Würzburg/Graz

„Aufruf zur Umkehr“

Zwischen Einschränkung und Offensive: Wie die Pandemie das kirchliche Leben aus den Angeln reißt.

Leere Kirchen
Das Bild, das sich in der Düsseldorfer Kirche St. Antonius bietet, hat Symbolcharakter für die Gotteshäuser im deutschsprachigen Raum in diesen Tagen: kein Weihwasser, keine Eucharistie und vereinzelte Beter. Foto: Henning Schoon (dpa)

WhatsApp ist der neue Pfarrbrief. Mit einem Klick werden gegenwärtig die für das geistliche Leben interessanten Nachrichten geteilt: Verabredung zum telefonischen Rosenkranzgebet mit Bewohnern von Seniorenheimen mit Besuchsverbot, Mutmacher-Videoclips und gelegentlich Adressen von Geistlichen, deren Privatmessen den Gläubigen in der Corona-Krise offenstehen. Manchem Pfarrer beschert der von Sitzungen befreite Terminkalender nun Zeit für Hausbesuche und Seelsorgegespräche. Die meisten deutschen Diözesen haben alle öffentlichen Eucharistiefeiern und Veranstaltungen abgesagt. In Bildungshäusern, Probenräumen und Pfarrheimen ruht der Betrieb. Von einer Einheitsregelung hat die Deutsche Bischofskonferenz bei der heiklen Frage der Absage von Eucharistiefeiern abgesehen. In Görlitz sind den Angaben des Bistums zufolge alle liturgischen Feiern in Kirchen und Kapellen untersagt mit Ausnahme von Begräbnisfeiern. Die Teilnehmerzahl bei „ist unbedingt zu begrenzen.“ In Berlin finden bis zum 30. April keine öffentlichen Messfeiern und Veranstaltungen statt. Regensburg hatte zunächst die öffentlichen Werktagsmessen abgesagt, nachdem am Montag in Bayern der Katastrophenfall ausgerufen wurde. Nun hat Regensburg als letztes der 27 deutschen Bistümer auch alle weiteren öffentlichen Gottesdienste ausgesetzt.

Im Bistum Aachen, in dessen Gebiet sich das deutsche Epizentrum der Pandemie – die Region Heinsberg – befindet, sind alle öffentlichen Messfeiern „bis auf weiteres“ abgesagt. In mehreren Diözesen gilt die Absage öffentlicher Messfeiern bis zum Freitag beziehungsweise Samstag vor Palmsonntag, in Bamberg und Würzburg bis zum Ende der Osterferien einschließlich Weißen Sonntag.

„In der Zeit der Krise stellt die Beschneidung
geistlicher Hilfen den wohl größten Verlust dar“
Pfarrer Guido Rodheudt, Herzogenrath

Was tun? Pfarrer Guido Rodheudt aus Herzogenrath im Bistum Aachen leidet mit den Gläubigen: „In der Zeit der Krise stellt die Beschneidung geistlicher Hilfen den wohl größten Verlust dar. Man darf sich mit Nahrung für den Leib, aber nicht für die Seele versorgen. Um dem Mangel abzuhelfen, bleibt bei uns die Pfarrkirche zum privaten Gebet geöffnet“, stellt er gegenüber dieser Zeitung fest. Zugleich will er die Fastenzeit mit seiner Pfarrei bewältigen: „Wir arbeiten an einer Möglichkeit, die heiligen Messen in Zusammenarbeit mit Bonifatius TV per Livestream (www.st-gertrud.info sowie www.bonifatius.tv) zu übertragen. Auf diese Weise können die Pfarrangehörigen zeitgleich zusammen sein im Gebet und im heiligen Messopfer.“ Dies schaffe zusätzlich eine Vertrautheit und einen besonderen Trost, weil die Kirche der Pfarrei nach wie vor der Ort bleibt, an dem der zuständige Pfarrer das Vermächtnis Christi für die Gläubigen feiere.

Die Prüfung als Klärung und Aufruf zur Umkehr

Um intensive Seelsorge unter geänderten Vorzeichen bemüht sich die Wallfahrtsdirektion Maria Vesperbild. Wallfahrtsdirektor Monsignore Erwin Reichart erklärt gegenüber dieser Zeitung: „Hier sind Wallfahrtskirche und Grotte zum Gebet für die Pilger offen. Die Priester feiern täglich privat die heilige Messe und segnen von einem Aussichtspunkt bei der Grotte mit dem Allerheiligsten unser Land.“ Monsignore Reichart betrachtet die gegenwärtige Prüfung auch als Klärung: Ihm sei in diesen Tagen noch viel deutlicher geworden, „dass sich große Teile der Kirche durch das jahrzehntelange Buhlen mit ,Frau Welt‘ einen viel gefährlicheren Virus eingefangen haben“. Auch in Maria Vesperbild soll so bald wie möglich ein Livestream eingerichtet werden.

Als einen „ Aufruf zur Umkehr “ bezeichnet Pastor Thomas Zwingmann von Geseke im Erzbistum Paderborn die gegenwärtige Phase. Gott weise die Menschen auf das Wesentliche im Leben und auch in der Kirche hin und erinnere darüber hinaus „sehr dezent an manch verloren geglaubte Frömmigkeitsform“: an das Gebet in der Familie, den Rosenkranz, die geistige Kommunion und die tägliche Feier der heiligen Messe. Letztere habe auch dann einen Wert, wenn keine Gläubigen daran teilnehmen könnten. Zwingmann zufolge müsse der Staat zwar die notwendigen weltlichen Schritte einleiten, die Kirche aber solle sich „auch um eine übernatürliche Sichtweise bemühen. Sonst macht sie sich überflüssig“.

