Wie Kardinal Ottaviani sich einmal auf Herbert Wehners Seite fand

Ulrich Nersinger bietet Überraschendes aus dem Schatzkästlein der Kirchengeschichte. Von Urs Buhlmann

Kardinal Alfredo Ottaviani, hier bei einen Besuch 1959 in Frankfurt, flößte auch politischen Gegnern Respekt ein. Foto: KNA
Kardinal Alfredo Ottaviani, hier bei einen Besuch 1959 in Frankfurt, flößte auch politischen Gegnern Respekt ein. Foto: KNA

Kirchengeschichte einmal anders: Ulrich Nersinger, den Lesern der „Tagespost“ bekannter Vatikanist, hat sich an das Wagnis begeben, 2000 Jahre Kirchengeschichte auf 140 Seiten zusammenzufassen. Geht denn das? Das geht, wenn man eine Form äußerster Verknappung wählt. Das Anekdotische ist dafür besonders geeignet, spiegelt sich doch große Geschichte häufig wie in einem Brennglas in vermeintlich kleinen „Geschichtchen“ wider. Natürlich lässt sich dann nicht vermeiden, dass man einige dieser Episoden schon einmal da und dort gehört hat, von der Herkunft des römischen Kirchennamens „Quo vadis“ zum Beispiel. Doch wird zu diesem Band auch nicht greifen, wer sich auf letztem wissenschaftlichen Stand unterrichten will – die „Novizen“ der Kirchengeschichte aber lernen hier wahrscheinlich zum ersten Mal, warum der heiligen Märtyrer Laurentius in der Kunst stets mit einem Metallgegenstand dargestellt wird, der einem Grillrost gleicht: Auf einem solchen lag er nämlich, als er seinen Peinigern zurief: „Wendet mich, sonst werde ich nicht gar!“

Die Gelassenheit der Blutzeugen Christi im Angesicht des Todes, ja ihr Humor, lässt sich auch in späteren Jahrhunderten nachweisen. Aber auch wirklich Neues erfahren wir: Wer hätte gewusst, dass Herbert Wehner, der anderthalb Jahrzehnte die SPD-Fraktion im Bundestag anführte und sich erst spät im Leben als Christ bekannte, in einer friedenspolitischen Schrift zustimmend einen anderen Kriegsgegner zitiert, ausgerechnet Alfredo Kardinal Ottaviani, den als Erztraditionalisten geltenden Chef des früheren Heiligen Offiziums, also der heutigen Glaubenskongregation?

Als der Papst vier Spanier und ein Heiliger kanonisierte

Nersinger nimmt ausgewogen Stellung zu den Selig- und Heiligsprechungen der Kirche und macht darauf aufmerksam, dass der Vorwurf einer inflationellen Handhabung dieses Instruments nicht neu ist: „Als Philipp Neri, der Liebling des römischen Volkes, im Jahre 1622 gemeinsam mit Ignatius von Loyola, Franz Xaver und Theresia von Avila heiliggesprochen wurde, hieß es in der Ewigen Stadt: Heute hat der Papst vier Spanier und einen Heiligen zur Ehre der Altäre erhoben.“ Woher der Ausdruck „Nach Canossa gehen“ kommt, erklärt Ulrich Nersinger ebenfalls und vergisst auch nicht, zu erwähnen, dass derselbe Reichskanzler Bismarck, der 1872 versichert hatte, nicht – und auch nicht symbolisch – zu jener Burg der Markgräfin Mathilde von Tuszien ziehen zu wollen, dreizehn Jahre später bereitwillig den Schiedsspruch von Papst Leo XIII. in einem Konflikt zwischen Deutschland und Spanien annahm – was ihm später den eigentlich nur Katholiken vorbehaltenen Christus-Orden – bis heute die höchste weltliche Auszeichnung des Heiligen Stuhls – verschaffte. Eben jener Bismarck hatte noch kurz zuvor die Katholiken im Kulturkampf bekämpft, nutzte aber nun bereitwillig die angebotenen Vermittlungsdienste des Heiligen Stuhles.

Vergleichbare Beispiele für die Wertschätzung der guten Dienste des Papstes und seiner Diplomaten finden sich auch im zwanzigsten Jahrhundert; Nersinger erwähnt, dass es in Gefahrsituationen häufig die Nuntien waren, die bei den Menschen ihres Gastlandes ausharrten, so während des ersten Golfkrieges, als der päpstliche Nuntius mit ganz wenigen Botschaftern während der Bombardierung in Bagdad blieb.

Ein geradezu unerschöpfliches Thema sind auch die Kardinäle, jene feuerrot gekleideten Geistlichen, die seit 1179 das alleinige Recht zur Papstwahl für sich in Anspruch nehmen. Da gibt es Klemens VII. (1523–1534), der nach dem Tod des Kardinals Pompeo Colonna, der ihm immer zugesetzt hatte, erleichtert ausrief: „Jetzt bin ich endlich Papst!“ oder den Purpurträger Luigi d'Este (1538–1581), der sich nach jedem Konklave, aus dem er nicht als Papst hervorging, auf seinen Wappenspruch berief: „Cum tempore“ – Mit der Zeit. Das ist freilich nichts gegen Felice Kardinal Peretti, der das Konklave des Jahres 1585 mit gebeugtem Oberkörper und auf einen Stock gestützt betrat. Als er dann als vermeintlich schwacher Übergangskandidat die Stimmen des Heiligen Kollegiums auf sich vereinen konnte, richtete sich die gebückte Gestalt auf, warf den Stock weg, begab sich forschen Schrittes zum päpstlichen Thron – und regierte als Sixtus V. immerhin noch fünf Jahre, und dies äußerst tatkräftig. Als man den Heiligen Vater später um Begründung für die wunderbare Wandlung bat, gab er die einleuchtende Antwort: „Als wir uns in das Konklave begaben, gingen Wir gebückt, weil Wir die Schlüssel des Heiligen Petrus suchten. Nun aber haben Wir sie gefunden!“

