Zum Abschied ein Aufruf zur Einheit

Das Bistum Regensburg dankt dem Präfekten der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, für zehn Jahre Hirtendienst an der Donau. Von Regina Einig

Der Weg an den Tiber ist für den Präfekten der Glaubenskongregation mit bayerischen Erinnerungen gepflastert. Foto: dpa
Der Weg an den Tiber ist für den Präfekten der Glaubenskongregation mit bayerischen Erinnerungen gepflastert. Foto: dpa

Regensburg (DT) Ein weiß-blaues Fahnenmeer der Marianischen Kongregationen, der Schrein des heiligen Wolfgang und Gläubige in Festtagstrachten erwarten den Präfekten der Glaubenskongregation Erzbischof Gerhard Ludwig Müller am Sonntagnachmittag zum Dankamt im gesteckt vollen Regensburger Dom. Der Andrang ist so groß, dass auch auf dem Domplatz die Plätze vor den Bildschirmen knapp werden. Knapp zehn Jahre zuvor war der Münchner Dogmatikprofessor Müller im Regensburger Dom zum Bischof geweiht worden. Das Dankamt am Sonntag ist eine Demonstration für den scheidenden Oberhirten: Vertreter der Vereine und Verbände, viele junge Priester, Laien und Ordensleute, darunter auch Gemeinschaften, die in der Amtszeit des Erzbischofs in Regensburg heimisch wurden, besetzen die Reihen. Es ist, als wollte das in den vergangenen Jahren oft zu Unrecht gescholtene Bistum mit dieser beeindruckenden Präsenz manchen professionellen Schwarzmalern in Redaktionsstuben und auf Lehrstühlen zeigen, wie unbeeindruckt der Oberpfälzer Katholizismus katholische Bandbreite zu leben weiß.

Von den bayerischen Bischöfen sind Kardinal Reinhard Marx und Kardinal Friedrich Wetter, Bischof Friedhelm Hofmann (Würzburg), Bischof Gregor Maria Hanke OSB (Eichstätt), Bischof Wilhelm Schraml (Passau) und Weihbischof Radspieler (Bamberg) gekommen. Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der Apostolische Nuntius Jean-Claude Périsset und Bischof Frantisek Radkovsky aus dem tschechischen Partnerbistum Pilsen feiern ebenfalls mit. Auch Papstsekretär Georg Gänswein und der Münchner Kirchenrechtler Winfried Aymans, beide Weggefährten Müllers in München, haben sich die Reise an die Donau nicht nehmen lassen. Unter den Regensburger Laien sind Albert Schmid, Vorsitzender des Landeskomitees der bayerischen Katholiken, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis sowie Graf Philipp von und zu Lerchenfeld, Vorsitzender des Diözesankomitees der Katholiken im Bistum.

Erzbischof Müller kommt in seiner Predigt ohne Umschweife auf das Evangelium vom Sieg Christi über den Tod: „Unser Leben liegt in Gottes Hand“, stellt der Präfekt der Glaubenskongregation fest. Im Angesicht des Todes entscheide sich, ob das Leben eines Menschen einen Sinn gehabt hätte. „Auf diesen entscheidenden Augenblick können wir uns vorbereiten“, unterstreicht Müller und verweist auf das Kreuz. Die einzige Macht, die dem Tod gewachsen sei, „ist die Liebe Christi“. Sie gebe Menschen Orientierung in der Zeit und eine Perspektive in die Ewigkeit“. Daher bleibe seine Lebensmaxime: frohes Gottvertrauen, tätige Nächstenliebe und heitere Gelassenheit. Die Kirche, so Müller, bleibe der Welt die Botschaft vom Sieg des Lebens über Sünde und Tod nicht schuldig. Auch unter den erschwerten Bedingungen der Verweltlichung und eines Denkens und Verhaltens, als ob Gott nicht da wäre, das auch viele Christen präge, „muss das Evangelium in seiner ganzen Fülle gelebt und verkündet werden“. Wer sich der Wahrheit über den Menschen im Leben und Sterben voller Ernst und Würde stelle, der sei immun gegenüber den Verheißungen von Selbsterlösung „uns dem Sirenengesang des Wellness-Betriebs“. Geschöpf Gottes zu sein, sei etwas grenzenlos Positives.

