„Wer nicht Gott gibt, gibt zu wenig!“

Botschaft zum Weltjugendtag 2013: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28, 19)

Das Logo des Weltjugendtags hat der Brasilianer Gustavo Huguenin entworfen. Es zeigt die Silhouette der Christusstatue vor einem Herzen und dem Zuckerhut sowie das Pilgerkreuz. Foto: dpa
Das Logo des Weltjugendtags hat der Brasilianer Gustavo Huguenin entworfen. Es zeigt die Silhouette der Christusstatue v... Foto: dpa

Liebe Jugendliche!

Ich möchte Euch allen meinen frohen und herzlichen Gruß zukommen lassen. Ich bin gewiss, dass viele von Euch fester „in Christus verwurzelt und auf ihn gegründet und im Glauben gestärkt“ (vgl. Kol 2, 7) vom Weltjugendtag in Madrid zurückgekehrt sind. Dieses Jahr haben wir in den einzelnen Diözesen unsere Freude gefeiert, Christen zu sein, inspiriert durch das Thema: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“ (Phil 4, 4). Und nun bereiten wir den nächsten Weltjugendtag vor, der im Juli 2013 in Rio de Janeiro in Brasilien stattfinden wird.

Ich möchte Euch vor allem erneut dazu einladen, an diesem wichtigen Treffen teilzunehmen. Die berühmte Christusstatue („Cristo Redentor/Christus der Erlöser“), die diese schöne Stadt in Brasilien beherrscht, wird ausdrucksvolles Symbol dafür sein: Seine offenen Arme sind das Zeichen der Aufnahme, die der Herr allen bereitet, die zu Ihm kommen, und sein Herz stellt die unendliche Liebe dar, die Er zu einem jeden und einer jeden von Euch hat. Lasst zu, dass er Euch an sich zieht! Lebt diese Erfahrung, Christus zu begegnen, gemeinsam mit den vielen anderen Jugendlichen, die zum nächsten Weltjugendtag in Rio zusammenkommen werden! Lasst Euch von Ihm lieben, und Ihr werdet die Zeugen sein, derer die Welt bedarf.

Ich lade Euch dazu ein, Euch auf den Weltjugendtag von Rio de Janeiro vorzubereiten, indem ihr von nun an über das Thema der Begegnung nachdenkt: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28, 19). Es handelt sich um den großen missionarischen Auftrag, den Christus der ganzen Kirche hinterlassen hat und der auch heute, nach zweitausend Jahren, noch aktuell ist. Dieser Auftrag muss machtvoll in Eurem Herzen erklingen. Das Jahr der Vorbereitung auf die Begegnung in Rio fällt mit dem „Jahr des Glaubens“ zusammen, zu dessen Auftakt die Bischofssynode ihre Arbeit der „neuen Evangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens“ gewidmet hat. Daher freue ich mich, dass auch Ihr, liebe Jugendliche, in diesen missionarischen Elan der ganzen Kirche eingebunden seid: Christus zu verkünden ist das größte Geschenk, das Ihr den anderen machen könnt.

1. Ein drängender Ruf

Die Geschichte hat uns gezeigt, wie viele Jugendliche sich großherzig selbst verschenkt und durch die Verkündigung des Evangeliums auf bedeutende Weise zum Reich Gottes und zur Entwicklung dieser Welt beigetragen haben. Mit großer Begeisterung haben sie – mit weit geringeren Mitteln und Möglichkeiten als die, über die wir heute verfügen – die Frohe Botschaft der in Christus geoffenbarten Liebe Gottes weitergegeben. Ich denke etwa an den seligen José de Anchieta, einen jungen spanischen Jesuiten aus dem sechzehnten Jahrhundert, der mit nicht einmal zwanzig Jahren als Missionar nach Brasilien aufgebrochen und ein großer Apostel der Neuen Welt geworden ist. Doch ich denke auch an die vielen unter Euch, die sich großherzig der kirchlichen Mission widmen: Beim Weltjugendtag in Madrid habe ich ein überraschendes Zeugnis davon erhalten, vor allem bei der Begegnung mit den freiwilligen Helfern.

