Zwischen den Stühlen

Israels Christen werden vielfältiger – Den Arabern unter ihnen stellen sich grundlegende Identitätsfragen. Von Oliver Maksan

Israelisch, aber kein Jude, Araber, aber kein Muslim: Christen haben es nicht leicht in Israel – auch weil sie immer weniger werden. Foto: dpa
Israelisch, aber kein Jude, Araber, aber kein Muslim: Christen haben es nicht leicht in Israel – auch weil sie immer wen... Foto: dpa

Jerusalem (DT) „Sie sind israelische Staatsbürger, aber keine Juden. Und der Staat ist ein jüdischer Staat. Sie sind Araber, aber keine Muslime. All das macht die Lage der arabischen Christen in Israel einzigartig und kompliziert“, sagt Pater Pierbattista Pizzaballa, Kustos der Franziskaner im Heiligen Land. „Identitätsfragen stellen sich ihnen unausweichlich.“ Der Italiener an der Spitze der Kustodie ist ein intimer Kenner Israels. Er spricht hebräisch, hat an der Hebräischen Universität von Jerusalem studiert. Jahrelang leitete er die Seelsorge an den hebräischsprachigen Katholiken. In seiner Tätigkeit als Kustos hat er jetzt indes vor allem mit den arabischen Christen Israels zu tun. Etwa 120 000 von ihnen leben im Land mit seinen insgesamt etwa 161 000 Christen. Er kennt also beide Seiten.

Ändert sich die Mehrheit, wirkt das auf die Minderheit

„Die israelische Gesellschaft, sowohl die jüdische wie die islamische, ändert sich. Und wenn sich die Mehrheit ändert, hat das auch Auswirkungen auf die Minderheit“, sagt der aufmerksame Beobachter der nahöstlichen Zeitläufte. „Der Status quo, wie ihn die Christen gewohnt waren, ist nicht zu halten.“ Über lange Zeit seien sie vor allem aufgrund des eng gestrickten christlichen Bildungswesens die arabische Mittelklasse gewesen und hätten die Intelligenzija der arabischen Gemeinschaft in Israel gestellt. Das habe sich aber geändert. „Die Muslime haben aufgeholt. Anders als Europäer meinen, leben die arabischen Muslime nicht mehr in Zelten und als Beduinen“, so Pizzaballa. „Die Moderne fordert auch die islamische Gesellschaft heraus. Darauf gibt sie verschiedene Antworten.“ So werde das islamische Netzwerk stärker. Was Al Dschasira oder Al Arabia am Golf sendeten, werde auch in Israel empfangen. Das habe auch Auswirkungen auf die Christen. „Zudem hat sich der politische Diskurs verändert. In der Vergangenheit war die palästinensische Nationalbewegung ein großes Christen und Muslimen gemeinsames Thema und Christen waren dort an wichtigen Stellen tätig. Das ist jetzt anders. Sie sind fast völlig verschwunden, nimmt man das Establishment aus. Alle Bewegungen sind jetzt islamische.“ Das verschärfe die Identitätsprobleme der Christen. Frage man die christliche Mittelklasse Israels, dann würden sie sagen, dass sie und die Muslime alle Palästinenser seien. „Die Muslime werden aber nicht dasselbe sagen. Sie sind nicht gegen die Christen. Aber für sie sind die Christen unsichtbar geworden. Es gibt sie nicht. Sie sind zahlenmäßig einfach zu wenige geworden.“ Zahlen sind im Nahen Osten nicht unwichtig.

Gegenüber der jüdischen Mehrheitsgesellschaft wiederum ist das Verhältnis belastet. Die Mischung von Christentum und Arabertum, geschichtliches Trauma das Eine, aktueller Konflikt das Andere, erleichtert jüdischen Israelis nicht eben den Zugang zu den arabischen Christen. Diese wiederum stehen dem jüdischen Staat reserviert gegenüber und fühlen sich insgesamt als Palästinenser diskriminiert. Vor allem die Geschichte lastet auf dem Verhältnis. Wendepunkt der palästinensischen Geschichte im allgemeinen und der christlichen im besonderen war das Jahr 1948, als die Juden Palästinas den Staat Israel ausriefen. Von den zuvor etwa 143 000 Christen blieben danach ganze 34 000 innerhalb Israels übrig. In Haifa etwa, wo Juden, Christen und Muslime heute einander am nächsten kommen, wohnten vor 1948 30 000 Christen und nur 7 700 unmittelbar danach. Vertreibung und Flucht dezimierten die christliche Präsenz. Dennoch wächst sie seither, anders als in den palästinensischen Gebieten, kontinuierlich. Hätte es aber die Nakba nicht gegeben, rechnen christliche Demografen auf der Grundlage des christlichen Bevölkerungswachstums nach 1948 vor, lebten heute etwa eine halbe Million arabischer Christen in Israel. Die Mehrheit von ihnen sind derweil Katholiken unterschiedlicher Riten. Die größte katholische Einzelkirche ist die griechisch-katholische mit etwa 50 000 Gläubigen, gefolgt von der römisch-katholischen mit etwa 25 000. Eine kleinere Zahl von Katholiken gehört der maronitischen Kirche mit etwa 8 000 Gläubigen an.

Verstärkt wurden die Christen Israels in den letzten Jahren vor allem durch die Einwanderung Zehntausender russischer Christen. Diese sind auf der Grundlage des israelischen Rückkehrgesetzes nach 1990 eingewandert. Sie sind völlig im jüdisch-israelischen Mainstream integriert. Berührungspunkte mit der arabischen christlichen Mehrheit gibt es wenige. Eine relativ neue Realität bilden Israels christliche Migranten und Asylbewerber. Allein etwa 40 000 katholische Filipinos leben auf Zeit vor allem in Pflegeberufen in Israel. Die Zahl christlicher, meist orthodoxer Asylanten, vor allem aus Eritrea, Äthiopien und dem Sudan, beträgt etwa 53 000.

Wehrdienst wurde zum Politikum ersten Ranges

Während diese Gruppen nur vorübergehend im Land leben, sind Israels arabische Christen Staatsbürger. Vom Wehrdienst, dem Schmelztiegel der israelischen Nation, sind sie als Araber ausgenommen. Bemühungen christlicher, vom Staat tatkräftig unterstützter Aktivisten, die Zahl der freiwillig Wehrdienst Leistenden zu erhöhen, sind zu einem Politikum ersten Ranges geworden. Der frühere Lateinische Patriarch von Jerusalem, Michel Sabbah, brachte die Haltung der Kirche dazu auf den Punkt. „Die israelischen ,Gewehre‘ richten sich gegen die Palästinenser, daher ist es nicht logisch, dass sich ein Palästinenser von dieser Armee anwerben lässt. Der palästinensische israelische Christ ist ein Teil des Aufbaus einer israelischen Gesellschaft, aber er kann diese nicht durch das Blutvergießen an seinem palästinensischen Bruder unter israelischer Besatzung mit aufbauen.“