Wünschelrute und Rosenkranz

Telgter Museum „Religio“ befasst sich mit Grenzbereichen zwischen Volksfrömmigkeit und Aberglauben Von Gerd Felder

Dieses Buch bekämpfte Aberglauben und Hexenwahn: die Cautio Criminalis des Jesuiten Friedrich von Spee. Foto: Felder
Dieses Buch bekämpfte Aberglauben und Hexenwahn: die Cautio Criminalis des Jesuiten Friedrich von Spee. Foto: Felder

Telgte (DT) Ob Dämonenglauben, Wahrsagerei, Astrologie, Horoskope, Orakel, Hellsehen und Handlesen, fragwürdige Heilmethoden oder schwarze Magie – es gibt viele Phänomene, die man unter dem Begriff „Aberglauben“ zusammenfassen kann. All diesen und noch mehr Erscheinungsformen des Aberglaubens geht jetzt eine Ausstellung des kürzlich neu eröffneten Westfälischen Museums für religiöse Kultur „Religio“ in Telgte nach, das früher als Heimathaus Münsterland und Krippenmuseum bekannt war. Die 160 Ausstellungsstücke stammen aus eigenem Bestand, aus Archiven und privaten Sammlungen.

Doch wer definiert eigentlich, was Aberglaube ist, und was verbirgt sich überhaupt hinter diesem Begriff? „Was Aberglaube ist, kommt auf den Standpunkt des Betrachters an“, erläutert Ostendorf. Also könne beispielsweise für einen Christen etwas Aberglaube sein, was es für einen Muslim überhaupt nicht sei und umgekehrt. Und noch etwas ist für den Aberglauben wichtig: Er setzt ein Weltbild voraus, in dem nichts zufällig geschieht, sondern alles kausale Ursachen hat. Wenn man nämlich die Zukunft gestalten und beeinflussen kann, dann ist das der beste Nährboden für Aberglauben, der glaubt, den Zufall abwehren und verhindern zu können.

Fremdartig-surrealistisch und zugleich spektakulär mutet gleich das Entree in die Ausstellung an: Hier haben die beiden Kölner Künstlerinnen Ines Braun und Iris Stephan durch eine Installation mit 200 Rehschädeln unter dem Titel „Wilde Jagd“ die zwölf Rauhnächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag lebendig darzustellen versucht. Nach alter Volksüberlieferung ist das eine Zeitspanne, in der die Menschen ganz besonders guten und bösen Geistern ausgesetzt sind, die als „wilde Horde“ den nächtlichen Himmel unsicher machen. Wie sowohl früher als auch heute versucht wird, diese Dämonen an Silvester mit Krach und Lärm symbolisch zu vertreiben, demonstrieren darüber hinaus Feuerwerkskörper in den benachbarten Vitrinen.

Orakel – ist das nicht etwas, was es nur in der Antike gab und längst vergessen ist? Keineswegs, wie der nächste Raum der Ausstellung demonstriert. Mit künstlerischen Mitteln spielen Ines Braun und Iris Stephan in ihren originellen Objekten auf die Orakel der Antike an, bei denen auch die Untersuchung von Vogelflug und die Fleischbeschau üblich waren. Eine absurde Form nahmen die Orakel bei der Fußball-Europameisterschaft an, während der sage und schreibe zwölf Tiere bundesweit zu den Spiel-Ergebnissen befragt wurden – und fast alle daneben lagen. „Wenn die deutsche Mannschaft gegen ihren Angstgegner Italien ausgeschieden ist, dann lag das nicht etwa an einem ,Fluch‘, wie der Aberglaube meint, sondern ganz einfach am Spiel unserer Elf“, fügt Ostendorf hinzu. Sobald man einen Fluch beschwöre, löse einen das aus der Verantwortung für das eigene Handeln heraus, was falsch sei. Astrologie und Horoskope, daran lässt Ostendorf keinen Zweifel, haben nach wie vor große Bedeutung – „und viel mit der Angst vor der Zukunft zu tun“, so der Museumsleiter.