Erzbischof Zollitsch unterstreicht in seinen Dankeswort die „wissenschaftliche Kompetenz und das klare theologische Denken“ des ehemaligen Dogmatikprofessors, der nun in Rom an die Spitze der Glaubenskongregation getreten ist. Die Gründung des Instituts „Papst Benedikt XVI.“, das die wissenschaftliche Edition der Schriften des Heiligen Vaters übernommen hat, die Aufnahme von Gesprächen mit dem Moskauer Patriarchat und die Zusage, 2014 den 98. Deutschen Katholikentag in Regensburg auszurichten, hebt der Vorsitzende als besondere Pluspunkte in seiner Bilanz hervor. Der Deutschen Bischofskonferenz ist mit Erzbischof Müller ein theologisches Schwergewicht abhanden gekommen, für das sie in den kommenden Tagen bei der Vollversammlung in Fulda Ersatz in der Glaubens- und Ökumenekommission finden muss – keine leichte Aufgabe, so ist am Sonntag in Regensburg häufig zu hören. Nuntius Périsset hatte beim Festakt am Mittag Müllers „Bestreben, die Kirche vor einer Infizierung durch den Zeitgeist zu bewahren“ unterstrichen.

Dass Regensburg mit Müller einen „Oberhirten von Format“ verliert, bedauert auch Emilia Müller, Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten in der Bayerischen Staatskanzlei. Ihr Lob gilt besonders der von Müller ins Lebens gerufenen Schulstiftung der Diözese. Dass der scheidende Erzbischof neben vielen Erinnerungen an Wallfahrten und Besuche in den Pfarreien auch das Markenzeichen Regensburgs – die Kirchenmusik – vorangebracht hat, ist beim Klang der Schwalbennestorgel zu hören – ein Glanzstück der Orgelbaukunst, die während Müllers Regensburger Amtszeit im linken Seitenschiff des Domes eingebaut wurde.

Der Präfekt der Glaubenskongregation überrascht die Gäste beim Festakt mit einer originellen Laudatio auf seine Mutter Lioba. Mehr als die großen Kirchenlehrer, so Müller wörtlich, „haben mich die Lebensweisheiten meiner Mutter, einer einfachen Hausfrau geprägt“. Leben und leben lassen sei deren Maxime gewesen. Der Erzbischof zieht die Linien zur Situation der Kirche heute aus: Es gebe soviel Arbeit im Haus Gottes, dass die Christen ihre Energien nicht für innerkirchliche Kämpfe verbrauchen könnten.

Aus seinem Ärger über Medien, deren Fokus auf den Negativa der Kirche liege, ohne dass die positive Arbeit vieler berücksichtigt werde, macht Müller keinen Hehl. Die Kirche solle jedoch ein Beispiel der Einheit geben, denn für sie „gibt es kein Rückwärts, sondern nur ein Vorwärts“. Ehe der Präfekt in Rom wieder die Arbeit am Schreibtisch aufnimmt, verabschieden ihn die in Fulda versammelten Mitbrüder während der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz.

Das farbenfrohe Abschiedsmagazin „Danke“ der Diözese Regensburg anlässlich der Verabschiedung des langjährigen Oberhirten dürfte nicht nur in Regensburg, sondern auch in Fulda die Runde machen. Nun kann spekuliert werden, wie Erzbischof Müller seine neue Aufgabe in Rom ausfüllt. Glaubt man Diözesanadministrator Wilhelm Gegenfurtner, so hat Müller als Bischof von Regensburg das Schiff durch ruhige und schnelle Fahrwasser geführt, neue Segel gesetzt und das Schlagtempo erhöht. Diese Erfahrungen dürften ihm in Rom zugute kommen. Von Oberpfälzer Warte aus betrachtet, ist der Vatikan dank des gebürtigen Rheinländers Gerhard Ludwig Müller jedenfalls wieder etwas bayerischer geworden. Am 21. Oktober trifft man sich zur Heiligsprechung der seligen Anna Schäffer in der Ewigen Stadt wieder.