„Wir brauchen begeisterte Apostel“

Kirchliche Morallehre „light“? Damit wäre Ehepaaren und Familien nicht geholfen, sagen Renate und Norbert Martin vom Päpstlichen Rat für die Familie. Von Regina Einig

Norbert und Renate Martin gehören seit 1980 dem Päpstlichen Rat für die Familie an. Foto: Archiv
Norbert und Renate Martin gehören seit 1980 dem Päpstlichen Rat für die Familie an. Foto: Archiv
Die kirchlichen Dokumente zu Ehe und Familie sind der jüngsten Umfrage in den deutschen Bistümern zufolge kaum bekannt. Welche Ursachen stecken dahinter?

Renate Martin: Zunächst einmal: Es gibt bei uns Gruppierungen in der Kirche, in denen die Dokumente nicht nur bekannt sind, sondern in denen sie auch in kleinen oder größeren Kreisen sorgfältig studiert werden. Es ist eine große Freude, wenn man mit diesen Gruppen spricht, zu erleben, dass sie sich begeistern können für das, was die Kirche zur Ehe allgemein und zur sakramentalen Ehe im Besonderen sagt. Für Menschen aller Altersstufen scheint dann die Würde von Ehe und Familie auf, ihnen geht auf, dass hier eine echte Berufung auf uns wartet, die uns zum Glück und zur Vollendung führt, wenn wir die Gnade Gottes an uns wirken lassen – mag das auch spezifische Opfer verlangen. Es gibt die Akzeptanz der kirchlichen Dokumente. Dennoch stimmt auch, was Sie ansprechen: weite Kreise haben nie etwas von dem großen Familiendokument „Familiaris consortio“ (1981), dem tiefgründigen „Brief an die Familien“ (1994), dem so wichtigen Dokument zur Bioethik „Donum vitae“ (1987 – alle unter Papst Johannes Paul II.) und der Fortschreibung von „Donum vitae“ in „Diginitas personae“ (2008) unter Benedikt XVI. gehört, geschweige dass sie es in der Hand gehabt oder gar ganz gelesen hätten.

Norbert Martin: Hier gibt es eklatante Versäumnisse und schwerwiegende Unterlassungen in der Vergangenheit. Viele fordern seit Jahrzehnten, medial unterstützt, die Anpassung der Kirche an Entwicklungen der säkularen Gesellschaft mit dem besonderen Fokus auf Ehe und Familie. Das Trommelfeuer tut seine Wirkung. Die unerhörte Andersartigkeit des Denkens und Handelns aus einem lebendigen Glauben an die Realität der Menschwerdung Gottes, an das Geheimnis und die Wirksamkeit der Sakramente, an die Wahrheiten des Credo etcetera ist von einer Dimension, die der säkularen Welt fremd ist. Der Druck zur Anpassung an den Zeitgeist ist entsprechend hoch.

Renate Martin: Sie fragen nach den Gründen für diese „Abstinenz“ angesichts der Dokumente. Deren einfachster ist: Was nicht beworben wird, findet keinen Markt und geht bald unter, es mag noch so sinnvoll, ja notwendig sein. Gab es konzertierte Aktionen zum Beispiel auf Dekanatsebene etwa derart: eine (oder mehrere) mitreißende Predigten über „Familiaris consortio“, wo nach dem Ende der Messe jeder sich ein Exemplar des Schreibens mitnehmen konnte? Wo gab es Diskussionszirkel dazu? Wurden Lesehilfen auf der Ebene der Bischofskonferenz erarbeitet und allen, die mit Ehe- und Familienpastoral zu tun haben, warm empfohlen? Es gab fast nichts davon – höchstens einmal punktuell. „Fast“ sage ich deshalb, weil ich selbst ein mehrere Abende umfassendes Kolloquium über „Familiaris consortio“ in einem Großstadtdekanat leiten konnte, das sich von einer eher abwartenden zu einer positiven Stimmung hin entwickelte. Hauptargument gegen den Text, gleich am Anfang provokativ in den Raum gestellt, war: er sei zu schwierig zu lesen.