Nicht wenige junge Menschen zweifeln heute zutiefst daran, dass das Leben ein Gut ist, und sehen keine Klarheit auf ihrem Weg. Ganz allgemein fragen sich viele angesichts der Probleme der zeitgenössischen Welt: was kann ich tun? Das Licht des Glaubens erleuchtet diese Dunkelheit, es lässt uns begreifen, dass jedes Dasein einen unschätzbaren Wert hat, weil es Frucht der Liebe Gottes ist. Er liebt auch diejenigen, die sich von Ihm entfernt oder Ihn vergessen haben: er ist geduldig und wartet; ja, er hat seinen Sohn hingegeben, der gestorben und auferstanden ist, um uns auf radikale Weise vom Bösen zu befreien. Und Christus hat seine Jünger ausgesandt, um allen Völkern diese freudige Botschaft des Heils und des neuen Lebens zu bringen.

In der Fortführung dieses Evangelisierungsauftrags zählt die Kirche auch auf Euch. Liebe Jugendliche, Ihr seid die ersten Missionare unter Euren Gleichaltrigen! Am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen fünfzigsten Jahrestag wir in diesem Jahr begehen, hat der ehrwürdige Diener Gottes Paul VI. eine Botschaft an die jungen Menschen auf der ganzen Welt gerichtet, die mit diesen Worten begann: „An Euch, die jungen Männer und Frauen der ganzen Welt, möchte das Konzil seine letzte Botschaft richten. Denn Ihr empfangt die Fackel aus der Hand Eurer Eltern und lebt in einer Zeit auf der Welt, in der die gewaltigsten Veränderungen ihrer Geschichte stattfinden. Ihr werdet, indem Ihr das Beste des Vorbildes und der Lehre Eurer Eltern und Lehrer aufnehmt, die Gesellschaft von morgen bilden: Ihr werdet Euch retten oder mit ihr untergehen.“ Und er endete mit dem Aufruf: „Errichtet eifrig eine Welt, die besser ist als die jetzige!“ (Botschaft an die Jugendlichen, 8. Dezember 1965).

Liebe Freunde, diese Aufforderung ist von großer Aktualität. Wir machen eine ganz besondere Epoche der Geschichte durch: Der technische Fortschritt bietet uns neue Möglichkeiten der Interaktion unter den Menschen und unter den Völkern, doch die Globalisierung der Beziehungen wird nur dann positive Folgen haben und der Welt ein humaneres Gesicht verleihen, wenn sie nicht auf dem Materialismus, sondern auf der Liebe gründet, der einzigen Wirklichkeit, die das Herz eines jeden zu erfüllen und die Menschen zu vereinen vermag. Gott ist die Liebe. Der Mensch, der Gott vergisst, ist ohne Hoffnung und unfähig, seinesgleichen zu lieben. Daher ist es dringend notwendig, die Gegenwart Gottes zu bezeugen, damit jeder sie erfahren kann: das Heil der Menschheit und das Heil eines jeden von uns stehen auf dem Spiel. Jeder, der diese Dringlichkeit versteht, wird nicht umhin können, mit dem heiligen Paulus auszurufen: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9, 16).

2. Werdet Jünger Christi

Dieser Aufruf zur Mission wird auch aus einem weiteren Grund an Euch gerichtet: Er ist notwendig für unseren persönlichen Glaubensweg. Der selige Johannes Paul II. hat geschrieben: „Der Glaube wird stark durch Weitergabe!“ (Redemptoris missio, 2). Durch die Verkündigung des Evangeliums werdet Ihr selbst wachsen, indem Ihr immer tiefer in Christus verwurzelt seid, und reife Christen werden. Die missionarische Aufgabe ist eine wesentliche Dimension des Glaubens: man kann nicht wahrhaft glauben, ohne zu evangelisieren. Die Verkündigung des Evangeliums folgt zwangsläufig auf die Freude, Christus begegnet zu sein und in Ihm den Felsen gefunden zu haben, auf dem man das eigene Dasein aufbauen kann. Indem Ihr Euch bemüht, den anderen zu dienen und ihnen das Evangelium zu verkünden, wird Euer häufig in verschiedene Tätigkeiten aufgespaltenes Leben seine Einheit im Herrn finden, werdet Ihr auch Euch selbst schaffen, werdet Ihr in der Menschlichkeit wachsen und reifen.

