Oberursel

Der Glaube als Gesetz des Betens

Auch in der lutherischen Tradition stehen Liturgie und Überlieferungstradition in engem Zusammenhang.

Lutherische Himmelfahrtkirche, Ölberg, Jerusalem
Marien- und Heiligenverehrung, Hochaltar und Mundkommunion werden von Altlutheranern bewahrt. Auch die Lutheraner kannten eine Liturgische Bewegung, die sich der katholischen Wurzeln ihres Gottesdienstes bewusst wurde. Das Innere der lutherischen Himmelfahrtskirche auf dem Jerusa... Foto: KNA

Herr Professor Barnbrock, Sie lehren Liturgik an der Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel. Können Sie etwas grundsätzlich zur Bedeutung von Liturgie und Sakrament in Ihrer Kirche sagen?

Das gottesdienstliche Leben hat in den Gemeinden der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) besonderes Gewicht. Dabei steht im Gottesdienst das Handeln Gottes im Mittelpunkt: Diejenigen, die kommen, werden heilvoll beschenkt und antworten mit ihrem Lob und Dank auf Gottes gute Gaben. Im Vergleich zu den meisten anderen evangelischen und lutherischen Kirchen in Deutschland lässt sich beobachten, dass die Verbindlichkeit der liturgischen Formen in der SELK zumeist größer und weniger ins Belieben einzelner Gemeinden oder einzelner Pfarrer gestellt ist. 

Christoph Barnbrock
Christoph Barnbrock lehrt an der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel praktische Theologie. Er ist Mitglied d... Foto: Frau Winkelmann

Das wohl wichtigste gemeinsame Erbe war die Perikopenordnung, die katholischerseits mit der Liturgiereform verschwand. Die neue Leseordnung wurde jedoch auch von einigen lutherischen Gemeinschaften in den USA übernommen. Wie beurteilen Sie diesen Schritt? Ist es im Sinne des lutherischen Sola scriptura eine positive Erweiterung oder steht es dem liturgischen Verständnis Ihrer Tradition entgegen?

Hier gilt es, zwischen unterschiedlichen Argumenten abzuwägen. Die traditionelle Perikopenordnung ermöglicht eine deutlichere Profilierung der einzelnen Sonntage, das Modell der Lesejahre schafft Raum für eine intensivere Beschäftigung mit den einzelnen Evangelien. Im Rahmen der Perikopenneuordnung im Bereich der großen evangelischen Kirchen in Deutschland ist geprüft worden, ob ein Anschluss an das Modell der drei Lesejahre sinnvoll wäre, ist aber dann am Ende doch verworfen worden.

Die SELK orientiert sich weitgehend an der Perikopenneuordnung im Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland, wie sie im letzten Jahr eingeführt worden ist, wird aber in ihrem in Kürze erscheinenden Lektionar den Predigern die Evangeliumslesung der drei Lesejahre, wie sie in der US-amerikanischen Schwesterkirche der SELK in Gebrauch stehen, zumindest als mögliche Predigttexte zur Kenntnis geben. Es ist ein kleiner, sicherlich unvollkommener Versuch, hier beide Traditionen miteinander zu verschränken.

Die deutschen Lutheraner schätzen bis heute die Lutherbibel und das „Luther-deutsch“. 50 Jahre nach der „Abschaffung“ der lateinischen Kultsprache streitet man katholischerseits darüber, ob es überhaupt eine hieratische Sprache geben dürfe. Gab es einen Einfluss der Einführung der Umgangssprache auf evangelische Gottesdienste? Wie würden Sie das als lutherischer Theologe bewerten?

"Gerade die neueste Lutherrevision
aus dem Jahr 2017 ist meinem Empfinden
nach nicht an allen Stellen glücklich verfahren"

Was die Lutherübersetzung angeht, so hat sie ihre Stärken tatsächlich darin, dass sie sprachlich geprägt ist und sich im Vergleich mit manchen neueren Übersetzungen leichter beten und auswendig lernen lässt. Dass sie Zeitgenossen zunehmend sperrig vorkommt, ist nicht zu bestreiten. Und gerade die neueste Lutherrevision aus dem Jahr 2017 ist meinem Empfinden nach nicht an allen Stellen glücklich verfahren. Mancherorts hat die Verständlichkeit gegenüber der Lutherrevision von 1984 noch einmal abgenommen. Das ist misslich. Die Bibel darf gerade nach lutherischem Verständnis nicht zum musealen Gegenstand werden, den man als Relikt aus vergangenen Zeiten bestaunt, aber eigentlich nicht mehr verwenden mag. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass sich gottesdienstliche Sprache schon von der Alltagssprache unterscheiden darf und soll. Im Gottesdienst betreten wir einen vom Alltag abgegrenzten Bereich. Das darf man gerne auch an der Sprache merken – sofern es nicht künstlich, grundsätzlich alltagsfern und unverständlich wird.