Norbert Martin: Lassen Sie uns aber noch etwas tiefer gehen, um Ihre Frage nach der Ursache der Abstinenz zu erhellen. Die Lektüre solcher Dokumente erfordert Offenheit – nicht schon Akzeptanz – für deren Argumente. Wer nur in ihnen sucht, ob bestimmte Positionen endlich aufgegeben werden, und nicht weiterforscht, warum sie nicht aufgegeben werden, der findet keinen Zugang, ärgert sich und greift nicht mehr nach dem Text. So erging es „Humanae vitae“ (1968) und später auch „Familiaris consortio“. Und wer dann noch weiter forscht, kommt wohl zu dem Schluss, dass der Blick sehr vieler unserer Glaubensbrüder und -schwestern für die Einzigartigkeit des in den Dokumenten entfalteten christlichen Menschenbildes getrübt ist.

Genau diese Kritik wird immer wieder vorgetragen: Kritisiert wird, dass „der sprachliche Duktus und autoritative Ansatz“ die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den Inhalten dämpfe. Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Familienarbeit?

Renate Martin: Bleiben wir bei meinem Erlebnis. In diesem Kurs verflüchtigte sich nach und nach die kritische Grundhaltung, weil klar wurde, dass jeder, der da saß, sehr gut die Grundaussagen des Textes verstehen konnte, sodass sich letztendlich diese Kritik als Vorurteil erwies, vor allem, wenn man ihn sich gemeinsam erschloss. Natürlich kann man fragen, ob nicht manches sprachlich und didaktisch besser aufbereitet werden könnte. Aber ist nicht genau das unter anderem die Aufgabe entsprechender Pastoralstellen in den Diözesen? Wir haben in unserer praktischen Familienarbeit über Jahrzehnte hin selbst erfahren, dass man „Humanae vitae“, „Familiaris consortio“, die Aussagen des Katechismus der Katholischen Kirche, die „Theologie des Leibes“ von Papst Johannes Paul II., sehr wohl vermitteln kann. Allerdings ist es klar, dass sich der innere Sinn der Texte nur dem erschließt, der sich ihnen mit einer Grundhaltung des „sentire cum ecclesia“, einer seelischen und intellektuellen Offenheit des Hörens nähert.

Norbert Martin: Die Lehre der Kirche ist ja kein „autoritativer Ansatz“, sondern eine Hilfe zur Selbstentfaltung, eine Aufforderung zur freien Zustimmung, die in der praktischen Umsetzung das Leben sinnvoller, glücklicher, freier macht. Unzählige Eheleute erleben das in dem Sinn, der Papst Franziskus sagen lässt: Es geht um den Geist „der uns jeden Tag neu entdecken lässt, dass wir Träger eines Gutes sind, das menschlicher macht und hilft, ein neues Leben zu führen („Evangelii Gaudium“, 264).

Die der Ehelehre der Kirche innewohnende Realität ist keine Frage menschlicher Autorität, sondern höchstens einer Autorität, die sich hinter der bereitwilligen Annahme des Planes verbirgt, wie er der Schöpfung eingeschrieben ist. Aber auch eine grundsätzliche Bereitschaft zum Gehorsam, der ja eine Tugend ist, gehört zu einer lebendigen Kirchlichkeit. Der Plan des Schöpfers ist nicht der realen Welt entrückt, sondern für einen lebendigen Glauben ist er die eigentliche Realität, die unser Sein und Handeln bestimmen muss. Das ist ja gerade das genuin Christliche, zum Beispiel in der ehelichen Liebe als Zeichen der Gegenwart Christi die Liebe Gottes zu entdecken. Für eine rein diesseitige Orientierung ist das allerdings abgehoben von der Wirklichkeit und ruft Unverständnis und Kopfschütteln hervor.

Hat die Kirche ein zu idealistisches Familienbild?

