Wider das Prinzip der Wurstigkeit

Auch die „Ökologie des Menschen“ war Thema einer Diskussionsrunde auf dem Katholikentag in Regensburg. Von Claudia Kock

„Im Herzen des Menschen ist das Gesetz des Lebens eingeschrieben“: Junge Besucher des Regensburger Katholikentages. Foto: Nadine Malzkorn
„Im Herzen des Menschen ist das Gesetz des Lebens eingeschrieben“: Junge Besucher des Regensburger Katholikentages. Foto: Nadine Malzkorn

Die „Ökologie des Menschen“ scheint ein Thema zu sein, das viele Besucher des 99. Katholikentages beschäftigt: Bis auf den letzten Platz war diese Podiumsveranstaltung gefüllt. Den Begriff hatte Papst Benedikt XVI. in der Ansprache vor dem Deutschen Bundestag in die Diskussion eingebracht: „Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“ Geprägt wurde der Begriff bereits 1991 von Johannes Paul II., in der Enzyklika Centesimus annus: „Die erste und grundlegende Struktur zu Gunsten der ,Humanökologie‘ ist die Familie, in deren Schoß der Mensch die entscheidenden Anfangsgründe über die Wahrheit und das Gute empfängt, wo er lernt, was lieben und geliebt werden heißt und was es konkret besagt, Person zu sein.“

Alexander Kissler, Leiter des Kulturressorts der Zeitschrift „Cicero“ und Moderator der Runde, erläuterte, dass die Strukturen der Sünde der Humanökologie entgegenstünden, deren erste Struktur die Familie sei. Sie sei heilig, der Ort, an dem die Gabe Gottes angenommen und geschützt werde. Gegen die Kultur des Todes stelle die Familie den Sitz der Kultur des Lebens dar.

In seinem Impulsreferat benannte der Theologe Klaus Berger die „Ökologie des Menschen“ als „alle Beheimatungen, die der Mensch braucht, um darin zu leben“. Zu diesen Beheimatungen gehöre das Dorf oder die Stadt ebenso wie die Kirche und der Mutterleib in der allerersten Phase des Lebens. Es dürfe nicht sein, dass ausgerechnet der Mutterleib heute der gefährlichste Ort im Leben des Menschen sei. Die Tierschutzpartei habe es bis ins Europaparlament geschafft, jedoch keine Partei, die sich explizit für den Lebensschutz einsetze.

Kisslers Frage, wo man für die Humanökologie ansetzen müsse, beantwortete die Kinder- und Jugendtherapeutin Christa Meves mit einem klaren: „Natürlich bei der Familie“. Sie zitierte Papst Franziskus, der in der vorletzten Generalaudienz gesagt hatte, Gott vergebe immer, der Mensch manchmal, die Schöpfung nie. Wenn wir diese nicht bewahrten, würde sie am Ende uns zerstören. Meves wies darauf hin, dass der Mensch stets in einem Spannungsfeld lebe: Gott habe ihn einerseits als sein Abbild geschaffen, andererseits aus der Erde. Der Mensch sei mit Gottes Vernunft begabt, aber andererseits der Naturordnung unterworfen. Und die Natur ließe nicht mit sich spaßen – das könnte man bei jedem Tsunami deutlich sehen.

Die Familientherapeutin Consuelo Ballestrem verwies darauf, dass der Mensch im Grunde wisse, was gut für ihn und gut für den anderen sei: „Im Herzen des Menschen ist das Gesetz des Lebens eingeschrieben.“ Die Vernunftnatur des Menschen unterscheide ihn vom Tier, so der Mediziner und Moraltheologe Matthias Beck, Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission. Die Vernunft des Menschen sei ausgerichtet auf die Vernunft Gottes. Gott sei derjenige, der in der Welt spricht und wirkt. Der Mensch habe teil an der Vernunft Gottes. Die Gefahr bestehe darin, sich abzukoppeln, und eben das geschehe heute. In der Medizin ließe sich das Phänomen beobachten, dass Zellen, die sich abkoppeln, zu Krebszellen würden, die zum Tod führen. Ebenso müsse der Mensch an eine Urvernunft angekoppelt sein. Heute dagegen herrsche das Prinzip der Beliebigkeit, das am Beispiel von Conchita Wurst sehr anschaulich würde: Alles ist beliebig. Das „Prinzip der Wurstigkeit“ sei jedoch eine große Gefahr. Was der Mensch brauche, sei Orientierung. „Orientierung“, so Beck, „kommt von Orient, Wendung zum Licht. Zu sagen, alles ist beliebig, führt uns in die Katastrophe.“

Aus philosophischer Sicht untermauerte Hans Otto Seitschek diese Gedankengänge. Der Mensch „mache“ sich nicht selbst, sondern er „verdanke“ sich, komme von etwas her – zum Beispiel von einer Familie. Die Frage: „Wo komme ich her?“ sei tief im Menschen verankert. Der Mensch habe keinen Wert, sondern eine Würde.