Ungewohnte Szenen in Österreichs Kirchen

Ungewohnte Szenen spielten sich dieser Tage in Österreichs Kirchen ab. Der Stephansdom, sonst überlaufener Touristenmagnet im Herzen Wiens, war am Donnerstagmorgen der Vorwoche menschenleer. Die wenigen Beter staunten nicht schlecht, als der Organist plötzlich ein paar Takte des Filmklassikers „Spiel mir das Lied vom Tod“ intonierte. Da hatten die Bischöfe gerade Messen und Veranstaltungen auf hundert Teilnehmer begrenzt, Mund- und Kelchkommunion untersagt, die Weihwasserbecken leeren lassen.

Einige preschten voraus: Die Diözese Graz sagte alle Veranstaltungen ab, Feldkirch alle Gottesdienste. Am Donnerstagmittag war alles anders: Bundeskanzler Sebastian Kurz hatte, flankiert von drei Ministern, Vertreter der Religionsgemeinschaften im Kanzleramt zur Krisensitzung empfangen. Die Regierung besaß immerhin das Taktgefühl, den Kirchen- und Religionsführern die Information ihrer Gläubigen zu überlassen. Also teilte die Islamische Glaubensgemeinschaft den Muslimen Österreichs mit, dass es vorerst kein Freitagsgebet mehr gebe. Die Bischofskonferenz erklärte, dass alle öffentlichen Gottesdienste und Veranstaltungen ab Montag ausgesetzt seien, alle Hochzeiten, Taufen und kirchlichen Feiern verschoben würden. Storniert wurden nicht nur Sitzungen und Vorträge, sondern auch Firmvorbereitung, Exerzitien, Gebetskreise. In einer Verordnung des Erzbischofs von Wien hieß es: „Die Kirche hört nicht auf zu beten und Eucharistie zu feiern. Die Priester sind aufgerufen, die Eucharistie weiterhin für die Gemeinde und für die Welt zu feiern. Die Gläubigen sind eingeladen, über Medien teilzunehmen (Radio, Fernsehen, Onlinestream) und sich im Gebet zuhause anzuschließen.“

Trauerstimmung herrschte bei vielen Sonntagsmessen. In Graz-Herz Jesu lugte der Pfarrer mehrfach von der Empore, ob überhaupt jemand zur Messe käme, um sie dann mit versprengten 20 Betern zu feiern. Andernorts hatten Pfarrer ihre Gläubigen bereits aufgefordert, zuhause zu beten, während die Priester alleine in der Kirche zelebrieren. In manchen Gemeinden wurde hart gerungen: Darf wenigstens die Eucharistische Anbetung stattfinden? Sollte sie gar intensiviert werden?

Livestreams, Impulse, Gebetsinitiativen

Rückzug in die Häuser, Einfrieren aller direkten Kontakte, lautete die Parole der Regierung und der Bischofskonferenz. Die war auch selbst betroffen, sollte sie doch in dieser Woche im Corona-Hotspot Tirol tagen. Am Freitag teilte Generalsekretär Peter Schipka noch mit, die Frühjahrsvollversammlung werde von Tirol nach Wien verlegt und von vier auf zwei Tage gekürzt. Am Sonntag folgte die Absage: Die Bischöfe gingen diszipliniert voran und verzichteten auf ihr Treffen. Die lange geplante Neuwahl des Vorsitzenden wurde vertagt, obgleich  Kardinal Christoph Schönborn  deutlich gemacht hatte, dass er den Vorsitz nach 22 Jahren abgeben will. Stattdessen richteten die Bischöfe im Umlaufbeschluss eine Kommission ein, der neben den Erzbischöfen Schönborn (Wien) und Lackner (Salzburg) die Diözesanbischöfe Scheuer (Linz) und Krautwaschl (Graz) angehören. Diese Kommission wird nun wichtige, unaufschiebbare Fragen entscheiden.

Während die Diözesen lange damit beschäftigt schienen, Einschränkungen des geistlichen Lebens zu administrieren, gingen andere in die Offensive: Nicht nur der dynamische Missio-Chef, Pater Karl Wallner, sondern viele Priester bieten Livestreams an, über die die Gläubigen online die Messe mitfeiern können. Gebetsinitiativen liefern Impulse auf Facebook, findige Gläubige organisieren Anbetungen. Sogar der ORF kündigte ein neues TV-Format an, das Gläubige mit Gottesdiensten und Gebeten erreichen soll. Kardinal Schönborn verteidigte in einer Videobotschaft die einschneidenden, schmerzlichen Maßnahmen der österreichischen Regierung. Er rief zugleich das Gebet in der Familie und die geistliche Kommunion in Erinnerung.

Radio Horeb überträgt täglich heilige Messen und das Rosenkranzgebet  (www.horeb.org ). Einen umfassenden Kalender der Übertragungen von heiligen Messen im deutschsprachigen Raum bietet die Online-Plattform GOCATH (www.gocath.org). Weitere Angebote auf den diözesanen Seiten und die-tagespost.de.

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