Renate Martin: Viele werden diese Frage bejahen. Denn oftmals ist nicht klar, was Christus und Glaube mit der eigenen Ehe zu tun hat – wie mir einmal eine engagierte Katholikin sagte. Jeder Mensch, der in einer Ehe und Familie lebt, steht vor der Frage Luthers, ob die Ehe und damit auch die Familie rein weltliche Dinge sind. Wenn ja, dann hat die Kirche ein zu idealistisches Bild. Wer aber mit der Kirche davon ausgeht, dass in der christlichen Ehe eine besondere Teilhabe an Christi Leben, Sterben und Auferstehen gegeben ist, dass sich im Ehesakrament ein Heilsmysterium bietet, wie „Familiaris consortio“ an mehreren Stellen wunderbar entfaltet, dem kommt das Wort idealistisch nicht über die Lippen – er stellt sich auf die Seite des Glaubens, der, wie schon zu Zeiten der Gespräche Jesu mit den Jüngern, als Ärgernis empfunden wird.

Norbert Martin: Wer glaubt, der erahnt ein großes Geheimnis (Eph. 5, 32). Die eigentliche und vornehmste Aufgabe der Ehepastoral ist es deshalb, den Zugang zum Sakrament zu ebnen – in einer so diesseitig eingestellten Zeit wie der unseren allerdings eine echte Herausforderung. Dabei kann es dann sein, dass die Glaubenspraxis christlicher Eheleute, die sich in all ihrer Sündhaftigkeit redlich bemühen, die Lehre der Kirche über Ehe und Familie in ihrem Alltag zu verwirklichen, als „selbstgerechte Demonstration der eigenen hohen Moral“ verächtlich gemacht und als ein idealistisches Familienbild diffamiert wird.

Was bedeutet es langfristig für das Glaubensleben einer Familie, wenn die Lehre der Kirche nur selektiv wahrgenommen wird?

Norbert Martin: Eine solche Verengung des Glaubens, der ja frei machen soll, führt mit der Zeit – wenn die „Selektion“ wesentliche Aspekte der Lehre ausblendet – zu einer wachsenden Entfremdung und langfristig zur Gefahr einer völligen Distanzierung. Der oft beschworene „Glaubenssinn aller Gläubigen“, der zuweilen gegen bestimmte Aspekte des Lehramts ausgespielt wird, betrifft nach konstanter Lehre der Kirche nur solche Gläubige, die den vollen Glauben angenommen haben und ihn gemäß zu leben versuchen. Zum Glauben gehört in der katholischen Kirche aber auch die Annahme des Lehramtes. Wenn heute viel von Barmherzigkeit die Rede ist, dann muss man daran erinnern, dass es von jeher zu den geistigen Werken der Barmherzigkeit gehört, die Unwissenden und Irrenden zu belehren (KKK 2447).

Renate Martin: Wer aus selektiver Haltung Christ ist, erlebt nicht die Freude der Fülle des Glaubens, sondern reibt sich innerlich wund an Diskrepanzen, die er nicht ausräumt. Heute mehr als früher muss jeder sich die Ganzheit des Glaubens erringen. Eine Familie, die Kirche und Glauben selektiv lebt, sich eine eigene Auswahl schafft, verliert nach und nach die innere Bindung und ist in Gefahr, ganz abzuschwimmen.

Trifft der Vorwurf der „lebensfernen Sexualmoral“ zu? Was gewinnen Ehepaare, die sich an „Humanae vitae“ orientieren?

Norbert Martin: Was die Lebensferne angeht, so kommt es auf den Maßstab an. Die Gläubigen, die die Lehre der Kirche bejahen und beachten, leben ja daraus, das heißt, für sie ist sie lebensnah; für die, die sie ablehnen und nach den Maßstäben dieser Welt entsprechend der allgemeinen gesellschaftlichen Permissivität und Sexualisierung leben, mag sie fern von ihrem Leben sein. Bei unserer Ehe- und Familienarbeit erleben wir viele Zeugnisse dafür, wie beglückend und bereichernd die Orientierung an der kirchlichen Anthropologie sein kann. Wir erleben Eheleute, die die Umorientierung von der Verhütung, die Lösung von Chemie und Techniken hin zu einer Natürlichen Empfängnisregelung als Befreiung empfinden. Für sie wird „Humanae vitae“ eine lebensnahe, ja prophetische Botschaft, der sie folgen.

