„Wir brauchen kein neues Familienbild“

Die Debatte über das umstrittene EKD-Familienpapier geht weiter

Berlin (DT/KNA) Die Debatte um die „Orientierungshilfe“ des Rates der EKD zum Thema Familie hält auch in der fünften Woche nach ihrer Veröffentlichung an. Der Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, der als Mitglied der Ad-hoc-Gruppe zu den Autoren des Textes gehört, erklärte in einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, es sei zuerst um eine aktuelle familienpolitische Orientierung und nicht um eine grundlegende theologische Reflexion von Ehe und Familie gegangen. Er räumte ein, die Autoren hätten gleichwohl „der theologischen Begründung von Ehe und Familie mehr Raum geben können“. Zudem hätte der Text den Leitenden Geistlichen in der EKD früher zugänglich gemacht werden müssen. Auch müssten die biblischen Aussagen zur Homosexualität „noch ausführlicher reflektiert werden“, so Jung. Die traditionelle Ehe sei „nach wie vor das Leitbild – auch für die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften“. Generell meinte Jung, die Orientierungshilfe biete einen „guten theologischen Ansatz“.

Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, sagte in einem Interview mit der landeskirchlichen Medienagentur „medio!“, er stimme „nicht in den Chor der prinzipiellen Kritiker ein“. Allerdings sei die „theologische Begründung für die veränderte Wahrnehmung von Ehe und Familie (...) ausgesprochen dünn“. Es gehe aber nicht um eine Relativierung der Ehe, sondern geradezu um ihre „Hochschätzung“ als Leitbild auch für andere Lebensformen.

Die EKD-„Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“, Margot Käßmann, mahnte zu Sachlichkeit in der Debatte um das Familienpapier. Es sei „kein Dogma“, sagte Käßmann in einem „Spiegel“-Interview. Sie hätte die positiven Seiten der Ehe „gern deutlicher herausgestellt gesehen“, so die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende. „Nicht umsonst wollen ja viele homosexuelle Paare genau diese Form leben.“ Eine Absage an die Ehe als lebenslange Gemeinschaft könne sie in der „Orientierungshilfe“ jedenfalls nicht herauslesen. Der Satz „Bis dass der Tod euch scheidet“ behalte aus evangelischer Sicht weiter Gültigkeit. „Ich würde auch ein Paar nicht trauen, das ihn nicht sagen will.“

Ähnlich äußerte sich der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Die biblischen Aussagen über die Ehe seien „natürlich“ ernst zu nehmen, so Bedford-Strohm in einem auf „youtube“ veröffentlichten Video seiner Landeskirche. Dennoch müsse die Frage erlaubt sein, ob das, was Ehe ausmache, sich exklusiv auf die Verbindung zwischen Mann und Frau beziehe.

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens veröffentlichte auf ihrer Internetseite einen fünfseitigen Text mit „Hinweisen“ zu der „Orientierungshilfe“. Darin wird erklärt, den „sachgemäßen Problembeschreibungen“ und den daraus erwachsenden Herausforderungen und notwendigen Hilfestellungen sei „vorbehaltlos zuzustimmen“. Kritisch wird dagegen bemerkt, dass der Text die „Vorrangstellung der institutionalisierten Ehe“ relativiere. „Auffällig bleibt indessen die Scheu, im Konzert aller relevanten Aspekte dem Leitbild der Ehe die bislang geltende Priorität weiterhin einzuräumen“, heißt es in den „Hinweisen“. Die sächsische Landeskirche halte – auch vor dem Hintergrund der Debatte um eine veränderte Bewertung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften – „unter Anerkennung anderer Lebensformen am Leitbild der Ehe fest“.

Die Deutsche Evangelische Allianz legte – ohne direkten Bezug zu dem EKD-Text – eine aktualisierte Fassung ihres „Familienpolitischen Thesenpapiers“ vor. Darin wendet sie sich gegen „alle zum Teil im Gewand der Humanität und Liberalisierung vorgetragene Kritik an den Institutionen Ehe und Familie mit den Zielen einer Relativierung dieser ur-menschlichen Gemeinschaften oder gar deren Auflösung und Zerstörung“. Generalsekretär Hartmut Steeb erklärte dazu: „Wir brauchen kein neues Familienbild, sondern konkrete Unterstützung für Ehe und Familie.“