Würzburg

Angst vor dem Heiligen

Die Disziplin des traditionellen Ritus hat bei manchen Priestern vor dem Konzil zu starken Skrupeln und damit weg vom Wesentlichen geführt. Darin sind viele Widerstände gegen den alten Ritus begründet. Ein psychologischer Blick auf die Liturgiereform.

Tridentinische Messe
Der vorkonziliare Ritus war bei manchen Priestern mit der krankhaften Angst vor Fehlern verbunden. Die Liturgiereform war somit auch ein psychologisches Phänomen. Foto: KNA

Einer meiner Lehrer verteidigte mir als Schüler gegenüber stets die Liturgiereform. Eines Tages jedoch zeigte er mir ein altes Missale Romanum und schwärmte davon, wie schön es war. Dieser Pater erzählte uns auch unerquickliche Episoden aus dem Schuldkapitel seiner Gemeinschaft in seiner Ordensjugend.

Priester im Kontext zu stark äußerer Disziplin

Im Kopf der Reformgeneration verschwammen die alte römische Liturgie mit Erinnerungen an schwierige Obere und an so manche rigorose Regel. Die Liturgiereform hat auch ihre psychologischen Wurzeln! Es gibt zwei Faktoren, weswegen man Vieles schnell über Bord warf und der traditionelle Ritus als klerikalistisch und überholt gilt.

Erstens gab es die Angst, theologisch als rückständig zu gelten. Subtiler aber war der zweite Faktor: Bis in die Konzilszeit hinein hatten Priester zuweilen, pointiert ausgedrückt, Angst vor der Messe. Sie stand im Kontext einer stark äußeren Disziplin.

In der Neuzeit hatte sich eine Juridisierung der Liturgie ergeben. Damit wurde sie einseitig zum Objekt der Kirchenrechtler und Moraltheologen. „Authentizität“ der Liturgie ergibt sich in einer solchen Sichtweise weniger von der biblisch bezeugten Stiftung, sondern „vom Akt autoritativer Rekognoszierung der Texte und Riten“ (Thomas Marschler), also davon, die äußere rituelle Form durch kirchliche Autorität festzusetzen.

In einer engen Sicht bestimmte man die Sakramente nur nach dem Minimum dessen, was zum gültigen und fruchtbaren Vollzug notwendig ist. Ähnlich rückte für die Priester in den Vordergrund, den äußeren Ritus so zu vollziehen, dass seiner Würde als objektiver kirchlicher Ordnung kein Abbruch getan wird. „Ein kurzes Gebet oder eine Zeremonie aus Privatandacht [sc. in die Messe] einschieben ist lässliche Sünde“, schreibt Heribert Jone noch 1961.

Die konkreten Personen, die an der Feier beteiligt waren, wurden zu wenig gewürdigt. In einer solchen Sichtweise wurde auch die Frage nach der Gottesdienstgemeinde nicht verstanden. Im Rückblick bemerkte Kardinal Ratzinger, „dass die Feier der alten Liturgie oft zu sehr ins Individualistische und Private abgesunken war, dass die Gemeinschaft von Priester und Volk ungenügend gewesen ist“.

Identifizierung von materiellem Fehler und moralischem Versagen

Der heilige Alphons Maria von Liguori etwa kennt vielfältige Kategorisierungen, was bei den Fehlern, die bei der Zelebration geschehen könnten, wie moralisch schwer wiege. So galt es als Fehler, das Kreuzzeichen zum Anziehen des Amiktes bereits mit dem Schultertuch in der Hand zu machen, es war „schwere Sünde“, mit zerfetzten Gewändern oder schmutziger Kelchwäsche zu zelebrieren. Er galt keineswegs als der strengste Autor!

Das Problem hierin liegt natürlich nicht in der Sorge um die Würde des Gottesdienstes, sondern in der Identifizierung von materiellem Fehler und moralischem Versagen. Hier erscheint das Zentrum der Religion als eine Ansammlung von Kultgesetzen, die es stur einzuhalten gilt.

Der Fokus lag also weniger auf der Liturgie als einer Christusbegegnung, auf ihrem geheimnisvollen Charakter, der Himmel und Erde verbindet, sondern letztlich auf der Rubrik, deren Übertretung als mehr oder weniger sündhaft im strengen Sinne beurteilt wurde. „Die Rubriken für den Ritus in der Messe selbst verpflichten unter Sünde“, schreibt Jone. Man kann kaum erahnen, wie es wirken musste, wenn Joseph Pascher seine Studenten dazu aufrief, die „nigrica“, also den schwarzgedruckten eigentlichen liturgischen Text, mehr zu achten als die rote „rubrica“, die Handlungsanweisung.

