Wetter entschuldigt sich für Fehlentscheidung

Neuer Missbrauchsvorwurf gegen suspendierten Priester

München (DT/KNA) Der frühere Münchner Erzbischof Kardinal Friedrich Wetter (82) hat Fehler im Umgang mit einem Priester eingeräumt, der Kinder sexuell missbraucht hat. Unter Wetters Amtszeit war der 1986 einschlägig verurteilte Geistliche erneut in der Pfarrseelsorge eingesetzt worden. In einer vom Münchner Ordinariat am Dienstag verbreiteten „persönlichen Stellungnahme“ bat Wetter die Betroffenen und ihre Angehörigen „in aller Form um Entschuldigung“. Ihm sei „jetzt schmerzlich bewusst, dass ich damals eine andere Entscheidung hätte treffen müssen“. Wetter erklärte, er habe die Fähigkeit eines Menschen zu persönlicher Umkehr überschätzt und die Schwierigkeiten einer therapeutischen Behandlung von pädophil Veranlagten unterschätzt. Die Verletzung von Kindern und Jugendlichen durch sexuellen Missbrauch tue ihm weh. „Sie belastet mich sehr.“

Der von Wetter zu verantwortende Einsatz des Seelsorgers in Garching/Alz beschäftigt das Ordinariat des Erzbistums weiter: Gegen den suspendierten Bad Tölzer Kurseelsorger H. gibt es einen neuen Missbrauchsvorwurf. Der Missbrauchsbeauftragte des Erzbistums München-Freising, Monsignore Siegfried Kneißl, habe den Fall nach einem Gespräch mit dem mutmaßlichen Opfer an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, teilte das Ordinariat am Mittwoch mit. Der fragliche Übergriff soll sich 1998 ereignet haben, als H. Pfarradministrator in Garching/Alz war. Das mögliche Opfer sei noch minderjährig gewesen, weswegen der Fall nicht verjährt sei. Der Essener Diözesanpriester hatte bereits in seinem Heimatbistum Kinder missbraucht und war 1980 vom Münchner Erzbistum unter Auflage einer Therapie aufgenommen worden. Der Fall sorgte weltweit für Schlagzeilen, weil damals Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI., Erzbischof von München-Freising war. Der Geistliche wurde trotz seiner Vorbelastung in mehreren Gemeinden als Seelsorger eingesetzt. Dafür übernahm der damalige Generalvikar Gerhard Gruber die alleinige Verantwortung. H. war zunächst in München, später in Grafing tätig, wo es zu einem erneuten Missbrauch kam. Dafür erhielt er 1986 eine Bewährungsstrafe, wurde aber noch während der Bewährungsfrist abermals in eine Gemeinde als Pfarradministrator geschickt, diesmal nach Garching/Alz.

Der Kardinal bekundete Unterstützung für seinen Nachfolger Erzbischof Reinhard Marx bei der „offenen und ehrlichen Aufarbeitung von Missbrauchsfällen“. Dies gelte auch für seine, Wetters, Amtszeit.

In einem zweiten, durch die Medien öffentlich gewordenen Fall wies der Kardinal anonyme Anschuldigungen gegen ihn als falsch zurück. In der Presse sei in einem Brief „wahrheitswidrig behauptet“ worden, er, Wetter, habe von sexuellem Missbrauch durch einen Münchner Prälaten gewusst und nichts dagegen unternommen. Richtig sei dagegen, dass er den Betroffenen 1995 „wegen einer seinem kirchlichen Dienst nicht angemessenen Lebensführung aus dem Amt entlassen“ habe. Konkrete Hinweise auf Missbrauchsfälle hätten ihm nicht vorgelegen. Mehrere Zeitungen hatten vergangene Woche berichtet, dass der 1995 verstorbene Prälat Kontakte zum homosexuellen Strichermilieu unterhalten habe. Dabei wurde auch aus einem anonymen Brief der Vorwurf zitiert, der Geistliche habe Messdiener missbraucht, was Kardinal Wetter gewusst habe.