Doch was bedeutet es, Missionar zu sein? Es bedeutet vor allem, Jünger Christi zu sein, immer neu auf die Einladung zu hören, Ihm zu folgen, die Einladung, auf Ihn zu blicken: „Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11, 29). Ein Jünger ist ein Mensch, der auf das Wort Jesu hört (vgl. Lk 10, 39), der als der Meister erkannt wird, der uns bis zur Hingabe seines Lebens geliebt hat. Es geht also für jeden von Euch darum, dass Ihr Euch jeden Tag vom Wort Gottes formen lasst: Es wird Euch zu Freunden Jesu, des Herrn, machen und Euch befähigen, andere Jugendliche diese Freundschaft mit Ihm eingehen zu lassen.

Ich rate Euch, die von Gott empfangenen Gaben im Gedächtnis zu bewahren, um sie Eurerseits weiterzugeben. Lernt, Eure persönliche Geschichte neu zu lesen, werdet Euch auch des wunderbaren Erbes der Generationen bewusst, die Euch vorausgegangen sind: Viele Gläubige haben uns den Glauben mutig weitergegeben und dafür Prüfungen und Unverständnis auf sich genommen. Vergessen wir niemals: Wir gehören zu einer unermesslichen Reihe von Männern und Frauen, die uns die Wahrheit des Glaubens vermittelt haben und auf uns zählen, damit auch andere sie empfangen. Missionar zu sein, setzt das Bewusstsein dieses empfangenen Guts voraus, den der Glaube der Kirche darstellt: Es ist notwendig, zu wissen, was man glaubt, um es verkünden zu können. Wie ich in der Einführung des Youcat geschrieben habe, des Katechismus für junge Menschen, den ich Euch beim Weltjugendtag in Madrid überreicht habe: „Ihr müsst Euren Glauben so präzise kennen wie ein IT-Spezialist das Betriebssystem eines Computers. Ihr müsst ihn verstehen wie ein guter Musiker sein Stück. Ja, Ihr müsst im Glauben noch viel tiefer verwurzelt sein als die Generation Eurer Eltern, um den Herausforderungen und Versuchungen dieser Zeit mit Kraft und Entschiedenheit entgegentreten zu können“ (Vorwort).

3. Geht!

Jesus hat seine Jünger mit diesem Auftrag ausgesendet: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet“ (Mk 16, 15–16). Evangelisieren heißt, anderen die Frohe Botschaft des Heils zu bringen, und diese Frohe Botschaft ist eine Person: Jesus Christus. Wenn ich Ihm begegne, wenn ich erkenne, bis zu welchem Punkt ich von Gott geliebt und von Ihm erlöst werde, dann keimt in mir nicht nur das Verlangen, sondern die Notwendigkeit auf, Ihn den anderen zu verkünden. Am Anfang des Johannesevangeliums sehen wir, dass sich Andreas, nachdem er Jesus kennengelernt hat, beeilt, seinen Brüder Simon zu Ihm zu führen (vgl. 1, 40–42). Die Evangelisierung geht immer von der Begegnung mit Jesus, dem Herrn, aus: wer Ihm nahe gekommen ist und seine Liebe erfahren hat, will sofort die Schönheit dieser Begegnung und die Freude, die aus dieser Freundschaft entsteht, mit jemandem teilen. Je besser wir Christus kennen, desto stärker verspüren wir den Wunsch, ihn zu verkünden. Je mehr wir mit Ihm reden, desto mehr wollen wir über Ihn reden. Je mehr wir von Ihm eingenommen sind, desto stärker verspüren wir den Wunsch, die anderen zu Ihm zu führen.

