Wider die Verdunstung des Glaubens

Wie Neuevangelisierung zünden kann: Otto Neubauers Handbuch ist Inspiration und Vorbild zugleich. Von Klaus-Peter Vosen

Otto Neubauer vermittelt in seinem Buch etwas von dem Feuereifer authentischer Nachfolge. Foto: Kathbild/Rupprecht
Otto Neubauer vermittelt in seinem Buch etwas von dem Feuereifer authentischer Nachfolge. Foto: Kathbild/Rupprecht

Früher war „Mission“ eine Angelegenheit, die sich auf der Südhalbkugel dieser Erde vollzog. Aus dem christlichen Europa brachen Priester und Schwestern nach Übersee auf, um das Reich Gottes in Südamerika, Asien, Afrika und der Südsee auszubreiten. Der Beruf des Missionars begeisterte viele junge Menschen. Es ist noch nicht allzu lange her, dass ein kleines Land wie Belgien ein Viertel der katholischen Glaubensboten in Übersee stellte. Europa aber, im Glauben wenigstens noch zu einem großen Teil verwurzelt, begleitete das Tun der Kirche „in den Missionen“ mit wachem Interesse, treuem Gebet und reichlichen Spenden. Man war sich der Verantwortung für die Glaubensverbreitung bewusst.

Fast wie ein Schock oder mindestens eine Überraschung musste es vielen Europäern erscheinen, dass hellsichtige Zeitgenossen etwa ab den 1940er Jahren darauf aufmerksam machten, dass die Länder Europas mit ihrer reichen christlichen Tradition ihrerseits wieder zu Missionsländern geworden waren! Heute ist in der nördlichen Hemisphäre angesichts ihres hohen Grades an Entkirchlichung eine veritable Neuevangelisierung nötig. Die letzten Päpste haben eine solche immer wieder wegweisend, mahnend, ermutigend eingefordert.

Dass es solcher Hinweise bedurfte, zeigt eine schwere Problematik an: Eigentlich sind christlicher Glaube und christliche Glaubenspraxis gar nicht anders als missionarisch denkbar. Ein Christentum, das sich selbst genügen würde, auf der Stelle träte, „lahmgeworden“ wäre, negierte sich selbst. Andererseits hat ein gewisses antiklerikales und antikirchliches Klima der letzten Zeit, bestimmt vor allem durch den „Missbrauchsskandal“ auch wirklich Aktiven, auf die Ausbreitung des Glaubens Bedachten, gleichsam die missionarischen Flügel etwas gelähmt. Der Rezensent als Diözesanpräses der Theresianischen Familienbewegung „OmniaChristo“ in der Erzdiözese Köln, einer Gruppierung, die zusammen mit der Legio Mariens regelmäßig Straßenmissionen durchführt, erlebte, dass es etwa 2005, nach dem begeisternden Kölner Weltjugendtag, leichter war, Menschen in den Fußgängerzonen unserer großen Städte auf Christus und Kirche hin anzusprechen, als nach der Pädophiliediskussion und auch der Kritik am kirchlichen Finanzgebaren.

Da tut es gut, auf ein „Handbuch“ für Neuevangelisierung zu stoßen, dessen Titel bereits Mut macht. „Mission possible“ – so lautet er, in leichter Abwandlung des Titels der aus dem Kino bekannten Tom-Cruise-Reihe. Mission ist möglich, auch heute, auch in Europa und Nordamerika, auch unter den schwierigen Bedingungen einer kirchenkritischen Zeitströmung. Otto Neubauer, der Autor, ist Interessierten kein Unbekannter. In Wien leitet er eine der Gemeinschaft Emmanuel zugehörige Akademie für Evangelisierung. Im Jahr 2011 hat er in Castel Gandolfo vor dem damaligen Papst Benedikt XVI. und dessen Schülerkreis referiert. Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien, hat viel mit Neubauer und seinen Schülern gearbeitet, und dabei, wie er selbst im Vorwort zu dem hier vorzustellenden Buch schreibt, beglückende Erfahrungen gemacht. Schönborn hält fest: Neubauer „hat mich herausgelockt, er und die jungen Leute der Evangelisationsschule der Gemeinschaft Emmanuel. Sie haben mich einfach mitgenommen, auf Straßenmission, in Café-Talks, in Lokale, in Shopping-Citys. Sie haben mich ,angesteckt‘ und entzündet. Und seither brennt in mir das Verlangen zur direkten Evangelisierung.“

Von „Mission possible“ geht auch etwas Faszinierendes aus. Neubauers Statement vor dem päpstlichen Schülerkreis ist bewegend. Dort berichtet er von seiner Erfahrung als Religionslehrer an einem betont laizistischen Gymnasium Österreichs. Diese Schule hatte bewusst allen Traditionen des Christentums abgesagt, und entsprechend negativ war der Empfang für den neuen Lehrer. Doch dann fand Neubauer gleichsam den Schlüssel zu einem für ihn erfüllenden Schulalltag, konkret: den Schlüssel zu einer geglückten Evangelisation: „In meiner echten Not, irgendetwas zu finden, womit das Unterrichten noch einen Sinn hätte, entschied ich mich schlicht – die Schüler gern zu haben. Wie macht man das unter diesen Umständen? Es war ein echter Kampf. Ich hatte in dieser Situation nichts anderes anzubieten, als ihnen Anteil zu geben an meinem Leben, Freundschaft aufzubauen … Und zu erzählen von Menschen, von ihren Lebensgeschichten, wie sie Jesus kennengelernt haben, zum Beispiel von den Heiligen, von den Märtyrern. Als ich einmal über mehrere Stunden bei den Teenagern über den Pfarrer von Ars erzählte, meldete sich ein Junge mit der Bitte um eine Abstimmung (Basisdemokratie!): es ging um die Forderung, auch zur Beichte gehen zu dürfen. Fast die ganze Klasse stimmte dafür. … Schließlich haben sich dieser Abstimmung noch weitere Klassen angeschlossen. Sie können sich nicht vorstellen, welch eine Vorfreude ich in den Augen dieser Teenager sehen durfte.“

In seinem Buch setzt sich Otto Neubauer dann sehr grundlegend mit christlicher Mission auseinander. Er fragt nach dem Warum und dem Wie evangelisierender Bemühungen sowie nach dem Geist, in welchem Mission sich vollziehen muss.