Frau Martin: Jedenfalls greift die kirchliche Lehre die Möglichkeit der Begrenzung der Kinderzahl im Sinne einer verantwortlichen Elternschaft als positive Aufgabe der Eheleute auf und empfiehlt Methoden, die genau dem Leben der Frau, des Mannes, des Paares entsprechen, also eher lebensnah sind. Denn die Frau lernt sich kennen und entsprechend zu verhalten, der Mann wird zur Rücksicht aus Liebe geführt, die Liebe des Paares bleibt frisch, wenn es den Rhythmus von Sehnsucht und Erfüllung kreativ lebt und sich wissend und frei in den Dienst der Lebensweitergabe stellt. Viele, die durch Chemie in dauernder sexueller Verfügbarkeit leben, landen bei der Lebensfeindlichkeit des Überdrusses und seiner Folgen: Untreue, Trennung, zerplatzte Hoffnungen und Träume, Leid und Einsamkeit – von der Not der Kinder ganz zu schweigen. Im Übrigen gilt: Einfache Lösungen gibt er hier nicht.

Wie kann die Kirche pädagogisch ansetzen, um ihre Botschaft für eine ganzheitliche Sicht der Sexualität den Menschen näherzubringen?

Frau Martin: Wir brauchen als wichtigstes begeisterte Apostel (s. „Evangelii gaudium, besonders ab Nr. 259. Dann aber bedarf es dringend einer pastoralen Aufarbeitung der päpstlichen Schreiben über Ehe und Familie auf breiter Basis, die das Sakrament in seinem inneren Sinn verdeutlicht. Seit 1968 warten wir darauf. Ist es utopisch zu hoffen, dass katholische Schulen und unsere Pfarreien Programme erarbeiten und das Ruder herumreißen? Manchmal fürchten wir das. Im Gespräch mit jungen Leuten hingegen machen wir oft die Erfahrung, dass sie froh sind, wenn man ihnen von der christlichen Auffassung der Schönheit der Liebe und des Wunders des Lebens erzählt. Alle Umfragen zeigen ja, dass sie nichts mehr ersehnen, als einmal eine glückliche Ehe und Familie zu gründen. Jung genug angesprochen sind sie offen. Bei ihnen also müsste man ansetzen. Ein zweiter Ansatzpunkt liegt bei den jungen Paaren, die unmittelbar auf die Ehe zugehen. Es gibt viele Beispiele aus der Praxis (zum Beispiel Salzburg, Straßburg, Australien, Kanada, mehrere Länder Afrikas, Italien), die im Anschluss an „Familiaris consortio“ familienpastorale Programme entwickelt haben, die mit großem Erfolg in den Diözesen praktiziert werden. Das Zeugnis engagierter Eheleute ist dabei von großem Wert.

Die Umfrage lässt auf starke Defizite in der Ehevorbereitung schließen. Befürworten Sie ein Ehekatechumenat? Oder haben Sie andere Vorstellungen über eine angemessene Vorbereitung auf die Ehe?

Norbert Martin: Die Defizite in der Ehevorbereitung existieren augenscheinlich und bei uns nicht erst seit den letzten Jahren. Schon in den 80er Jahren hat der „Päpstliche Rat für die Familie“ ein ausgefeiltes Programm der Ehevorbereitung vorgelegt, das auch in vielen Ländern rezipiert wurde. Als wir 1980 zur Bischofssynode über die christliche Familie in Rom waren, sah das nicht wesentlich anders aus als heute, und auch meine Mutter erlebte Ehevorbereitung in den 30er Jahren schon, erlauben Sie, als Farce. Hier hat das Defizit Tradition! Allerdings ist die Lage heute ganz anders als vor 80 Jahren und deshalb ungleich dringender. Damals gab es noch im Volk christliche Traditionen. Heute ist das Wissen um christliche Lehre und Lebensstil zu einem Minimum geschrumpft. Das bewirkt, dass Paare das Ehesakrament anstreben, die kaum noch Glaubenswissen besitzen und oft auch den Glauben nicht oder nur in homöopatischen Dosen praktizieren.

