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Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen stellt Hirtenbriefe in Buchform vor. Von Regina Einig

Bischof Heinz Josef Algermissen. Foto: reg
Bischof Heinz Josef Algermissen. Foto: reg

Fulda (DT) Achtzehn Hirtenbriefe des Fuldaer Bischofs Heinz Josef Algermissen aus den Jahren 2001–2015 sind am Dienstag in Fulda in Buchform vorgestellt worden. Bei der Lektüre kristallisieren sich drei Schwerpunkte heraus: Die geistliche Neuorganisation der Seelsorge, der sich das Bistum Fulda wie andere deutsche Diözesen in den letzten zehn Jahren stellen musste. Die beiden anderen Themen tragen die ganz persönliche Handschrift Bischof Algermissens: an erster Stelle seine Sorge um eine authentische und würdige Feier der Liturgie und sein Einsatz für den Lebensschutz. Wenn er bei Pfarreibesuchen eine „deformierte Liturgie“ erlebe, belaste ihn das sehr, gesteht er. Christliche Liturgie sei „zuallererst eine Tat Gottes“, heißt es in seinem Fastenhirtenbrief aus dem Jahr 2013. Liturgische Erneuerung im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils bedeutet für Bischof Algermissen „nicht Anpassung an den Zeitgeist, sondern Korrektur und Vertiefung“.

Der professionellen Schönrednerei im sensiblen Feld der römischen Liturgie ist der Fuldaer Bischof unverdächtig: Authentische Liturgie ist für ihn schlicht ein Synonym für die Liturgie der Kirche. Geisterfüllte Spontaneität gegen die Ordnung der Kirche ausspielen? Nicht mit Bischof Algermissen, der mit klarem Blick für die Wirklichkeit auch die menschlichen Grenzen vor Augen hat: Bei spontan formulierten Gebeten kommt seiner Erfahrung nach „oft auch theologischer Unsinn heraus“. Ohne Scheu spricht er Missstände an und bietet mit dem Buch auch ein Korrektiv: Im Gottesdienst gebe es nur ein einziges Thema, schreibt er: „Gott schenkt uns seinen Sohn zur Erlösung der Welt und zum ewigen Leben der Menschen“. Keine eigenmächtige Formulierung oder Geste des Zelebranten könne den großen Geist der Jahrhunderte atmen, wie ihn die Gebete und Riten haben, die im römischen Messbuch vorgesehen seien, schreibt er prägnant.

Die christliche Hoffnung nicht zu verlieren und andere darin zu bestärken, gehört heute zu einer der schwierigsten Aufgaben des bischöflichen Dienstes. „Es gibt nur mehr und mehr Rückbau“, skizzierte Bischof Algermissen vor Journalisten das landläufige Bild der katholischen Kirche. Mehr Neuevangelisierung wäre sein Wunsch in Zeiten zunehmender Kirchenaustritte, die geradezu nach einer missionarischen Kirche schreien. „Doch diese missionarische Kirche haben wir hier nicht“, räumte er ein. Eine Prognose wagte er dennoch: „Der Weg zu einer ärmeren Kirche wird sicher kommen.“ Was nicht bedeutet, dass diese weniger Ausstrahlung haben wird, im Gegenteil: Bischof Algermissen stimmt mit Papst Franziskus darin überein, dass eine ärmere Kirche Chancen birgt. Beispiele dafür kennt er aus seiner Diözese: Aus Frankreich, wo die katholische Kirche weitaus engere finanzielle Spielräume hat als die deutschen Bistümer, kam die Gemeinschaft der Kleinen Schwestern von Bethlehem nach Deutschland. Seit fünfzehn Jahren hat der Orden in Wollstein im Bistum Fulda eine Niederlassung. In einer abgeschiedenen Region lebt eine internationale Schwesternkommunität nach der Regel des heiligen Bruno des Kartäusers. Für Bischof Algermissen ist das „ein Hoffnungspunkt. Dort ist einfach der richtige gute Geist.“ Froh ist er auch über die Benediktinerinnenabtei zur Heiligen Maria, die den benediktinischen Geist in Fulda lebendig hält.

Dass eine ärmere Kirche kreative Energien freisetzt, hat er schon als junger Studentenseelsorger bei Aufenthalten in Paris beobachtet. „Von den pastoralen Projekten in Frankreich können wir nur träumen“, erklärte er mit Nachdruck.

Als engagierter Verteidiger menschlichen Lebens in all seinen Stadien tritt Bischof Algermissen vor allem in seinem diesjährigen Fastenhirtenbrief hervor. Mit Blick auf die Debatte über den assistierten Suizid setzt er sich für öffentliche Aufklärung ein. Sie beginnt für ihn schon mit präzisen Begriffen. Wichtiger ist allerdings die innere Haltung. Algermissen erinnert daran, dass es nicht auf das Machen, sondern das Seinlassen ankomme. Klar bezieht er Position gegen den „einseitigen Kult des tätigen Lebens“. „Wir sind stets mehr als wir sehen – und erst recht als wir tun“, schreibt er. Vor den ökumenischen Differenzen in Lebensschutzfragen verschließt er nicht die Augen: „Wir müssen es als fait accompli nehmen“, erklärte er während der Buchvorstellung. Rückblickend erscheine ihm das Jahr 1989 „wie ein Wunder“. Damals veröffentlichten die katholische und die evangelische Kirche gemeinsam den Text „Gott ist ein Freund des Lebens“ und gaben auf bioethische Fragen dieselben Antworten. „Das wäre heute überhaupt nicht mehr möglich“, stellte er nüchtern fest. In den entscheidenden Fragen gebe es keine gemeinsame Antwort mehr.

Der Band behandelt in verständlicher Sprache unverändert aktuelle Fragen und bietet klare, durchdachte Orientierungshilfen. Als Denkanstoß eignet sich das Buch nicht nur für gläubige Christen. Es gibt Entscheidungen, an denen niemand vorbeikommt – und Bischof Algermissens Wortmeldungen sind ein griffiges Beispiel dafür, dass die Kirche auch denen die Werke der Barmherzigkeit anbietet, die ihr fernstehen.

Heinz Josef Algermissen: Wortmeldungen in einer Zeit des Übergangs. Hirtenbriefe aus den Jahren 2001–2015. Parzellers Buchverlag, Fulda 2015,

gebunden, 144 Seiten, ISBN 978-3-7900-0494-6, EUR 14,–