„Wir sind Kirche“ will Verfassungsänderung

Reformkatholiken wollen Frauenweihe per Gesetz einführen. Von Kilian Martin

Mit Hilfe einer Grundgesetzänderung will „Wir sind Kirche“ seinem Ziel von der Frauenweihe näherkommen. Laut einem Beschluss der Bundesversammlung will die Reformgruppierung eine entsprechende Petition beim Deutschen Bundestag einreichen. Ziel ist eine geringfügige Änderung im Grundgesetz, die Religionsgemeinschaften dazu verpflichten würde, bei der Besetzung ihrer Ämter staatliche Antidiskriminierungsgesetze einzuhalten. So jedenfalls der Plan der Reformer, die die von Papst Johannes Paul II. endgültig festgestellte Unmöglichkeit der Frauenweihe nicht anerkennen. Wann genau sie ihren Plan nun beim Bundestag auch offiziell vorlegen wollen, stehe allerdings noch nicht fest, erklärte Sigrid Grabmeier, Mitglied im Bundesteam, nun gegenüber der „Tagespost“. Geändert werden soll nach ihrem Willen der Artikel 140 des Grundgesetzes. Dieser zitiert fünf Artikel aus der Weimarer Reichsverfassung zur Religionsfreiheit und den Rechten der Religionsgemeinschaften.

„Wir sind Kirche“ will den Weimarer Artikel 137 ändern. Im dritten Absatz heißt es dort: „Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbstständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. Sie verleiht ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde.“ Die Petition von „Wir sind Kirche“ sieht folgende Änderung vor: „Jede Religionsgesellschaft unterliegt dem für alle geltenden Gesetz. In dessen Schranken ordnet und verwaltet jede Religionsgesellschaft ihre Angelegenheiten selbstständig und verleiht ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde.“

Eine kleine Änderung, deren Sinn nicht sofort offensichtlich wird. „Ich weiß nicht, was das viel bringen soll“, bekennt auch Paul Lehrieder, CSU-Abgeordneter und Mitglied im Petitionsausschuss, auf Anfrage. Sollte das Anliegen der Reformkatholiken genügend Unterstützer finden, wird er sich näher mit dem Änderungswunsch befassen müssen. Beim ersten Blick auf das Papier frage er sich allerdings, „ob das jetzt so ein gewichtiger Punkt wäre“.

„Wir sind Kirche“ hingegen sieht in der gewünschten Änderung einen relevanten Unterschied. Die neue Formulierung würde bedeuten, dass auch die Kirche bei der Weihe das Diskriminierungsverbot einhalten müsste. Ein Ausschluss von Gläubigen aufgrund ihres Geschlechts wäre dann illegal, meint „Wir sind Kirche“. Demgegenüber betont der Rechtsanwalt Lehrieder den Grundsatz der Nichteinmischung des Staates in kirchliche Angelegenheiten. Diesen könne auch die Petition nicht aufheben.

Und überdies würde eine solche Änderung ja nicht allein die katholische Kirche betreffen, sondern alle Religionsgemeinschaften, mahnt Lehrieder. Eine Frau als Imamin in einer muslimischen Gemeinde, orthodoxe jüdische Gemeinden mit weiblichen Rabbinerinnen? „Das gilt für alle“, bekräftigt Grabmeier. Ihre Gruppierung führe zwar diesbezüglich keine Gespräche mit Vertretern anderer Religionsgemeinschaften, sei sich der Gültigkeit ihres Vorhabens für diese aber durchaus bewusst.

Die Deutsche Bischofskonferenz will den Plan zur Verfassungsänderung nicht kommentieren, erklärte Sprecher Matthias Kopp gegenüber der „Tagespost“. Ob und wann die Petition zum Thema der Bundespolitik wird, ist derzeit ohnehin nicht abzusehen. Nach der offiziellen Einreichung ihrer Petition beim Bundestag hätte „Wir sind Kirche“ vier Wochen Zeit, 50 000 Unterstützer zu finden. Dann erst würde sich der Ausschuss mit dem Anliegen befassen; wovon er allerdings auch absehen könnte.

In den eigenen Reihen allein dürfte die Bewegung die nötigen Unterschriften wohl nur schwerlich zusammenbekommen. Die Zeiten, da man eineinhalb Millionen Katholiken zur Unterstützung des „KirchenVolksBegehrens“ sammeln konnte, liegen schließlich bald ein Vierteljahrhundert zurück. Einiges spricht also dafür, dass der Artikel 137 der Weimarer Reichsverfassung im nächsten Sommer seinen 100. Geburtstag feiern kann – im Originalwortlaut.