Zeigen, dass sie ein Werkzeug Gottes war

In der Neuausgabe ihrer Vita sind alle wichtigen Dokumente zum Leben der heiligen Hildegard von Bingen in einem Band zusammengefasst. Von Barbara Wenz

Am Dienstag gedenkt die katholische Kirche liturgisch der heiligen Hildegard von Bingen. – Miniatur „Der Lebenskreis“, Lucca-Kodex. Foto: Fotos: Abtei St. Hildegard
Am Dienstag gedenkt die katholische Kirche liturgisch der heiligen Hildegard von Bingen. – Miniatur „Der Lebenskreis“, L... Foto: Fotos: Abtei St. Hildegard

Die erste Vita Hildegards, also die Geschichte ihres heiligmäßigen und tugendvollen Lebens, wurde bereits zu ihren Lebzeiten von dem Mönch Gottfried in den siebziger Jahren des 12. Jahrhunderts begonnen und später von dem Mönch Theoderich zusammengestellt, erweitert und fortgeführt. Eine typische Heiligenvita hangelt sich jedoch nicht, wie eine moderne Biografie, an äußeren Gegebenheiten entlang, sondern ist vorzüglich geschrieben, um das Charisma, die Gnadenerweise durch Gott ebenso wie Anfechtungen und geistliche Kämpfe mit den bösen Mächten des jeweiligen Menschen zu schildern und für die Nachwelt zu bewahren.

Zu diesem Zweck haben die beiden Mönche ihr Werk in drei „Bücher“ unterteilt: Im ersten Buch, bestehend aus neun kurzen Kapiteln, wird von der Geburt und Erziehung der Heiligen berichtet, ihrem Leben im Kloster, ihrem Zusammentreffen mit Würdenträgern und die charakteristischen Merkmale ihrer Schau. Im zweiten Buch, unterteilt in 17 Kapitel, geht es vor allem um die Beschreibung von insgesamt sieben Visionen, über die Bekehrung eines mit ihr bekannten Philosophen, ihre Ermahnungen an die ihr anvertrauten Nonnen und wie Gott sie stärkte, wenn ihr Menschen oder Dämonen zusetzten. Die Umstände der Bekehrung des namenlosen Philosophen verdienen eine besondere Erwähnung. Offenbar handelte es sich um einen sehr wohlhabenden Mann, der allerdings weder an die Wahrheit der Schau Hildegards noch an Gott glauben wollte und offenbar auch Schmähungen und Beleidigungen über sie verbreitete. Er kam in ihr Kloster, um das Phänomen eingehender zu untersuchen und erkannte mit Gottes Hilfe die Echtheit ihrer Visionen. Freigiebig beschenkte er nun die Gemeinschaft mit „Gebäuden, Ländereien und anderem Lebensnotwendigen“. Sein Wunsch, bei oder innerhalb des Klosters seine letzte Ruhestätte zu finden, hat ihm Hildegard erfüllt.

Das dritte Buch ist eine ausführliche Auflistung und Beschreibung aller Wundertaten, vornehmlich Heilungen von Kranken sowie Besessenen, die sie zu Lebzeiten vollbrachte. Festgehalten wurden des Weiteren bemerkenswerte Umstände. Zum Beispiel wird von mehreren Frauen berichtet, welche in solch schweren Geburtswehen lagen, dass man um ihr Leben bangen musste. Als diese sich einen Haarzopf Hildegards auf den Körper legten, konnten sie entbinden, womit zumeist Mutter und Kind gerettet wurden. Geradezu spektakulär ist das Lichtwunder, welches sich am Abend ihres Heimgangs zum ewigen Haus des Vaters ereignete: Zwei hell leuchtende Bögen erschienen am Nachthimmel, dehnten sich aus, wurden zu Lichtstraßen, die das Firmament von Nord nach Süd und von West nach Ost überspannten und sich an ihrer höchsten Stelle kreuzten. Dort erschien zuerst ein Licht wie der Vollmond, darin ein rötlich schimmerndes Kreuz, umringt von vielen einzelnen, kleineren rötlichen Kreuzen. Für den Verfasser des Buches lag die Deutung dieses Phänomens auf der Hand: „Man darf glauben, dass Gott mit diesem Zeichen kundtat, mit welcher Klarheit er seine Geliebte im Himmel erleuchtete.“

Auch im dritten Buch geht es hauptsächlich darum, zu bekräftigen, dass Hildegard eine Auserwählte war und ihre Stellung als Werkzeug Gottes sowohl für ihre Zeitgenossen als auch für die Nachwelt hervorzuheben. Die beiden Autoren hatten sich im Lichte dieses Ansinnen persönlich so weit wie möglich zurückzunehmen. Allerdings erlauben sie sich Hinweise und Kommentare zu den geschilderten Ereignissen, um diese im Lichte des Glaubens auslegen zu können. Die Vita Sanctae Hildegardis schließt mit einem vertrauensvollen Gebet: „Daher hoffen wir und glauben wir zuversichtlich, dass ihr [Hildegards] Gedächtnis bei Gott unsterblich ist, der ihr schon in diesem Leben einen besonderen Vorgeschmack seiner Gaben zugeteilt hat. Ihm sei Lob und Ehre in Ewigkeit. Amen.“

Konsequenterweise hat man dieser Neuausgabe der Vita Hildegards nicht nur eine Einführung beigefügt, in welcher der Unterschied im Verständnis zu einer Heiligenvita und einer modernen Biografie aufgegriffen wird, sondern auch die Kanonisationsakte vom 16. Dezember 1233, das Päpstliche Dekret über den Vollzug der Kanonisation Hildegards vom 10. Mai 2012 und das Apostolische Schreiben Benedikts XIV. zur Erhebung der heiligen Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin vom 7. Oktober 2012.

Somit finden sich alle wichtigen Dokumente dazu in einem Band versammelt. Im Anhang gibt es neben Abkürzungsverzeichnissen auch ein nützliches Personen-, Orts- und Klosterregister sowie eine kleine Bibliographie und ein Bibelstellenregister.

Das Leben der heiligen Hildegard von Bingen, Vita Sanctae Hildegardis. Werke Band III. Hg. von der Abtei St. Hildegard, Eibingen. Beuroner Kunstverlag, ISBN 978-3-87071-262-4, EURO 13,90