Wieder in die Offensive gehen

Erzbischof Fisichella bei der Vorstellung des Rats für Neuevangelisierung: Die Säkularisierung nicht mehr passiv hinnehmen, sondern aktiv missionieren Von Guido Horst

Rom (DT) Benedikt XVI. hat ein zusätzliches Dikasterium des Vatikans, den „Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung“ errichtet und in Rom ist man gespannt, wie dieser Rat arbeiten und in die säkularisierten Gesellschaften des Westens hineinwirken wird. Denn eines ist jetzt schon klar: Entweder gelingt es der neuen Vatikanbehörde unter ihrem bereits am 30. Juni ernannten Präsidenten, Erzbischof Rino Fisichella, mit den nationalen Bischofskonferenzen in den betroffenen Weltregionen zusammenzuarbeiten – oder er bleibt auf Dauer unfruchtbar.

Fisichella war es auch, der am Dienstag das „Gründungsdokument“ des Neuevangelisierungsrats vor Journalisten in Rom vorgestellt hat. „Ubicumque et semper“ (Überall und immer) lautet der Titel des von Papst Benedikt am vergangenen 21. September, dem Fest des Apostels und Evangelisten Matthäus, unterzeichneten Motu proprio, mit dem das Dikasterium jetzt seine Aufgabe und Struktur erhielt. Bereits am Fest Peter und Paul hatte der Papst die Errichtung des Rats angekündigt. Fisichella ist einer der bekannteren Erzbischöfe im Vatikan. Der 1951 in der Provinz Lodi geborene Professor für Fundamentaltheologie war seit 1998 Weihbischof der Diözese Rom, von 2002 bis 2010 Rektor der Päpstlichen Lateranuniversität, hatte zudem das für die Beziehungen zwischen italienischer Politik und römischer Kurie nicht unwichtige Amt des Hauskaplans des italienischen Parlaments inne und trat 2008 die Nachfolge von Erzbischof Elio Sgreccia als Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben an. Berichte, dass die Errichtung des Rats für die Neuevangelisierung auf einen Vorschlag des Patriarchen von Venedig, Kardinal Angelo Scola, zurückgehen soll, wurden weder von Fisichella noch von anderen Stellen im Vatikan oder von Scola selbst dementiert.

Mangelnde Grundkenntnisse über christliche Inhalte

Bei der Vorstellung des Motu proprio nannte Fisichella den Neuevangelisierungsrat eine „zutiefst prophetische Institution“. Man lebe in einer Zeit großer Herausforderungen und auch des „Abschieds vom Glauben“ in den Ländern mit einer ursprünglich langen christlichen Tradition. Mangelnde Kenntnisse über die grundlegenden Inhalte der kirchlichen Verkündigung hätten dann dazu geführt, in den westlichen Gesellschaften Formen des moralischen Verhaltens und Urteilens zu übernehmen, die im Widerspruch zum christlichen Glauben stünden. Der Relativismus und die Folgen eines Säkularismus, der darauf ausgerichtet sei, den heutigen Menschen von seiner Beziehung zu Gott zu trennen, würden eine „innere Wüste“ hervorrufen. Fisichella erinnerte auch daran, dass Kardinal Ratzinger kurz vor seiner Wahl zum Papst dem Lebenskonzept der säkularen Gesellschaft, so zu leben, als ob es Gott nicht gäbe, genau das gegenteilige Prinzip vorgeschlagen habe: So zu leben, als ob es Gott gäbe. Der Neuevangelisierungsrat will also, dass die Getauften wieder in die Offensive gehen. Die Christen, erklärte der Präsident des Rats weiter, seien dazu berufen, in Politik, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft gegenwärtig zu sein. Der Begriff „Politik“ sei dabei im Sinne des „Aufbaus der Polis“ zu verstehen. Daraus ergebe sich eine der Aufgaben des neuen Dikasteriums: Der Rat solle den Katholiken helfen, den tiefen Sinn ihrer Verantwortung wiederzugewinnen. Es sei notwendig, nach einer Zeit der passiven Hinnahme des Säkularismus wieder deutlich und mutig das Wort zu ergreifen und Zeugnis für das eigene Bild von Gott und den Menschen zu geben.

Fisichella sprach auch über die Beziehung des neuen Rats zu den anderen Organen der römischen Kurie. Was die Arbeit etwa der Kongregation für die Evangelisierung der Völker angehe, so habe diese die Erstverkündigung zum Ziel, die „missio ad gentes“. Der neue Rat setze sich dagegen mit den Ländern auseinander, in denen es Ortskirchen mit einer langen Tradition gebe. Dabei müsse man verhindern, dass der Begriff „Neuevangelisierung“ wie eine abstrakte Formel klinge. Er sei vielmehr mit theologischen und pastoralen Inhalten zu füllen und durch die lehramtliche Verkündigung der letzten Jahrzehnte stark zu machen. Dabei seien auch die zahlreichen Initiativen in Betracht zu ziehen, die in den zurückliegenden Jahren einzelne Bischöfe mit ihren Ortskirchen, nationale Bischofskonferenzen und Laienvereinigungen angestoßen hätten. Das Wissen um diese Initiativen und ihre Koordinierung könnten ein Ausgangspunkt für weitere Tätigkeiten des neuen Rates sein. Aber auch mit den Päpstlichen Räten für die Kultur, für die Laien und für die Familien wird sich der Neuevangelisierungsrat abstimmen müssen.

Fisichella erinnerte daran, dass man 2012 den zwanzigsten Jahrestag des Erscheinens des Katechismus der Katholischen Kirche begehe. Sein Rat werde auch dafür zuständig sein, die Verwendung dieses Katechismus zu fördern, sagte der Erzbischof. Dieser stelle eine der reifsten Früchte des Zweiten Vatikanischen Konzils dar. In ihm sei das gesamte Erbe der Entwicklung der Glaubensdogmen organisch zusammengefasst, womit er das vollständigste Instrumentarium darstelle, um den Glauben von immer angesichts der beständigen Veränderungen und Fragestellungen weiterzugeben, denen die Gläubigen in der Welt von heute begegnen. Eine besondere Bedeutung für den Neuevangelisierungsrat hätten dabei die modernen Medien, so Fisichella. Hier müsse sein Rat alle Formen und positiven Instrumente nutzen, die ihm der Fortschritt der sozialen Kommunikationsmittel bieten würde.

„Das Evangelium ist kein Mythos, sondern das lebendige Zeugnis eines historischen Ereignisses, das das Antlitz der Geschichte verändert hat“, erklärte der Erzbischof abschließend. Die Neuevangelisierung müsse vor allem den historischen Jesus und seine Lehre so hervortreten lassen, wie sie treu von den Urgemeinden überliefert und in den Schriften des Neuen Testaments normativ festgehalten worden seien.