Würzburg

Corona: Prophetischer Ruf zur Umkehr gefragt

Wenn Priester und Bischöfe hinter virus-geschützen Mauern per Livestream ihre Schäfchen beschwichtigen, sei das ein Verrat an ihrem prophetischen Auftrag, meint Pater Winfried Abel. Wie die Kirche in Zeiten der Krise stattdessen zu ihrem Auftrag zurückfinden muss. Ein Gastbeitrag.

Corona als Aufruf zur Umkehr
Pater Abel beklagt: Die Predigten sind seicht und gefällig geworden, sie rütteln nicht mehr auf. Der Aufruf zur Bekehrung, der die Botschaft Jesu begleitet, ist heute nicht mehr zumutbar. Foto: Armin Weigel (dpa)

In diesen Tagen der Krise hat die Kirche die besondere Aufgabe, ihr prophetisches Amt wahrzunehmen, nicht nur im Sinne einer „Neu-Evangelisation", die ohnehin auf der synodalen Strecke geblieben ist, sondern indem sie den Menschen die Zeichen der Zeit deutet. Das heißt gerade nicht, die Eucharistie hinter verschlossenen Türen zu feiern, das Weihwasser aus den Becken zu entfernen und den Abstand der Menschen auf Meter und Zentimeter festzulegen!

Die Kirche hat vielmehr den Auftrag, den Menschen zu deuten, was Gott uns mit dieser Heimsuchung sagen will. Ich halte es nicht für hilfreich, sondern im Gegenteil für schädlich, wenn die offiziöse Internetseite der Deutschen Bischofskonferenz feststellt, dass Gebete und Weihwasser nichts gegen den Corona-Virus ausrichten, oder ein Bischof betont, in dieser Krisensituation von Strafe Gottes zu reden sei Zynismus!

Das Kreuz ist die „Strafe", die auf der ganzen Menschheit lastet

Wer die Menschen in dieser Weise beschwichtigt, vernachlässigt seine Hirtenpflicht und begreift nicht den theologischen Sinn von "Strafe". Hier geht es nicht um himmlische Rache oder göttlichen Zorn, der sich an den Menschen austobt, sondern um einen Aufruf zur Umkehr, um einen Akt der Liebe und Barmherzigkeit. Jeder von uns weiß, dass in der Pädagogik Strafe immer die unvermeidliche „ultima ratio" des Erziehers darstellt. Ich erinnere mich an meine Mutter, die eine alleinerziehende Kriegerwitwe war. Wenn sie uns drei frechen Jungen bestrafen musste und dabei den Kochlöffel schwang, dann spürten wir, wie sehr ihr Herz blutete, während sie uns den Hosenboden versohlte.

So ist es auch mit Gott und den Menschen! Gott „leidet", indem er straft! Daher ist das Kreuz die „Strafe", die auf der ganzen Menschheit lastet! Der einzige Schlüssel zum Kreuzesgeheimnis ist die Liebe. Wenn Jesus seine Generation als „pervers", „sündig", „treulos" und „ungläubig" bezeichnet (vgl. Mt.12), dann meint er selbstverständlich auch uns heutige Menschen!

Bei Hosea (6,1) findet sich der Aufruf: „Kommt, wir kehren zum Herrn zurück! Denn er hat Wunden gerissen, er wird uns auch heilen; er hat verwundet, er wird auch verbinden." Hier wird der „strafende" Gott im Bild eines hilfreichen Arztes oder Operateurs gesehen, der Wunden öffnen muss, um heilen zu können. Jede Strafe tut weh, aber sie dient einzig der Heilung. Oder wie sollte man das Lukasevangelium (13,1-5) deuten, in dem Jesus im Blick auf ein von Pilatus verübtes Massaker bemerkt: „Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt. Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden - meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt."

Können wir nur noch einen "Wohlfühl-Gott" ertragen?

Kann man diese Gedanken heute den Menschen nicht mehr zumuten, weil die moderne Christengeneration ein „menschenfreundlicheres" Gottesbild hat? Haben wir uns schon so sehr der „Welt" angeglichen, dass wir nur noch einen Wohlfühl-Gott ertragen können; - weil Strafe weder in der Schule noch im Elternhaus, daher auch nicht bei Gott vorkommen darf? Sehen wir in der derzeitigen Gesundheitskrise nur eine unerwünschte Unterbrechung unseres „normalen" Lebens – mit dem Wunsch oder der Bitte an Gott, uns möglichst schnell und möglichst ungeschoren zur „Normalität" zurückkehren zu lassen?