Frau Martin: Ehrlich gesagt halten wir es für inakzeptabel, sie zu einem Sakrament zuzulassen, das so weitreichende Folgen für ihr Leben hat. Kommt das nicht dem gleich, dass man Priester nach einem einwöchigen Kurs weihen würde, indem man ihnen erklärt hat, was für ein Sakrament sie empfangen? Nur wenn ein Ehekatechumenat und eine erwiesene Grundgläubigkeit für alle verpflichtend wird, wie es in anderen Ländern schon der Fall ist, kann man hoffen, das Problem der ungültigen und scheiternden Ehen etwas in den Griff zu bekommen. Es wäre ein einschneidender Schritt, wenn die Kirche Forderungen an die Ehevorbereitung stellen würde, aber wenn der Anfangsschmerz überwunden wäre, würden sich mit Sicherheit gute Früchte einstellen. Wichtig ist dabei, dass in die Pastoral erprobte Eheleute eingebunden werden, die Zeugnis davon geben, dass man gemeinsam wächst, wenn man so lebt.

Norbert Martin: Ehekatechumenat ist übrigens kein neuer Begriff. In „Familiaris consortio“ bittet Papst Johannes Paul eindringlich darum, etwas Derartiges einzuführen, weil es viele Brautleute gibt, „die noch Mängel und Schwierigkeiten in christlicher Lehre und Praxis aufweisen“ – oder sich noch nie dafür interessiert haben. Der Papst sagt dazu: „Zu den Dingen, die auf diesem einem Katechumenat vergleichbaren Glaubensweg vermittelt werden, muss auch eine vertiefte Erkenntnis des Geheimnisses Christi und der Kirche wie der Bedeutung von Gnade und Verantwortung einer christlichen Ehe gehören…“ (FC66). Dafür nimmt er die Bischöfe in die Pflicht, die die Inhalte der Unterweisung und ihre Dauer festlegen müssen. Wenn man bedenkt, was junge Leute für den Erwerb des Führerscheins einzusetzen bereit sind ...

Auch gläubige, überzeugt christliche Ehepaare erleben heute Scheidungen, Trennungen und irreguläre Situationen in den Familien ihrer Kinder und Enkel. Wie geht eine Familie vernünftig damit um?

Renate Martin: Christlich lebende Ehepaare stehen mitten in der Welt. Sie erfahren genau wie alle anderen den Schmerz von Trennungen und irregulären Situationen bei ihren Kindern und Enkeln. Heute haben Eltern eher die Möglichkeit, seelischen Halt und Trost, manchmal vielleicht sogar Hilfe zur Versöhnung zu bieten. So wenig man Schuld übersehen kann, so sehr ist man gehalten, in Liebe die Betroffenen anzunehmen und für sie zum Zeichen der Barmherzigkeit Gottes zu werden. Jedenfalls darf man Kinder mit diesem Schicksal nicht fallen lassen. Sie müssen ihre Herkunftsfamilien als Ort der Geborgenheit und unbedingter Annahme erleben, ohne dass man die irregulären Situationen gutheißt. Eltern müssen in dieser Hinsicht oft viel Ausdauer, Geduld und Opferbereitschaft zeigen, ohne dauernd den moralischen Zeigefinger zu erheben.

Ist es eine Hilfe für die Betroffenen, wenn die Kirche nun unter dem Stichwort „neue Wege in der Pastoral“ anstrebt, das Kommunionverbot für wiederverheiratete Geschiedene zu lockern (wie es die „Freiburger Handreichung“ vorschlägt) und vom Verbot der chemischen Verhütung abrückt?