Durch die Taufe, die uns zu neuem Leben schafft, nimmt der Heilige Geist Wohnstatt in uns und entzündet unseren Geist und unser Herz: Er führt uns dabei, Gott kennenzulernen und in eine tiefere Freundschaft mit Christus einzutreten; der Heilige Geist drängt uns, Gutes zu tun, den anderen zu dienen, uns selbst zu verschenken. Bei der Firmung werden wir dann durch seine Gaben gestärkt, um auf immer reifere Weise das Evangelium zu bezeugen. Der Geist der Mission ist also der Geist der Liebe: Er drängt uns, aus uns selbst hinauszugehen, um evangelisieren zu „gehen“. Liebe Jugendliche, lasst Euch von der Kraft der Liebe Gottes führen, lasst zu, dass diese Liebe die Tendenz besiegt, sich in der eigenen Welt, in den eigenen Problemen, in den eigenen Gewohnheiten zu verschließen; habt den Mut, aus Euch selbst „hinauszugehen“, um zu den anderen zu „gehen“ und sie zur Begegnung mit Gott zu führen.

4. Geht zu allen Völkern

Der auferstandene Christus hat seine Jünger ausgesandt, allen Völkern seine heilbringende Gegenwart zu bezeugen, weil Gott in seiner übergroßen Liebe will, dass alle gerettet werden und keiner verloren geht. Mit dem Liebesopfer am Kreuz hat Jesus den Weg geöffnet, dass jeder Mann und jede Frau Gott kennenlernen und in die Gemeinschaft der Liebe mit Ihm eintreten kann. Er hat eine Gemeinschaft von Jüngern gegründet, um die Heilsbotschaft des Evangeliums bis an die äußersten Grenzen der Erde zu tragen, um die Männer und Frauen aller Orte und Zeiten zu erreichen. Machen wir uns diesen Wunsch Gottes zu eigen!

Liebe Freunde, macht die Augen auf und schaut Euch um: Viele junge Menschen haben den Sinn ihres Daseins verloren. Geht hin! Christus braucht auch Euch. Lasst Euch von seiner Liebe erfassen, seid Werkzeuge dieser unermesslichen Liebe, damit sie zu allen gelange, vor allem zu denen, die „fern“ sind. Einige sind geografisch gesehen fern, andere hingegen sind fern, weil ihre Kultur keinen Raum für Gott lässt; einige haben das Evangelium noch nicht persönlich erhalten, andere hingegen leben, obgleich sie es empfangen haben, als ob Gott nicht existierte. Öffnen wir allen die Tür unseres Herzens; versuchen wir, bescheiden und ehrfürchtig einen Dialog aufzunehmen: Wenn dieser Dialog in wahrer Freundschaft gelebt wird, wird er Frucht tragen. Die „Völker“ zu denen wir gesandt sind, sind nicht nur die anderen Länder auf der Welt, sondern auch die verschiedenen Bereiche des Lebens: die Familien, die Stadtviertel, die Bereiche des Studiums oder der Arbeit, die Freundesgruppen und die Orte der Freizeit. Die freudige Verkündigung des Evangeliums ist für ausnahmslos alle Bereiche unseres Lebens bestimmt.

Ich möchte zwei Bereiche herausstellen, in denen Eure missionarische Aufgabe noch größere Aufmerksamkeit erfordert. Der erste betrifft die sozialen Kommunikationsmittel, vor allem die Welt des Internet. Wie ich Euch schon gesagt habe, liebe Jugendliche, „fühlt euch verantwortlich, in die Kultur dieser neuen kommunikativen und informativen Umwelt die Werte einzubringen, auf denen euer Leben ruht! (...) Euch jungen Menschen, die ihr euch fast spontan im Einklang mit diesen neuen Mitteln der Kommunikation befindet, kommt in besonderer Weise die Aufgabe der Evangelisierung dieses ,digitalen Kontinents‘ zu“ (Botschaft zum 43. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, 24. Mai 2009). Wisst also auf kluge Weise, dieses Mittel einzusetzen, auch unter Beachtung der Risiken, die es beinhaltet, vor allem der Gefahr der Abhängigkeit sowie der Gefahr, die reale Welt mit der virtuellen zu verwechseln, und die direkte Begegnung und den direkten Dialog mit den Personen und den Kontakten im Netz zu ersetzen. Der zweite Bereich ist die Mobilität. Heute gibt es immer mehr junge Menschen, die reisen, sowohl wegen des Studiums oder der Arbeit, als auch zum Vergnügen. Ich denke aber auch an die Migrationsbewegungen, bei denen Millionen von Menschen – häufig junge Menschen – fortgehen und aus wirtschaftlichen oder sozialen Gründen in eine andere Region oder ein anderes Land ziehen. Auch diese Erscheinungen können eine gute Gelegenheit zur Verbreitung des Evangeliums bieten. Liebe Jugendliche, habt keine Angst, Euren Glauben auch in solchen Umfeldern zu verbreiten: Es ist ein wertvolles Geschenk für die, denen Ihr begegnet, die Freude der Begegnung mit Christus mitzuteilen.