Heute gehört es nicht mehr zum guten Stil, von „Sünde" zu sprechen. Die Predigten sind seicht und gefällig geworden. Sie rütteln nicht mehr auf. Der Aufruf zur Bekehrung, der die Botschaft Jesu wie ein cantus firmus begleitet, ist heute nicht mehr zumutbar. Hat also das Wort des Hosea, „Kommt, wir kehren zum Herrn zurück", seine Gültigkeit verloren für die vielen Christen, die im Glauben lau geworden sind, die nicht mehr an einen persönlichen Gott glauben, die kein Gebet mehr auf den Lippen haben, deren Herzen kalt geworden sind, die nur noch für ihre Urlaubsreisen schuften, ihr Geld sinnlos verschwenden und von Vergnügen zu Vergnügen taumeln? Steht nicht die heiße Gier nach Macht und Karriere – besonders auch in der Kirche! – gegen die Botschaft Jesu und das Beispiel, das ER uns gegeben hat?

Die Kirche soll es dem Staat überlassen, über Hygienevorschriften zu predigen. Wenn die Hirten der Kirche, Priester und Bischöfe, hinter virus-geschützen Mauern per Livestream ihre Schäfchen beschwichtigen, ist das ein Verrat an ihrem prophetischen Auftrag. Denn die Maßlosigkeit der Menschen hat dazu geführt, dass die gequälte Erde sich nun zu Wort meldet. Schon im 12. Jahrhundert hatte die heilige Hildegard von Bingen die Schau, die sie in ihrem „Liber vitae meritorum" als „Klage der Elemente" schildert: „Und ich hörte, wie mit einem wilden Schrei die Elemente der Welt riefen: ,Wir können nicht mehr laufen und unsere Bahn nach unseres Meisters Bestimmung vollenden. Denn die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten wie in einer Mühle von unterst zu oberst. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach der vollen Gerechtigkeit.' (...) Doch nun sind alle Winde voll vom Moder des Laubes, und die Luft speit Schmutz aus, so dass die Leute nicht einmal mehr recht ihren Mund aufzumachen wagen. Auch welkte die grünende Lebenskraft durch den gottlosen Irrwahn der verblendeten Menschenseelen. Nur ihrer eigenen Lust folgen sie und lärmen: ,Wo ist denn ihr Gott, den wir niemals zu sehen bekommen?'"

"Wir müssen uns nicht wundern, wenn Gott
die Hirten zur Rechenschaft zieht und straft,
die das „Evangelium des Lebens" verraten"

Galten diese Worte der heiligen Hildegard, der die Kirche den Titel „prophetissa teutonica" gab, nur für den mittelalterlichen Menschen – oder nicht vielmehr uns? Sind wir modernen und aufgeklärten Menschen, die endlich im wissenschaftlichen Zeitalter angekommen sind, moralisch besser als die Menschen in früheren Zeiten? Im Unterschied zu dem mittelalterlichen Menschen besitzen wir heute die technischen Mittel, die Erde völlig zu zerstören und die ganze Menschheit auszulöschen! Wer denkt noch daran, dass in dem Zeitraum, in dem wir 40 Virus-Tote beklagen, 4.000 Kinder im Mutterleib getötet wurden! Darf die Kirche dazu schweigen? Wir müssen uns nicht wundern, wenn Gott die Hirten zur Rechenschaft zieht und straft, die das „Evangelium des Lebens" verraten!

Wo bleibt hier der prophetische Ruf zur Umkehr? Statt zum Gebrauch von Desinfektionsmitteln zu raten, sollten die Verantwortlichen in der Kirche jetzt dazu aufrufen, dringend die „Desinfektionsräume" aufzusuchen, die in jeder Kirche stehen: die Beichtstühle!

Dem Arzt und Heiland Jesus ging als Diagnostiker Johannes der Täufer voraus, der den Menschen ihre Sünden drastisch vor Augen hielt. Er konnte und musste das tun, weil er auf den weisen konnte, der allein von Sünden heilen konnte: Jesus, das Lamm Gottes! Haben wir in dieser Situation der Gesundheitskrise nicht die Pflicht, den Menschen die Ursachen der menschengemachten Katastrophen, nämlich die Sünden, vor Augen zu halten, weil wir in der besonderen Lage sind, den Arzt zu kennen, der allein von diesem Aussatz heilen kann?!

Diesen Dienst zu vernachlässigen kommt der strafbaren unterlassenen Hilfeleistung gleich. Die schlimmsten Sünden sind – vgl. Mt.25 – die Unterlassungssünden, deren uns der göttliche Richter eines Tages beschuldigen wird: "Ich war krank, und ihr habt mir die Medizin verweigert! Ich war hilfsbedürftig, und ihr habt mir den Arzt vorenthalten!"

Der Autor ist Priester im Bistum Fulda und derzeit Spiritual im Priesterseminar Leopoldinum in Heiligenkreuz bei Wien

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