„Wir warten auf inhaltliche Vorgaben“

Erzbischof Gänswein: Bei Papst Franziskus stehen Bewährungsproben noch aus

München (DT/KNA) Kurienerzbischof Georg Gänswein sieht den Enthusiasmus um Papst Franziskus mit gemischten Gefühlen. Begeisterung sei gegenwärtig das Hauptmerkmal in der öffentlichen Wahrnehmung des Kirchenoberhaupts, sagte Gänswein dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“ in München. Er frage sich aber, so der Präfekt des Päpstlichen Hauses, ob auch alles, was Franziskus sage, wahrgenommen werde. „Alle meinen, ihn für sich beanspruchen zu können.“ Der Tag werde kommen, „an dem sich die Spreu vom Weizen scheidet“. Für Franziskus stünden „die Bewährungsproben noch aus“. Ob der Enthusiasmus anhalten werde, müsse man sehen. „Wir warten ja noch auf inhaltliche Vorgaben.“ Als „primitiv“ wertete Gänswein Versuche, den emeritierten Papst und dessen Nachfolger gegeneinander auszuspielen.

Zugleich räumte er ein, dass ihn auch wundere, wie gut sich die beiden verstünden. Die mit dem Pontifikatswechsel verbundene Umstellung sei für ihn eine Herausforderung gewesen. Inzwischen komme er mit beiden „ausgezeichnet“ zurecht. „Ich sehe beide nicht konträr, sondern komplementär“, erklärte der Erzbischof und verwies auf die Freiburger Rede von Benedikt XVI. im Jahr 2011. Franziskus löse die darin erhobene Forderung nach einer Entweltlichung der Kirche, die damals „mit wahren Interpretationspirouetten entsorgt werden sollte“, auf „ganz unspektakuläre Weise Schritt für Schritt ein“. Franziskus sehe sich „einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt“, sagte Gänswein mit Blick auf die bevorstehende außerordentliche Synode zur Familienseelsorge. „Werden die Erwartungen nicht erfüllt, kann sich das Blatt schnell wenden.“

Die vom Synodensekretariat veranlasste Umfrage habe eine „solide, realistische Grundlage“ geschaffen, „um dann im Oktober richtig an die Arbeit zu gehen“. Sie sei allerdings „kein Zwangsmittel, um bestimmte Vorstellungen durchzuboxen“.