„Wir können nicht warten“

Die deutschen Bischöfe verbinden mit der Synode im Herbst nicht nur das Thema Ehe und Familie, sondern die Frage nach einem neuen Offenbarungsverständnis. Franz-Josef Bode und Heiner Koch zu Delegierten gewählt. Von Regina Einig

Osnabrücker Bischof Bode und  der Münchner Kardinal Marx
Vertreten den deutschen Episkopat bei der Familiensynode im Vatikan: Der Osnabrücker Bischof Bode (links), der Münchner Kardinal Marx und der Dresdner Bischof Koch. Foto: dpa

Hildesheim (DT) Die deutschen Bischöfe richten sich auf einen langen Gesprächsprozess über Ehe und Familie mit viel Spielraum für die Ortskirche ein. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx (München-Freising) unterstrich mit Blick auf die Familiensynode im Herbst das Bemühen der Bischöfe, „neue Wege zu gehen“ und „mitzuhelfen, dass Türen geöffnet werden“. In der Weltkirche richtete man „eine gewisse Erwartung“ an Deutschland. Er hoffe, dass einige Fragestellungen schon vor der Synode angepackt würden, sagte Marx am Dienstag in Hildesheim vor Journalisten.

Der Erzbischof von München und Freising geht davon aus, dass sich eine Kommission nach der Synode weiter mit den einschlägigen Fragen befasst. Theologische Fragen zum Thema Ehe und Familie sowie zur Sexualmoral könnten nicht in drei Wochen erledigt werden. „Meine Hoffnung ist, dass sich dann eine weitere Diskussion ergibt.“ Die Synode müsse einen Text finden, der die Diskussion „weiter voranbringe“ und zugleich in Grundsatzfragen eine gemeinsame Position finden. In der Lehre bleibe man in der Gemeinschaft der Kirche, in Einzelfragen der Seelsorge „kann die Synode nicht im Detail vorschreiben, was wir in Deutschland zu tun haben“. Darum wollten die Bischöfe nach der Synode ein eigenes Hirtenwort zu Ehe und Familie veröffentlichen. Aufgabe der Bischöfe sei es nicht, auf Erlaubnisse zu warten. „Wir sind keine Filialen von Rom. Jede Bischofskonferenz ist für die Pastoral in ihrem Kulturkreis zuständig und hat das Evangelium in ureigener Aufgabe selber zu verkünden. Wir können nicht warten, bis eine Synode sagt, wie wir hier Ehe- und Familienpastoral zu gestalten haben.“

Die Lebenswirklichkeit stellt nach Auffassung der deutschen Bischöfe einen wichtigen Faktor für die Lehre der Kirche dar: „Wir lernen ja auch in der Lehre vom Leben“, unterstrich Kardinal Marx. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode bezeichnete die Synode in diesem Zusammenhang als „historisch wichtig“. Seiner Auffassung nach erörtern die Teilnehmer nicht nur Ehe- und Familienfragen, sondern die Möglichkeit eines Paradigmenwechsels: Die Grundfrage sei, ob nicht nur Schrift und Tradition Quellen der theologischen Erkenntnis seien, „sondern auch die Realität von Menschen und der Welt“. Der Vorsitzende der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz erinnerte in diesem Zusammenhang an „die dialogische Struktur“ der Wirklichkeit, die schon in der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanums „Gaudium et spes“ erwähnt sei und zitierte das Konzilsdokument: „Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen (denen der Jünger, A.d.R.) seinen Widerhall findet“. Daraus folgerte Bode: „Nicht nur die christliche Botschaft müsse Resonanz in den Menschen finden, sondern die Menschen müssen Resonanz bei uns finden.“ Bode erklärte, ihm sei es wichtig, dass es innertheologische Gründe dafür gebe, dass das Sakrament nicht nur Darstellung der Einheit, sondern auch Mittel zur Einheit sei und zur Heilung beitragen könne.

Kardinal Marx kündigte ein Papier der Bischöfe zur Synode an, das in den nächsten Wochen veröffentlicht werden solle. Am Dienstagvormittag hatten die Hirten im Rahmen der Frühjahrsvollversammlung ausführlich über die Lineamenta der außerordentlichen Synode diskutiert.

Auf die Frage, ob die Bischofskonferenz auch Initiativen ergreifen werde, um das Sakrament der Beichte wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken, antwortete Kardinal Marx, Beichte und Versöhnung seien „ein zentrales Thema“. In welcher Form die Bischofskonferenz die Beichtpraxis beleben will, blieb offen.

Pastoral und Dogmatik sollen sich gegenseitig befruchten

Vor Journalisten präsentierten sich am Dienstagmittag die gewählten Vertreter, die die deutschen Bischöfe während der Familiensynode im Herbst vertreten: Neben Kardinal Marx nehmen der Vorsitzende der Ehe- und Familienkommission Bischof Heiner Koch (Dresden-Meißen) und der Vorsitzende der Pastoralkommission Franz-Josef Bode an den Beratungen teil. Zu Stellvertretern wurden Jugendbischof Karl-Heinz Wiesemann (Speyer) und der stellvertretende Vorsitzende der Familienkommission, der Münsteraner Weihbischof Wilfried Theising, gewählt.

Familienbischof Koch unterstrich die Notwendigkeit, beim Sakramentenverständnis „theologisch in die Tiefe zu kommen“. Er hoffe, „dass es nicht nur bei den in Deutschland heiß diskutierten Themen bleibt“, sondern dass auch die Weitergabe des Glaubens in der Familie oder das Thema des assistierten Suizids in den Blick genommen werde. Bischof Bode äußerte die Sorge, Wahrheit und Leben dürften nicht auseinanderfallen. Pastoral und Dogmatik sollten sich gegenseitig befruchten. Er hoffe, dass mit Blick auf wiederverheiratete Geschiedene schon im Vorfeld der Synode einiges geklärt werde. Auf die Frage, welche Theologen richtungsweisend in den Augen der Bischöfe seien, nannte Bischof Bode den Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff.

Mit einer nüchternen Bestandsaufnahme zur Situation des Glaubens in Deutschland hatte die diesjährige Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe in Hildesheim begonnen. Der Apostolische Nuntius in Berlin, Erzbischof Nikola Eteroviæ, wies in seinem Grußwort auf den dramatischen Rückgang der Zahl der Gläubigen in Ostdeutschland hin. Es bereite ihm Sorge, dass in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Fall der Mauer nirgends im früheren Ostblock die Zahl der Christen so stark zurückgegangen sei wie in der früheren DDR. Eteroviæ zitierte eine Studie der Universität Münster, nach der sich die Zahl der Gottgläubigen zwischen 1990 und 2008 mehr als halbiert habe. Inzwischen glaubten nur noch vierzehn Prozent der Ostdeutschen an Gott, so Eteroviæ. In anderen Ländern des früheren Ostblocks sei die Zahl der bekennenden Christen im selben Zeitraum hingegen gestiegen oder nur leicht zurückgegangen.

Kardinal Reinhard Marx hatte in seiner Predigt in der Eröffnungsmesse am Montag den Diskussionsbedarf um den Glauben hervorgehoben. Der Glaube und das Leben der Kirche stünden immer neu zur Debatte und müssten immer neu ausprobiert werden, so der Münchner Erzbischof und zog einen Vergleich zu Neugeborenen, die eine Sprache neu lernen müssten.