Gläser-Rücken und der Einsatz von Wünschelruten stehen für zusätzliche Weisen, die Zukunft zu erforschen. Eine andere Abteilung befasst sich eigens mit dem Grenzbereich zwischen religiösen Praktiken und Aberglauben. Geheiligtes Wasser, ob vom Jordan-Fluss im Heiligen Land oder aus Lourdes, gepresste Blumen aus dem Heiligen Land und Olivenholz aus dem Garten Gethsemane, aber auch Rosenkränze und Skapuliere sollen Segen bringen und Unglück abwenden. „Wir stellen nicht den Rosenkranz in Frage, wollen aber zum Nachdenken über seine Verwendung anregen“, so Ostendorf. Da gibt es etwa eine Reliquie dritten Rangs, die angeblich vom Tisch Jesu in Nazareth stammt, winzige Berührungsreliquien, die vor Reisegefahren schützen sollen, Mini-Madonnen oder ein minimales Stück der Ordenstracht von Blandine Merten. „Da gibt es einiges, was von der Kirche offiziell nie anerkannt worden ist, in der Volksfrömmigkeit aber eine große Rolle spielt“, erläutert der Museumsleiter.

Zu weit gehen die beiden Künstlerinnen Braun und Stephan dagegen, wenn sie die Verehrung von Reliquien offenbar bewusst als fragwürdig hinstellen und der Lächerlichkeit preisgeben: In einem Raum präsentieren sie Reliquiare und kleine Altäre mit Schreinen, die Teile von verschiedenen Tieren als falsche „Reliquien“ enthalten. Ein „Reliquienkoffer“ enthält gleich Tierschädel, Flaschen mit eingelegten Schlangen, Federn und Kräutern. Hier weicht die sehenswerte Ausstellung auch von ihrem Kurs ab, sich einer Bewertung zu enthalten und diese letztlich dem Betrachter zu überlassen.

Die Telgter Schau vergisst aber nicht, die Rolle zu beleuchten, die Tiere – etwa der Rabe als Unglücksvogel, der Waldkauz oder die Amsel – zu manchen Zeiten und in manchen Kreisen gespielt haben und spielen. Das sogenannte „Zweite Gesicht“, so weist die Ausstellung nach, war dem „Spiegel“ im Jahr 1967 sogar einmal eine Titelgeschichte wert, und auch die Bauern- und Wetterregeln dürfen nicht fehlen. Was die Ausstellungsmacher in einer eigenen Abteilung eher kritisch unter die Lupe nehmen – nämlich alternative medizinische Therapien mit Heil(edel)steinen oder Bachblüten – dürfte in den Augen so mancher Besucher eine legitime Heilmethode sein.

In einer anderen Ecke flimmern Filmsequenzen über einen Fernsehbildschirm, die Verschwörungstheorien rund um die Anschläge vom 11. September 2001 lebendig werden lassen. „Das Internet ist voll von solchen Theorien, auch über die angebliche Erfindung von Aids“, kommentiert Ostendorf. Gegen einen schlimmen Auswuchs des Aberglaubens bezieht das Telgter Museum im intensivsten Raum der Schau eindeutig Position: den Hexenwahn. „Religio“ präsentiert dazu nicht nur den berüchtigten „Hexenhammer“ des Heinrich Institoris von 1511, sondern auch die Gegenschrift „Cautio criminalis“ des Friedrich Spee von Langenfeld. Und Ines Braun und Iris Stephan zeigen in einer ungewöhnlichen Installation zwölf Handtaschen, die an zwölf verbrannte Frauen erinnern sollen. „Sie haben diesen Unschuldigen ein Denkmal gesetzt“, kommentiert Ostendorf. Mit Glücksbringern wie dem Kleeblatt, dem Glückspfennig oder dem Hufeisen entlässt das Museum seine Besucher, macht aber auch noch einmal deutlich, welche Wiederbelebung heutzutage der Glaube an Schutzengel erfährt.

Die Ausstellung „Aberglaube“ ist noch bis zum 23. September täglich außer

montags von 11 bis 18 Uhr zu besichtigen. Nähere Auskünfte bei Religio,

Herrenstraße 1–2, 48291 Telgte,

Tel. 0 25 04 / 93 12 0, Fax 0 25 04 / 79 19,

E-Mail: museum@telgte.de