Zu Recht ein besonderes Augenmerk schenkt Ulrich Nersinger Pasquino, der „sprechenden Statue“ Roms. Mehrere dieser antiken Torsi gab es in Rom, von denen heute noch die unweit der Piazza Navona aufgestellte Steinfigur die Tradition aufrechterhält. Ursprünglich war Pasquino ein Mensch, ein Schneider, der, für seine boshafte Zunge bekannt, die Anordnungen der Obrigkeit aufs Korn nahm. Nach dessen Tod heftete man einfach einer der zahlreich vorhandenen antiken Statuen einen Zettel mit einem möglichst deutlichen Epigramm an – reichlich Stoff für Anekdoten! Die Päpste, damals Stadt- und Landesherren, ärgerten sich gründlich über die frechen Verse, waren aber so klug, die Statue nicht in den Tiber zu werfen, wussten sie doch um die Notwendigkeit eines solchen Ventils als Blitzableiter.

Beißende, aber auch eher harmlose Geschichten ließ der römische Witz den Pasquino erzählen. Als sich im Konklave des Jahres 1721 der österreichfreundliche Kardinal Scotti als aussichtsreicher Kandidat erwies, war der folgende Dialog zwischen Pasquino und Marforia, der nach einer Flussgöttin benannten weiteren „sprechenden Statue“, zu lesen: „Was wird Jesus machen, wenn Scotti Papst wird? Er wird Deutsch lernen müssen, um seinen Stellvertreter zu verstehen!“

Doch genug der Bosheiten! Menschliches, allzumenschliches ist weder Kardinälen noch Päpsten fremd, wie Nersinger anhand weiterer Geschichten zu erzählen weiß. Zu Recht rückt er aber mit einem eigenen Kapitel einen Papst in den Vordergrund, der Historikern als einer der Bedeutsamsten des letzten Jahrhunderts gilt, aber in der Wahrnehmung häufig hinter seinem Nachfolger verschwindet: Pius XI. (1922–1939). Dem energischen Norditaliener lag insbesondere die Lösung der sogenannten Römischen Frage am Herzen. Seit dem gewaltsamen Ende des Kirchenstaates 1870 sahen sich die Päpste als Gefangene des Vatikan und pflegten keine Kontakte zur als usurpatorisch angesehenen italienischen Regierung.

Das Heute im Geist der Tradition abwägen

Pius XI., der, entgegen der bisherigen Sitte, bereits seinen ersten Papstsegen von der äußeren Loggia des Petersdomes gespendet hatte, sah die Zeit für eine Lösung gekommen. Als ihn einer seiner Kardinäle zu mehr Zurückhaltung bewegen wollte, erwiderte der erfahrene Bergsteiger, der sogar Erstbesteigungen aufzuweisen hatte, knapp: „Wir sind schwindelfrei“. Nicht nur mit Italien kam der Papst durch die „Römischen Verträge“ zu einem Ausgleich, mit weiteren dreizehn Staaten, darunter Deutschland, schloss er Abkommen, sodass Ulrich Nersinger ihn zu Recht den „Papst der Konkordate“ nennt. Sich auszuruhen kam dem gebürtigen Achille Ratti nicht in den Sinn. Als ein achtzigjähriger Bischof in einer Audienz bat, mit Rücksicht auf sein Alter die Leitung der Diözese niederlegen zu dürfen, bekam er vom gleichaltrigen Papst die kurze Antwort: „Wir spüren die Jahre nicht!“

Offen bleibt einstweilen das Urteil der Kirchengeschichte über jenen Papst, der sich am ersten Pfingstmontag nach den neuen Vorgaben der Liturgiereform darüber wunderte, dass in der Privatkapelle grüne statt rote Messgewänder ausgelegt waren. Der Sekretär, darauf angesprochen, antwortete: „Aber Heiliger Vater, Ihr selbst habt doch die Pfingstoktav abgeschafft“.

So nähert sich Nersingers lehrreicher und gelegentlich amüsanter Rundgang durch die Kirchengeschichte unseren Tagen. Auch die drei dem sechsten Paul folgenden Päpste werden mit bezeichnenden Episoden vorgestellt. Die Aufgabe, durch die Beschränkung auf Facetten der Vergangenheit Lust zu machen, sich der Kirchengeschichte einmal gründlich zu nähern, erfüllt der Band hervorragend. Ulrich Nersinger weiß, dass viele Aufgeregtheiten der Jetztzeit am besten eine Lösung aus dem Geist der kirchlichen Tradition erfahren. Sein Buch gibt dafür wichtige Anregungen. Störend, geradezu kontraproduktiv ist nur das Umschlagbild, das einen Phantasiekardinal neben einem gespreizten Pfau zeigt. Mythen sollen in diesem Buch ja gerade nicht gepflegt werden.

Ulrich Nersinger, Einmal Canossa und zurück, Anekdotisches aus der Kirchengeschichte, Sankt Ulrich Verlag, Augsburg, 2011, gebunden 143 Seiten,

ISBN: 978-3-86744-165-9, EUR 12,95