Die römisch-katholische Kirche hat vor 50 Jahren eine grundlegende Liturgiereform durchgeführt, die sie auch von einem Erbe abschnitt, das auch von Lutheranern bewahrt wird. Welche Gemeinsamkeiten zwischen den gottesdienstlichen Traditionen würden Sie hervorheben?

Ich nehme das Abschneiden vom gemeinsamen Erbe durch die Liturgiereform weniger stark wahr. Ganz im Gegenteil: Eher habe ich den Eindruck, dass die römisch-katholische Kirche und die lutherischen Kirchen einander dadurch wieder nähergekommen sind. Ich sehe in dieser Liturgiereform manche der Forderungen berücksichtigt, die Martin Luther und seine Mitstreiter in der Reformationszeit angemahnt hatten, etwa die Verwendung der Volkssprache, eine stärkere Betonung der Verkündigung des Wortes Gottes und die deutlichere Akzentuierung der Gemeinde als Volk Gottes.

Wenn man in der römisch-katholischen Kirche an Protestantismus und Liturgie denkt, denkt man zunächst an hochkirchliche Bewegungen. Inwieweit beeinflusste die römische Kirche mit ihrer Liturgiereform die gottesdienstliche Praxis evangelischer Gemeinden?

"Das Beziehungsgeflecht zwischen den Kirchen
und ihren Liturgien ist so komplex, dass
von einfachen und einseitigen Einflüssen
gar nicht geredet werden kann"

Letztlich ist das Beziehungsgeflecht zwischen den Kirchen und ihren Liturgien so komplex, dass von einfachen und einseitigen Einflüssen gar nicht geredet werden kann. Die Tatsache, dass die westlichen Liturgiefamilien in derselben Tradition wurzeln, führt fast notwendigerweise dazu, dass alle Reformbemühungen mit einer Auseinandersetzung mehr oder weniger derselben Texte und Praktiken einhergehen. Dabei scheuten auch lutherische Theologen wie etwa der fränkische Liturgiker Wilhelm Löhe im 19. Jahrhundert nicht davor zurück, bei ihren Reformbemühungen zum Beispiel auch das Missale Romanum zu Rate zu ziehen. Mit diesen liturgischen Reformen aus dem vorletzten Jahrhundert beginnt die agendarische Erneuerung im lutherischen Bereich, die dann nach dem Zweiten Weltkrieg in das große Agendenwerk der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands mündet, an dem sich auch die SELK bis in die Gegenwart orientiert. Da diese Agendenentwicklung 1969 bereits weitgehend abgeschlossen war, finden sich derzeit wenige unmittelbare Einflüsse aus der römisch-katholischen Liturgiereform. Am ehesten wären die nicht unumstrittenen Bemühungen, auch auf lutherischer Seite ein Eucharistisches Hochgebet wiederzugewinnen, als ein Einfluss von römisch-katholischer Seite zu verstehen.

Die Reform der römischen Liturgie wird häufig als Kontinuitätsbruch wahrgenommen. Inwiefern spielt in Ihrem Verständnis das Verhältnis von Überlieferung und Kontinuität auch im Gottesdienst und im Glaubensleben eine Rolle?