Norbert Martin: Zur „Freiburger Handreichung“ hat Rom schon das Nötige gesagt und wir können uns dem nur anschließen. In der Pastoral für die wiederverheirateten Geschiedenen wird man in Zukunft sicher noch viele Schritte tun können, zum Beispiel Einbindung in die Gemeinde, Gesprächskreise und vieles andere mehr. Hierher gehört auch ein Überdenken hinsichtlich des kirchlichen Annullierungsverfahrens, das vereinfacht und zügiger gestaltet werden könnte. Die religiös-distanzierte säkularisierte Lebensweise lässt aber die Frage aufkommen, ob das überhaupt größere Gruppen der Betroffenen interessiert.

Frau Martin: „Hilfe“ kann auf religiösem Gebiet eigentlich nur heißen: Hilfe zu einem tieferen Glaubensleben und Hilfe durch menschliche Nähe. Bei der „Freiburger Handreichung“ werden Hoffnungen geweckt, die notwendigerweise zu Enttäuschungen und Frustrationen führen, die wiederum die Distanzierung verstärken. Das führt zu einer weiteren Entkirchlichung. Bei der ganzen Frage geht es nicht um ungerechte „Aussperrung“, sondern um die angemessene und ehrfurchtsvolle Behandlung des Altarssakraments. Eheliche Treue steht in engstem Zusammenhang mit der Treue Christi zur Kirche, deren tiefste Bestätigung die Eucharistie ist. Auch dazu hat „Familiaris consortio“ in Nr. 84 schon klärende Worte gesprochen.

Norbert Martin: Im zweiten Fall, der Frage der Verhütung, würde ein Abrücken von der bisherigen Lehre Untreue dem christlichen Menschenbild gegenüber bedeuten. Die Mittwochskatechesen von Papst Johannes Paul II. zur Theologie und Spiritualität der Leiblichkeit des Menschen haben dies in einer biblisch begründeten Befreiung der Leiblichkeit und Sexualität von Mann und Frau in der Ehe nochmals vertieft und damit eine weitere Legitimation von „Humanae vitae“ geliefert. Im Übrigen verbietet schon die Tatsache der potenziell abtreibenden Wirkung der Pille hier ein Entgegenkommen. Angesichts der chemischen Verhütung, der technischen Manipulation und anderer damit verbundener Praktiken, der beträchtlichen Gefahren für Gesundheit und Leben (Pille, Pessare etcetera) erscheint all das für durch Natürliche Empfängnisregelung aufgeklärte Eheleute geradezu mittelalterlich.

Renate Martin: Viele Paare geraten ja geradezu wegen der Verhütung in die Krise, und die Erfahrung zeigt, dass sie aus einer solchen Krise kaum zu retten sind, wenn nicht die Praxis der Verhütung aufgegeben wird. Hier zeitigt die Praxis der Natürlichen Empfängnisregelung erstaunliche, aber leider wenig bekannte Erfolge.

Norbert Martin: Schon Anfang der 80er Jahre hat der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Höffner, gesagt, dass die Ablehnung chemischer und anderer Techniken der Verhütung eine solche Dichte und tiefe Begründung in der gleichbleibenden kirchlichen Lehre erreicht habe, dass man von einer unabänderlichen Lehre sprechen könne. Wer sich in die innere Begründung dieser Ablehnung im Zusammenhang der sakramentalen Bedeutung der Geschlechtlichkeit des Menschen vertieft und sie bejaht, kann dem nur zustimmen. Neue Wege in der Pastoral wird es meines Erachtens nur im Rahmen und in Weiterführung der Aussagen von „Familiaris consortio“ geben. Die bevorstehende Synode wird das ausfalten und differenzieren, aber nicht ändern können. Wer den Wortlaut des vorbereitenden Dokuments liest, wird unschwer erkennen, dass es nicht um Änderung der Lehre, sondern um bessere Wege der Pastoral bei der Vermittlung der kirchlichen Lehre geht: nicht Korrektur der Lehre, sondern Korrektur des Lebens; es geht um die Verkündigung des Evangeliums, nicht um seine Veränderung.

