kultverständnis seit der Geheimen Offenbarung darauf hinzielt, zum cultus publicus (öffentlichen Kult) der menschlichen Gesellschaft zu werden. Die Christen erkannten in ihrem am Throne des Kreuzes geschlachteten und auferstanden Herrn den wahren Pantokrator und Herrscher über die Geschichte. Sein Kult musste sich auch innergeschichtlich inkarnieren und nahm deswegen ganz natürlich Repräsentationsformen des Kaiserkultes an. Die Altäre der Christen verdrängten das Pantheon des alten Imperiums. Nach der Plünderung Roms durch die Westgoten 410 sah sich Augustinus veranlasst, mit seinem großen Werk „De Civitate Dei“ auf den Vorwurf zu antworten, die Verdrängung des alten öffentlichen Kultes der römischen Götter durch den Gottesdienst der Christen sei an der Katastrophe schuld. Die Götter haben den Staat nicht mehr stützen wollen, seitdem sie von ihm aufgegeben waren.

Der säkulare Staat stellt sich über die Religion

Angesichts dieser kirchengeschichtlichen Daten berührt es merkwürdig, dass per Dekret seines Ministerpräsidenten für mehrere Wochen öffentliche Gottesdienste in ganz Italien (und immer mehr europäischen Ländern) untersagt sind. Zum ersten Mal in Jahrtausenden begegnet man einer Krise auf dem ehemaligen Kerngebiet des Römischen Weltreiches völlig ohne Religion und verbietet sogar den cultus publicus. Hier zeigt sich in letzter Konsequenz, dass das säkulare Staatswesen eben doch den Anspruch hat, sich über die Religion zu stellen.

Etwas Anderes muss aber noch mehr erschrecken. Die Theologie der letzten Jahrzehnte hat wesentlich dazu beigetragen, dass man auch innerkirchlich die Notwendigkeit eines durchgängigen Kultes nicht mehr verstehen kann und Bischöfe ziemlich schnell mit einschneidenden Maßnahmen der Regierung einverstanden sein können. Aus verschiedenen theologischen Entwicklungen seien zwei wichtige herausgegriffen. Wenn in immer mehr Ländern heute kein öffentlicher Kult mehr möglich ist, so muss man sagen, dass er innertheologisch schon von Teilen der späteren liturgischen Bewegung gewissermaßen abgeschafft wurde, weil man christlichen Gottesdienst radikal von der Religiongeschichte und von philosophischen Einsichten lösen wollte. Das II. Vatikanische Konzil hat allerdings im Priestertum Christi nicht nur den cultus publicus vollzogen gesehen, sondern diesen Begriff ganz klassisch angewandt (SC 7, 27 u. a.).

Noch mehr als dieser Fragenkomplex ist allerdings entscheidend, dass im 20. Jahrhundert zunehmend relativiert wurde, häufig die Eucharistie, also den eigentlichen Kern des Kultes, zu vollziehen. Odo Casel (†1948) hat eine Neubegründung des christlichen Gottesdienstes formuliert, die ganz vom durchaus biblischen Begriff des Mysteriums bestimmt ist. Wichtige Theologen im 20. Jahrhundert waren einerseits fasziniert von der Mysterientheologie, hatten andererseits aber auch gewichtige Einwände wegen ihrer metaphysischen Schwächen.

„Papst Pius XII. betonte in seiner Enyzklika Mediator Dei nicht nur
die Liturgie als cultus publicus, sondern auch die klassischen Opferzwecke,
die der Eucharistie zukommen: Lob, Dank, Sühne und Bitte“