Zelebrationsübungen zum Angstabbau

Mit der alten Sichtweise war zuweilen ein anderes Problem verbunden: die Skrupulosität, die übertrieben-krankhafte Ängstlichkeit, bei der Feier der Messe. Ältere Priester wussten zu erzählen, dass es früher „Hoc-isten“ und „Hic-isten“ gab, also solche, die mehrfach „Hoc“ beziehungsweise „Hic“ zu Beginn der Wandlung sagten, aus Angst, das Wort der Konsekration nicht recht ausgesprochen oder die Intention zur Wandlung zuvor nicht recht gefasst zu haben.

Wenn sie dann das erste Wort überstanden hatten, dann wurde in Windeseile die Konsekration durchgezogen – aus purer Angst vor einem Fehler. Einige moraltheologische Handbücher kannten den Beispielfall eines Zelebranten, der Skrupel über den rechten Wortlaut hatte, mit dem er seine Intention ausdrückt, die Wandlung zu vollziehen. Bei Zelebrationsübungen wurde den Diakonen vermittelt, bei der Orantenhaltung die Arme nicht von der Schulter zu entfernen. Es gibt Beispiele, dass man deswegen mit Tellern unter den Achseln die Zelebrationsübungen machte.

Die Fokussierung auf den korrekten äußeren Vollzug kann das ihm zugrundeliegende, tiefere Liturgieverständnis verdunkeln. Das Korporale etwa hat in der römischen Tradition die Bedeutung des neuen Sudariums (Manoppello!), weil der Leib des Herrn nach der Wandlung direkt auf ihm liegt. Der Priester purifiziert die entsprechende Stelle mit der Patene nach der Kommunion. Wenn es aber Zelebranten gab, die aus Angst vor dem Verlust von Partikeln gewissermaßen den Stoff aufrieben, dann ist die ganze Bedeutung zerstört.

Katholische Aszetik verlangt Streben nach Heiligkeit

Skrupulosität kann eine Pervertierung des Anspruchs heiliger Gesetze sein. Man muss gerade dann, wenn Gesetze als heilig gelten, die Menschen so führen, dass sie Freude daran finden, dem Heiligen zu dienen. Zu Recht verlangt authentisch katholische Aszetik das Streben nach Heiligkeit. Eine gefährliche Fehlform entsteht, wenn man dem eigenen Tun mehr Bedeutung beimisst als der göttlichen Gnade, was Skrupel fördern kann. Dies erfuhr Hubert Jedin existenziell nach der Priesterweihe: „[Ü]berall folgten mir die quälenden Skrupel bei und nach jeder priesterlichen Handlung.“

Es ist nicht zu entschuldigen, dass nach dem Konzil Vieles ins Gegenteil verkehrt wurde, keine Norm mehr zu gelten schien und die Liturgie ins Beliebige abgeglitten war. Zum Teil war es jedenfalls eine psychologische Reaktion gegen ein Ancien Régime von Rubrizisten und Moralisten, von dem man sich nun endlich befreit hatte.

"Das Tragische liegt nun daran,
dass die Liturgie selbst so unschuldig ist."

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Autoren gelesen, die Liturgie als Christusmysterium erschlossen. Papst Pius XII. sah sich noch genötigt, in seiner Enzyklika „Mediator Dei“ eine legalistisch-äußerliche Sicht der Liturgie zu verwerfen. Er eröffnet auch die Perspektive, Liturgie theologisch zu verstehen. In einer großen Synthese wendet er die durch die Liturgische Bewegung gewonnene Sicht aber gerade nicht gegen den Begriff des öffentlichen und damit objektiven Kultes, sondern gibt ihm seine christologische und ekklesiologische Fundierung: „Die heilige Liturgie … stellt den gesamten öffentlichen Gottesdienst des mystischen Leibes Jesu Christi dar, seines Hauptes nämlich und seiner Glieder.“

Das Tragische liegt nun daran, dass die Liturgie selbst so unschuldig ist. In ihr ist keine Rede von den genannten Absonderlichkeiten. Der Ritus servandus beschreibt sorgfältig die Handlung, flößt aber keine Furcht ein. Die liturgischen Texte erschließen das Christusgeheimnis und die Wirklichkeit der Kirche.

Dietrich von Hildebrand betont schon 1933, wie es doch gerade die Liturgie ist, die durch ihren Geist eine organische Persönlichkeit bildet: „Im Unterschied zu anderen Frömmigkeitsformen, in denen in einer militärisch anmutenden und darum mechanischen Disziplinierung des Lebens der Tag in unzählige Willensakte und Aufblicke zerfällt, … steht im Vollzug der Liturgie primär die Grundhaltung zu Gott im Vordergrund, das dauernde Sein des Menschen, und aus dieser Grundhaltung wachsen organisch alle Einzelakte.“ Nein, man darf nicht gegen den Ritus anführen, was purer Ausdruck des Zeitgeistes war!

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