In diesem Kapitel sind bereits die Teil-Überschriften erhellend: „Barmherzigkeit – Kern der Neuen Evangelisation“, „Missionarischer Dialog – eine Freundschaft aufbauen“, „Befähigung zum ,Mitleiden‘“. Hier scheint auf, dass Mission eine Tat jener ist, die von der Liebe Christi entflammt sein müssen, und nur in der Liebe oder in der Barmherzigkeit, jenem Leitwort, das unser Heiliger Vater immer wieder bewegend in die Mitte seines Papstdienstes und seiner Verkündigung stellt, vollzogen werden kann. Mission ist nicht einfach Proselytenmacherei, begnügt sich nicht damit, in Diskussion und Streitgespräch die Wahrheit des katholischen Glaubens zu erweisen, sondern bedeutet, dass gläubige Menschen andere, noch nicht Glaubende, gleichsam zur Teilnahme an ihrem eigenen Leben einladen, das sich an Christus ausrichtet. Mit dem Apostel können sie sprechen, dass die Adressaten ihres Tuns ihnen „sehr lieb geworden“ (1 Thess 2, 8) sind. Sehr interessant sind dann die „konkreten Missions und Dialog-Bausteine“, die Neubauer schildert, Möglichkeiten, Begegnungen mit Menschen zu schaffen, welche für diese zur Christusbegegnung wird. Es gibt eine Fülle kreativer Beispiele, so etwa das „Ehe.rendez.vous“, das zunächst ein „schöner Abend für das Paar“ ist, offen für alle Eheleute, auch solche ohne Kontakt zu einer Kirchengemeinde, mit Austausch und Behandlung existenzieller Fragen und die Paare schließlich zu einer „schrittweisen Entdeckung der Gegenwart Gottes in all ihren Lebensbereichen“ führend. Weiter ist etwa auch die Valentinsaktion: „Liebesbriefe von Gott“ bewegend.

Über Inhalt und Ziel dieser Initiative zum Valentinstag schreibt Neubauer: „In … verschiedenen Städten und Orten wurden ,Liebesbriefe von Gott‘ verteilt. Der ,Brief von Gott‘ soll ein Liebesbeweis vom Himmel für jeden sein – mit der Einladung zu einem Rendezvous mit Gott, bei dem man einen Schritt auf ihn zu machen kann. Ziel des Vorhabens ist es, die Barmherzigkeit und Güte Gottes zu verkünden und für die Menschen erfahrbar zu machen. Es geht darum, einen ,Neuanfang mit Gott‘ zu ermöglichen und Schritte des Glaubens tun zu können. Alle sind eingeladen, in offener Atmosphäre eine Zeit der Besinnung und des Gebets zu verbringen.“ Letzteres vollzieht sich in einer Weise, dass etwa offene Kirchen gleichsam als „Rendez-vous-Orte“ mit Gott den Adressaten genannt werden, wo dann die Möglichkeit zu eucharistischer Anbetung oder zum Besuch eines Gottesdienstes besteht. Der Leser des Buches, der in dieser Welt an der Ausbreitung des Reiches Gottes interessiert ist, fühlt sich hochgradig motiviert, etwas von den guten Anregungen selbst umzusetzen.

Otto Neubauer hat ein sehr zu empfehlendes, mutmachendes Buch vorgelegt. Die lähmende Sorge um das christliche Abendland könnte wirklich getrost einem offensiven, missionarischen Christsein untergeordnet werden. Ein mutiges und zugleich demütiges Christentum, das sich als im Dienst aller Menschen stehend begreift, hat immer die Aussicht, die Herzen der Menschen für den Erlöser zu gewinnen. Man muss endlich aus dem binnenkirchlichen Klein-Klein hinaus, aus der angstvollen Selbstbespiegelung, aus dem Gegeneinander im Schoß der einen Kirche, aus einer manchmal zu beobachtenden unguten und unkatholischen Frontstellung zwischen Priestern und Laien. Und es ist notwendig, dass die Kirche im Dialog mit den Menschen feststellt, wo diese der Schuh drückt, wo sie „dran“ sind, damit die frohe Botschaft so formuliert werden kann, dass sie nicht über den Köpfen schwebt, sondern ins Leben trifft. Dann wird man bestätigen können: Mission possible! Otto Neubauer hat man für sein großartiges Opus zu danken. Die Verantwortlichen in Pfarreien, geistlichen Gemeinschaften und alle, die für das Reich Gottes brennen, werden sich davon gerne inspirieren lassen.

Otto Neubauer: Mission possible. Das Handbuch für die neue Evangelisation. Sankt-Ulrich-Verlag, Augsburg, 2013,

288 Seiten, ISBN 978-3-86744-157-5,

EUR 18,95