Berlin

„Als Christen in der Minderheit sind wir Salz, Samen und Sauerteig“

Lars Anders Kardinal Arborelius, Erzbischof von Stockholm, sprach in Berlin über „Leben in Gottes Gegenwart – in Minderheit und Migration“.

Kardinal Anders Arborelius im Gespräch mit dem Berliner Erzbischof Heiner Koch
Kardinal Anders Arborelius (links) im Gespräch mit dem Berliner Erzbischof Heiner Koch und mit Benedicta Lindberg, die als Deutsche Generalsekretärin der schwedischen Bischöflichen Aktion für den Respekt in allen Lebensphasen arbeitet. Foto: José García

Angesichts einer sich so gut wie in ganz Europa immer weiter ausbreitenden Säkularisierung, kann ein Blick auf ein Land hilfreich sein, in dem eine solche Entwicklung weiter fortgeschritten und die Katholiken eine verschwindende Minderheit sind. Insofern stellten die Erfahrungen, die Kardinal Arborelius aus Stockholm in der Vorwoche in einem Vortrag in der Katholischen Akademie Berlin weitergab, eine Bereicherung, aber auch eine Ermunterung für die Zuhörer dar.

Lars Anders Kardinal Arborelius steht seit 1998 der einzigen schwedischen Diözese vor. Als Papst Johannes Paul II. ihn auf den Bischofssitz von Stockholm berief, übernahm mit dem 1949 geborenen Arborelius erstmals seit der Reformation ein Schwede die Leitung eines katholischen Bistums. Papst Franziskus kreierte ihn 2017 zum Kardinal.

Vorher lebte Anders Kardinal Arborelius aber etwa zwanzig Jahre lang als Karmeliter im Kloster Norraby, nachdem er im Alter von 20 Jahren zum katholischen Glauben konvertiert war. Seine karmelitische Prägung merkt man ihm einerseits an der Form seiner Argumentation an: Der Erzbischof von Stockholm nähert sich seinem Thema nicht diskursiv an. Er kreist vielmehr darum, und kommt immer wieder aus einer anderen Perspektive auf die Hauptthemen zu sprechen.

Kardinal Arborelius spricht weder von Strukturen noch von „synodalen Wegen“

Andererseits spricht Kardinal Arborelius weder von Strukturen noch von „synodalen Wegen“. Die Kirche wachse vielmehr durch das Martyrium. „Ich habe das Zuchthaus Brandenburg an der Havel besucht, wo Franz Jägerstätter hingerichtet wurde. Wenn wir Zeugen sind, müssen wir auch bereit sein zum Martyrium. Die Kirche ist immer eine Kirche der Märtyrer – früher war das vielleicht in Deutschland während des Nationalsozialismus, heute ist es in anderen Ländern, etwa in Pakistan.“ Martyrium und Zeugnis seien allerdings etymologisch ein und dasselbe Wort. „Gerade in einer Minderheitssituation, in der Diaspora – wie es in Deutschland heißt – muss der Katholik ein Zeuge sein.“  In Schweden machen die Katholiken knapp zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Denn der Katholik sei von Gott „in die Diaspora geschickt worden, um Zeuge für Christus zu sein“. So lebe jeder Katholik in einer bestimmten, kleinen Umgebung, in der er Zeugnis geben kann: „Die meisten, die in Schweden den katholischen Glauben annehmen, haben vorher jemand getroffen, der als Zeuge überzeugend war“. Besonders in einer Minderheitssituation sei es wichtig, als gläubiger Christ bereit zu sein, über den Glauben zu sprechen und christlich zu handeln. „Manchmal ist es überzeugender, wenn jemand durch sein Handeln Christus zeigen kann. Wenn wir in Gottes Gegenwart leben, wird es natürlich sein, von Gottes Liebe und Wahrheit zu sprechen.“

Die Katholiken in Schweden besitzen eine reiche Erfahrung im Zusammenleben mit Anders- oder gar Nichtgläubigen. Schließlich wurde es den Katholiken in Schweden erst ab 1781 erlaubt, ihren Glauben öffentlich zu praktizieren. Im Jahre 1617 war sogar die Todesstrafe für Katholiken – mit Ausnahme der Ausländer – eingeführt worden. Erst 1953 wurde das bis heute einzige Bistum errichtet.

Als Katholik den Nichtgläubigen begegnen

Wie sollen in einer solchen Situation Katholiken Nichtgläubigen begegnen? „Wir können sie“, so Anders Arborelius, „nicht als Feinde ansehen, sondern als Menschen, die von Gott erschaffen sind“. Das Handeln eines gläubigen Katholiken anderen Menschen gegenüber in einer Minderheitssituation solle von einer „Verwurzelung in Glaube, Liebe und Hoffnung“ geprägt sein. Auf diese Weise „helfen uns auch Nichtgläubige, Gott näher zu kommen. Wenn wir wirklich daran glauben, dass Gott überall ist, dann sehen wir seine Spuren in den Mitmenschen, die alle nach seinem Ebenbild erschaffen sind.“

Eine Besonderheit der katholischen Kirche in Schweden besteht zwar darin, dass etwa 80 Prozent Ausländer sind. „Bei uns sind es die Schweden, die sich integrieren müssen“, so der Kardinal – was aber nicht immer konfliktfrei geschehe. Was die katholische Präsenz angeht, hat Schweden jedoch Ähnlichkeit mit manch einem deutschen Bistum, etwa Magdeburg oder Görlitz, wo die Katholiken drei bis vier Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Deshalb können die Aussagen des Erzbischofs von Stockholm insbesondere auch den ostdeutschen Katholiken eine Hilfe sein: „Als Christen in der Minderheit sind wir Salz, Samen und Sauerteig. Für uns ist es eine Gnade, eine Freude, eine Hoffnung in der Minderheit zu leben. Die Wirklichkeit, in der wir leben, ist die Wirklichkeit, wo wir Gottes Gegenwart erleben. Wir können zwar die Welt verändern, in der wir leben. Aber wir können keine andere Wirklichkeit erfinden. Deshalb ist es wichtig zu glauben, dass wir Gott da erfahren, wo wir leben. Es ist etwas Wunderbares, dass Gott uns für die Mission brauchen will.“

Kardinal Arborelius: Beziehung zu Gott lebendig halten

Kardinal Arborelius’ Ratschlag: „Wir müssen versuchen, die Beziehung zu Gott lebendig zu halten. Denn die Menschen merken, wenn wir von Gott sprechen, ob wir auch mit Gott sprechen. Wir können diese Beziehung in ein biblisches Bild übersetzen: Marta und Maria – so einfach ist es eigentlich. Maria, die ganz offen für Jesus steht, die im Gebet immer bei ihm bleibt. Und auch Marta, die immer für den Herrn arbeitet, Zeugnis gibt. In unserer Situation ist das nötig, wenn man wirklich als katholischer Christ leben will.“

Die Hintergründe zu diesem Thema finden Sie in der Wochenausgabe der Tagespost. Kostenlos erhalten Sie diese aktuelle Ausgabe der Zeitung hier.