Die Kontinuität im Gottesdienst hat für mich eine mehrfache Bedeutung. Dass sowohl lutherische als auch römisch-katholische Christen bei allen Reformen doch im Wesentlichen an der westlichen Messtradition festgehalten haben, führt dazu, dass ich mich als lutherischer Christ in einem römisch-katholischen Gottesdienst relativ leicht orientieren kann. Und ähnlich höre ich es immer wieder auch von römisch-katholischen Gottesdienstbesuchern in unseren Gottesdiensten: „Das ist ganz ähnlich wie bei uns!“ Diese ökumenische Verbundenheit über die Feier des Gottesdienstes halte ich für ein großes Geschenk und würde sie nur ungern für Neuerungen preisgeben. Darüber hinaus verbindet uns die Liturgie ja auch mit denen, die in den Jahrhunderten vor uns Gottesdienst gefeiert haben. Auch das lässt mich Veränderungen im gottesdienstlichen Leben nur behutsam angehen.

Die römisch-katholische Liturgiereform wird häufig an zwei Veränderungen festgemacht, die nicht unmittelbar mit ihr zusammenhängen. Zum einen dem „Volksaltar“, also der Zelebrationsrichtung, und der sogenannten „Handkommunion“. Inwiefern gibt es im lutherischen Bereich Entwicklungen, die von der römischen Kirche inspiriert waren?

"In der Zelebrationsrichtung lassen sich
tatsächlich Einflüsse aus der
römisch-katholischen Reform
auf lutherische Kirchen beobachten"

Gerade in der Zelebrationsrichtung lassen sich tatsächlich Einflüsse aus der römisch-katholischen Reform auf lutherische Kirchen beobachten. In den letzten Jahrzehnten ist es mancherorts, gerade wo es kirchenbaulich möglich ist, üblich geworden, dass der Liturg hinter dem Altar mit Blick zur Gemeinde zelebriert. Evangelischerseits würde ich das weniger mit einer „Desakralisierung“ in Verbindung bringen, sondern eher mit zwei anderen Aspekten: erstens mit einem stimmigeren „Rollenhandeln“ (der Liturg handelt anstelle Christi und damit im Gegenüber zur Gemeinde) und mit einem größeren Maß an Transparenz (die Gemeinde kann nachvollziehen, was am Altar passiert).

Was die Handkommunion angeht, wäre ich zurückhaltend, das Thema zu stark theologisch aufzuladen. In meiner Kirche ist bei vielen Gemeindegliedern die Mundkommunion als Ausdruck dafür, dass ich ganz beschenkt werde, üblich. Gleichzeitig ist anzunehmen, dass wir es bei der ersten Abendmahlsfeier doch eher mit „Handkommunion“ zu tun hatten. Hier scheint doch Unterschiedliches nebeneinander möglich zu sein.

Liturgie ist „Vorgabe“. „Das Gesetz des Betens ist auch das Gesetz des Glaubens“, schrieb bereits Prosper von Aquitanien. Inwiefern ist dieser Grundsatz auch für Ihr Verständnis haltbar? Ein Haupteinwand gegen die römische Liturgiereform, dass die Veränderungen den Glauben selbst in Fluss brachte?

Interessanterweise begegnet dieser Grundsatz der Sache nach im Vorwort unserer „Evangelisch-Lutherischen Kirchenagende“. Daran lässt sich bereits erkennen, dass diese Beschreibung durchaus auch für lutherische Liturgik anschlussfähig ist. Ehrlicherweise wird man aber doch dazusagen müssen, dass dies nur in eingeschränktem Maß gilt. Denn dieser Grundsatz war und ist ja auf römisch-katholischer Seite die Grundlage dafür, dass das, was gottesdienstlich von der Kirche gebetet und bekannt wird, am Ende auch dogmatisiert werden kann. Hier würde die lutherische Kirche – ohne entsprechenden Schriftbefund – sicher nicht mitgehen. Darüber hinaus wäre auch zu prüfen, wie einlinig der Glaube die Liturgie bestimmt und die Liturgie den Glauben. Unbestritten ist aber, dass es der Anspruch an die Liturgie sein muss, dass sie nichts enthält, was dem Glauben der Kirche widerspricht. Und natürlich prägt die Liturgie den Glauben der Kirchglieder. Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang zu sein, dass Formen und Inhalte in der Liturgie übereinstimmen. Ich kann zum Beispiel nicht davon reden, dass uns im Heiligen Abendmahl, in der Eucharistie, die kostbarsten Gaben überhaupt geschenkt werden und dann aber im liturgischen Vollzug nachlässig handeln. Das würde nicht zusammenpassen und würde auf der Ebene der Formensprache das, was ich als Inhalt behaupte, in Frage stellen.

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