Von verschiedenen gesellschaftlichen „Störungen“ der natürlichen Gegebenheiten des menschlichen Lebens sprach Hedwig von Beverfoerde von der „Initiative Lebensschutz“: Die Ideologie des Gendermainstreaming sei eine Störung der natürlich gegebenen Anziehungskraft zwischen Mann und Frau. Es gebe bei einer sehr geringen Minderheit von Menschen die Anziehung zum eigenen Geschlecht. Dies könne man auch tolerieren, sollte es aber entgegen der derzeitigen Praxis in der westlichen Welt nicht fördern, weil dies unvernünftig sei. Auch die Offenheit für Kinder könne gestört sein durch die Abkoppelung der Sexualität von der Fruchtbarkeit, die im schlimmsten Fall bis zur Abtreibung führen könne. Eine weitere Störung sei die Negierung der engen Bindung des Kleinkindes an seine Mutter, die durch die Politik nicht gefördert, sondern oft in Abrede gestellt werde. Man müsse auf die Gesellschaft einwirken, um diese Störungen nicht zur Normalität oder sogar zu einem „Menschenrecht“ zu machen.

Den Unterschied von „Leib“ und „Körper“ hob die Religionsphilosophin Barbara Gerl-Falkowitz hervor. Der Begriff „Leib“ hänge zusammen mit Leben und Liebe. „Körper“ könne auch ein toter Körper sein, aber ein „Leib ist immer lebendig: ,Ich habe einen Körper, aber ich bin ein Leib. Leib bin ich. Das ist eine Ökologie, die fulminant ist, wenn man sie einmal begriffen hat.“ Der One-Night-Stand entspreche der Sprache des Leibes ebenso wenig wie die permanente Verhinderung von Fruchtbarkeit: „Der Leib ist bestimmt zu etwas ganz Großem, das immer der andere ist.“

Der Sozialethiker Manfred Spieker betonte, dass es gesellschaftliche Strukturen geben müsse, damit die Ökologie des Menschen nicht verletzt wird. Die Familie und die Gesellschaft seien die Pfeiler, auf denen die Ökologie des Menschen ruht. Das Grundgesetz der Bundesrepublik sei aus christlicher Sicht eine der besten Gesellschaftsordnungen der Welt, aber Artikel zwei und sechs – das Recht auf Unversehrtheit des Lebens und die Rechte der Familie – seien massiven Angriffen ausgesetzt. Der Bundestag weigere sich, den gesetzlich festgelegten Prüfungsauftrag, der bei der Abschaffung des Paragrafen 218 beschlossen wurde, wahrzunehmen. Das Recht auf Leben sei nicht mehr gewährleistet.

„Die Welt liegt lieber vor Conchita Wurst als vor Benedikt im Staub“, merkte Kissler an, und Berger entgegnete, dass es bei den Christen oft am Mut zur Identität fehle: „Wenn man bei Mann und Frau nur noch Einheitssoße hat, muss man den Mut haben, zur Wahrheit zu stehen.“

„Wir beliebigen uns zu Tode oder wir diagnostizieren uns zu Tode“, meinte Seitschek. „Wir müssen uns wieder fragen: Was ist der Mensch“. Wir können das Rad nicht zurückdrehen, aber wir werden zu dem Punkt kommen, wo wir fragen: Was haben wir während der letzten 30 Jahre eigentlich gemacht?“ Frau Meves sprach hier von einem Franziskanischen Aufbruch in unserer Zeit, von der „Hoffnung, dass wir nicht so kaputt sind, dass der Geist des Wahren, der Geist Gottes doch noch in uns lebt“. Auch in der Natur setzten sich am Ende die gesunden Triebe einer Pflanze durch, gab sich Meves optimistisch.