Wien als Laboratorium der Ökumene

Rumänien soll Europas geistigen und kulturellen Schatz mehren, hofft Patriarch Daniel I.

Wien (DT) Seine erste Auslandsreise galt, wie es Anstand und Ehre gebieten, dem Antrittsbesuch beim Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I. Doch schon die zweite Auslandreise nach seiner im September 2007 erfolgten Wahl zum Oberhaupt der Rumänisch-Orthodoxen Kirche führte Patriarch Daniel I. für fünf Tage nach Österreich. In Salzburg-Schallmoos weihte der Patriarch in Anwesenheit von Erzbischof Alois Kothgasser am Samstag eine im siebenbürgischen Stil errichtete rumänisch-orthodoxe Holzkirche, die den Namen der „heiligen Erzengel Michael und Gabriel“ trägt und in deren Ikonostas auch die Salzburger Landes- und Diözesanpatrone Rupert und Virgil aufgenommen wurden. Das Grundstück für die Kirche und das daran angeschlossene „Ökumenische Kulturzentrum“, das ebenfalls in traditioneller Holzbauweise errichtet wurde, stellte das traditionsreiche Salzburger Benediktiner-Stift St. Peter zur Verfügung.

In Wien-Simmering weihte Patriarch Daniel I. in Anwesenheit von Kardinal Christoph Schönborn und mehr als 4 500 rumänischen Gläubigen am Sonntag die nach siebenjähriger Bauzeit fertig gestellte Kirche des Apostels Andreas. Damit geht ein fast einhundertjähriger Traum der in Österreich lebenden Rumänen in Erfüllung. Die Stadt Wien hatte für die Errichtung der Kirche eine Subvention von 100 000 Euro gegeben, wofür Daniel I. dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl im Rathaus ausdrücklich dankte.

Der Bukarester Patriarch und der Wiener Kardinal kennen einander aus gemeinsamen Zeiten an der Universität Fribourg. Die Beziehung zwischen Österreich und der Rumänisch-Orthodoxen Kirche, der mit zwanzig Millionen Gläubigen – nach der russischen Orthodoxie – zweitgrößten orthodoxen Kirche weltweit und der mit Abstand größten in der Europäischen Union, sind allerdings bedeutend älter. Der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl erinnerte am Montagabend bei einem Festakt im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien daran, dass Kardinal Schönborns Vorvorgänger auf der Wiener Kathedra, Kardinal Franz König, bereits 1967 den rumänisch-orthodoxen Patriarch Justinian besuchte, der im Folgejahr dann seinerseits nach Wien kam.

Tatsächlich war Patriarch Daniels Besuch, der am Dienstag mit einem Gebet am Grab Kardinal Königs im Wiener Stephansdom zu Ende ging, bereits die dritte Österreich-Reise eines amtierenden Patriarchen der Rumänisch-Orthodoxen Kirche: Nach Justinian im Jahr 1968 kam auch dessen Nachfolger Teocist 1987 nach Wien. Der in Österreich wirkende Bischofsvikar Nicolae Dura meinte bereits im Vorfeld des aktuellen Besuches, dieser habe nicht nur eine pastorale Bedeutung für die in Österreich lebenden Rumänen, sondern sei „vor allem eine ökumenische Geste“.

Letzteres wurde am Montagabend in der Nationalbibliothek deutlich, als Patriarch Daniel offiziell – wie wenige Wochen zuvor Kurienkardinal Walter Kasper – den Titel eines „Protektors der Stiftung Pro Oriente“ annahm, dann aber auch seinerseits den Präsidenten dieser von Kardinal König ins Leben gerufenen, um die Ökumene mit den Kirchen des Ostens bemühten Stiftung, Johann Marte, mit einem hohen Orden ehrte und mit symbolreichen Geschenken überhäufte.

Das Oberhaupt der Rumänisch-Orthodoxen Kirche bekannte sich in Wien zur Ökumene auf nationaler, europäischer und weltweiter Ebene. Im kommunistischer Zeit habe sich in Rumänien „eine Ökumene im Zeichen des Kreuzes entwickelt“. Nach der Wende von 1989 konnte, wie Daniel I. schilderte, seine Kirche neu aufblühen, ökumenische Gesprächsebenen, wie eine interkonfessionelle Bibelkommission und das Projekt „Heilung der Erinnerung“ mit dem Ziel gegenseitigen Kennenlernens, entwickeln. Als ökumenischen Erfolg wertete der Patriarch die Rumänienreise Papst Johannes Pauls II. im Mai 1999, der der erste Besuch eines Papstes in einem mehrheitlich orthodoxen Land gewesen sei. Vor einem Monat sei in Bukarest der zehnte Jahrestag dieses Besuches gefeiert worden. Daniel I. würdigte Johannes Paul II. als „Apostel der Freiheit und der Einheit“.

Der Patriarch schilderte in Wien den eindrucksvollen Aufstieg seiner Kirche seit dem Ende des kommunistischen Ceausescu-Regimes: Während sie bis 1989 nur „intra muros“ wirken konnte, müsse sie sich jetzt allen gesellschaftlichen Fragen – der Patriarch nannte bioethische, soziale und wirtschaftliche Herausforderungen – stellen. 2.000 Kirchen seien in den zwanzig Freiheitsjahren bisher neu gebaut worden. In 637 Klöstern leben mehr als 8 000 Mönche und Nonnen. 14 513 Priester und Diakone arbeiten in den 13 527 Pfarreien, aber auch in Krankenhäusern, Militäreinrichtungen und Gefängnissen.

Darüber hinaus habe die rumänische Orthodoxie 345 Sozialeinrichtungen gegründet und unterstütze 400 000 Menschen in sozialer Hinsicht. Patriarch Daniel warnte aber vor einer „Trennung der sozialen Arbeit vom Gebet“, denn dies führe zur Säkularisierung. Mit der von ihm 2007 gegründeten „Stiftung Philanthropia“ möchte das 58-jährige Kirchenoberhaupt „Freude und Hoffnung dorthin bringen, wo es Traurigkeit und Unsicherheit gibt“. Weiter habe die rumänische Orthodoxie mittlerweile eine eigene Radio- und Fernsehstation mit Namen „Trinitas“, die kirchliche Nachrichtenagentur „Basilika“ und eigene Zeitungen.

Daniel I. betonte, dass seine Kirche den Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union von Anfang an unterstützt habe. Weil sie „um die tiefe Religiosität des Volkes“ wisse, sehe sie Rumänien als „eine Bereicherung des kulturellen und religiösen Erbes Europas“. Rumänien wolle den geistigen und kulturellen Schatz mehren. Der Patriarch sieht die Aufgabe der Kirchen bei der Einigung Europas darin, „die Würde der menschlichen Person und die heilige Gabe des Lebens zu fördern“. Obwohl es zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche noch Unterschiede gebe, sollten sie sich gemeinsam für die Transzendenz der Person und die Heiligkeit des Lebens einsetzen. Der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar für Österreich, Nicolae Dura, betonte in Wien „das besondere ökumenische Klima, das in Österreich herrscht“. Dura wörtlich: „Es gibt in Österreich kein Nebeneinander der Kirchen, sondern ein ehrliches Miteinander.“ Österreich sei „ein Laboratorium der Einheit“, so würden an der kirchlichen Wiener Pädagogischen Hochschule nicht nur katholische, sondern auch evangelische und orthodoxe Religionslehrer ausgebildet.