Eine wichtige Kontroverse entspann sich etwa zwischen Casel und Gottlieb Söhngen (†1971), dem Doktorvater Joseph Ratzingers, deren zentrale Frage war, ob der Opferakt der Messe numerisch identisch sei mit jenem am Kreuz. Die Mysterientheologie im Gefolge Casels führt in all ihren Ausprägungen dazu, eine solche numerische Identität anzunehmen (vgl. Ulrich Kühn, TRE 1, 169), mit weitreichenden Konsequenzen. Das Verständnis der Eucharistiefeier verschiebt sich dadurch von einem hier und jetzt vollzogenen Opfer hin zu einem (wenn auch wirklichkeitserfüllten) Gedächtnis des Paschamysteriums Christi. In der weiteren Rezeption Casels wird zum Inhalt des Paschamysterium auch nicht mehr allein der sich hingebende Hinübergang zum Vater (Joh 13, 1) in Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt, also eine klassische Opfersicht. Stattdessen wird es erweitert zu einer allgemeinen Christusanamnese oder zu einer Chiffre für das Heilshandeln des biblischen Gottes in der Geschichte. Zudem betont man in als Folge der Rezeption Casels, dass nicht nur die Messe Anteil am Paschamysterium verleihe. Jede liturgische Feier, auch der von einem Laien präsidierte Wortgottesdienst sei sein Ausdruck. Von hier ist übrigens verständlich, dass der Synodale Weg unterschiedslos einmal eine Messe, ein ander Mal eine Wortgottesfeier als zentralen Gottesdienst der Synodalen anbietet.

Karl Rahner hingegen war bemüht, den Opfercharakter der Messe zu wahren und hielt an der numerischen Verschiedenheit von Opferakt des Kreuzes und jenem der Eucharistie fest. Nur so lasse sich die Gegenwart Christi bei der Messe im Unterschied zu seiner Gegenwart in den anderen Sakramenten als opferhaft unterscheiden (vgl. Kühn). Diese grundlegende hilfreiche Einsicht verhinderte aber nicht, dass Rahner seinerseits die Notwendigkeit der Messhäufigkeit stark relativierte. Er formuliert als zentrales ihr zugrundlegendes Prinzip, die Eucharistie müsse „so oft … gefeiert werden, als die Häufigkeit der Messfeier die fides und devotio der Feiernden mehrt“. Anders ausgedrückt bedeutet dies, dass es keine Wirkung des Messopfers gibt außer jener, die auf die aktuell an ihm Teilhabenden zielt.

Das Lehramt der Kirche war bemüht, der Relativierung des Messopfers entgegenzusteuern. Papst Pius XII. betonte in seiner Enyzklika Mediator Dei nicht nur die Liturgie als cultus publicus, sondern auch die klassischen Opferzwecke, die der Eucharistie zukommen: Lob, Dank, Sühne und Bitte. Diese Opferzwecke haben aber einen eindeutigen aktuellen Bezug zum Leben des Menschen: „Man versteht also, warum die heilige Kirchenversammlung von Trient versichert, dass durch das eucharistische Opfer die heilbringende Kraft des Kreuzes uns zugewendet wird zur Vergebung unserer täglichen Sünden.“

Die heilige Messe dient dem Heil der ganzen Welt

Das II. Vatikanische Konzil spricht von einer Fortdauer des Kreuzesopfers (SC 47). Papst Paul VI. betont in seiner noch während des Konzils 1965 ausgefertigten Enzyklika Mysterium Fidei gerade mit Blick auf diese Formulierung die Kontinuität zur Messopferlehre des Tridentinums. Es war zudem der Papst des Konzils, der mit eindringlichen Worten die Priester aufforderte, die Messe täglich zu feiern, wobei er bemerkt: „Denn jede Messe, die zelebriert wird, wird nicht nur für einiger Heil, sondern für das Heil der ganzen Welt dargebracht.“ Diese Formulierung ist auch in das konziliare Lehramt eingegangen (PO, FN 15). Wie eindringlich dem Konzilspapst die Notwendigkeit der Messhäufigkeit vor Augen stand beweist auch der Satz, mit dem er seinen Aufruf an die Priester zur täglichen Zelebration schließt, sie würden dadurch „am meisten zum Heil des Menschengeschlechtes beitragen“.

Unsere Zeit stellt uns vor neue Herausforderungen, wobei die staatlichen und kirchlichen Reaktionen auf das Coronavirus nur ein Symptom sind. Es geht um die Frage, wie der Glaube an einen in die Geschichte eingetretenen Gott, der sich sein Bundesvolk beruft, auch gesellschaftlich relevant werden kann, ohne zu verweltlichen. Es geht aber auch um die innerste Frage des sakramentalen Handelns der Kirche. Gläubige Zeiten wären sich bewusst gewesen, dass das eucharistische Opfer das aktuell mächtigste Eingreifen Gottes in die Geschichte darstellt.

 Pater Dr. Sven Leo Conrad FSSP  ist Präsident des Akademischen Rates der Priesterbruderschaft St. Petrus und leitet das Distriktsstudienhaus in Bettbrunn.

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