Renate Martin: Wer in dieser Frage wie auch der der wiederverheirateten Geschiedenen von Papst Franziskus – wie es zuweilen bei einigen daran Interessierten anklingt – eine Änderung der kirchlichen Lehre erwartet, der täuscht sich mit Sicherheit und enttäuscht auch die Erwartungen, die er bei anderen geweckt hat. Man braucht dafür nur in die einschlägigen Dokumente von Aparecida zu schauen. Im Schlussdokument, das unter der führenden Redaktion des damaligen Kardinals Bergoglio entstand, heißt es zum Beispiel: „Wir müssen uns der eucharistischen ,Kohärenz‘ verpflichtet fühlen, das heißt uns bewusst sein, dass die heilige Kommunion nicht empfangen kann, wer zugleich in Tat und Wort gegen die Gebote verstößt.“

Brauchen Familien, die sich beispielsweise in geistlichen Bewegungen um eine volle Übereinstimmung ihres Ehe- und Familienlebens nach der kirchlichen Lehre ausrichten, mehr Akzeptanz und Unterstützung durch die Bistümer?

Renate Martin: Die Akzeptanz der kirchlichen Bewegungen hat sich in letzter Zeit positiv entwickelt, unter anderem wohl deshalb, weil die Bischöfe erleben, dass hier froh und mutig christliches Leben gelebt und gekündet wird. Das mag sich von Bistum zu Bistum und von Gemeinschaft zu Gemeinschaft unterschiedlich darstellen.

Norbert Martin: Ich kann mich noch gut erinnern, wie in den 70er Jahren im Rahmen des ZdK erstmals eine Arbeitsgruppe unter dem damaligen Weihbischof Paul Cordes von Paderborn zusammentrat und Überlegungen anstellte, wie man das Charisma der Ehe- und Familienbewegungen besser in die kirchlichen Strukturen einfügen könnte. Seitdem ist viel geschehen, sodass die Bewegungen heute eine anerkannte Selbstverständlichkeit geworden sind. Das heißt aber nicht, dass ihre Charismen für die Kirche schon ausgeschöpft wären. Eine stärkere Akzeptanz und Unterstützung von Seiten der Bistümer (in manchen ist das schon weiter fortgeschritten als in anderen) könnte eine Hilfe für die Ehe- und Familienpastoral sein.

Renate Martin: Für viele Familien sind die genannten Gemeinschaften die Orte, wo sie Zeugnisse christlichen Ehelebens in sich aufnehmen können. Es gibt viele bewegende Beispiele von jungen und alten Eheleuten, die ihre Ehe als Berufung leben. Ihr Zeugnis stellt einen Gegenpol dar gegen die „Kultur des Vorläufigen“ (Papst Franziskus am 4.10.2013 in Umbrien beim Treffen mit der Jugend). Lassen Sie mich noch einige abschließende Worte sagen zum Problem der Barmherzigkeit, das hier nur kurz gestreift werden kann: den Armen, Kranken, Schwachen gegenüber – also uns allen gegenüber: Ja; den Irrenden und Umkehrwilligen gegenüber: Ja; dem Irrtum gegenüber: Nein, denn das wäre ein Vergehen gegen die Liebe und die Wahrheit. Wer den inneren Sinn der sakramentalen Ehe und ihre Relevanz für die Vereinigung mit Christus in der Eucharistie verstanden hat, dem wird klar, wie fragwürdig es ist, hier alles mit der Barmherzigkeit lösen zu wollen.

Lassen wir uns von Papst Franziskus sagen: „Ich weiß, dass keine Motivation ausreichen wird, wenn in den Herzen nicht das Feuer des Heiligen Geistes brennt.“ („Evangelii gaudium“, 262).