5. Macht sie zu Jüngern!

Ich denke, Ihr habt häufig die Schwierigkeit erfahren, Eure Altersgenossen in die Erfahrung des Glaubens hineinzuziehen. Häufig werdet Ihr festgestellt haben, dass in vielen Jugendlichen, vor allem in gewissen Phasen ihres Lebensweges, der Wunsch vorhanden ist, Christus kennenzulernen und nach den Werten des Evangeliums zu leben, dass dieser Wunsch jedoch von einem Gefühl der Unzulänglichkeit und des Unvermögens begleitet wird. Was tun? Vor allem Eure Nähe und Euer einfaches Zeugnis werden ein Weg sein, über den Gott ihr Herz berühren kann. Die Verkündigung Christi erfolgt nicht nur über Worte, sondern sie muss das ganze Leben einbeziehen und in Gesten der Liebe zum Ausdruck kommen. Verkünder des Evangeliums zu sein entsteht aus der Liebe, die Christus in uns erweckt hat; unsere Liebe muss also der seinen immer ähnlicher werden. Wie der gute Samariter müssen wir immer auf die Menschen achten, denen wir begegnen, wir müssen zuzuhören wissen, verstehen, helfen, um diejenigen, die auf der Suche nach der Wahrheit und dem Sinn des Lebens sind, zum Haus Gottes, der Kirche, zu führen, wo Hoffnung und Heil ist (vgl. Lk 10, 29–37).

Liebe Freunde, vergesst niemals, dass der erste Akt der Liebe Eurem Nächsten gegenüber darin besteht, den Ursprung unserer Hoffnung mitzuteilen: Wer nicht Gott gibt, gibt zu wenig! Jesus trägt seinen Aposteln auf: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28, 19–20). Die Mittel, über die wir verfügen, um „Jünger zu machen“, sind vor allem die Taufe und die Katechese. Das heißt, dass wir die Menschen, die wir evangelisieren, zur Begegnung mit dem lebendigen Christus führen müssen, vor allem in Seinem Wort und in den Sakramenten: So werden sie an Ihn glauben, Gott erkennen und von Seiner Gnade leben können. Ich möchte, dass jeder sich die Frage stellt: Hatte ich je den Mut, jungen Menschen die Taufe vorzuschlagen, die sie noch nicht empfangen haben? Habe ich jemanden eingeladen, den Weg zur Entdeckung des christlichen Glaubens zu beschreiten? Liebe Freunde, fürchtet Euch nicht, Euren Altersgenossen die Begegnung mit Christus vorzuschlagen. Betet zum Heiligen Geist: Er wird Euch dabei führen, Christus immer besser kennenzulernen sowie in Seine Liebe einzugehen, und Euch bei der Weitergabe des Evangeliums schöpferisch machen.

6. Fest im Glauben

Angesichts der Schwierigkeiten des Evangelisierungsauftrags werdet Ihr manchmal versucht sein, wie der Prophet Jeremias zu sagen: „Ach, mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung“. Doch auch Euch wird Gott antworten: „Sag nicht: Ich bin noch so jung. Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen“ (Jer 1, 6–7). Wenn Ihr Euch unzulänglich, unfähig, schwach fühlt, wenn Ihr den Glauben verkündet und bezeugt, dann fürchtet Euch nicht. Die Evangelisierung ist nicht unsere Initiative und sie hängt nicht vor allem von unseren Fähigkeiten ab, sondern sie ist vertrauensvolle und gehorsame Antwort auf den Ruf Gottes und gründet daher nicht auf unserer Kraft, sondern auf Seiner. Das hat der Apostel Paulus erfahren: „Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“ (2 Kor 4, 7).

Daher fordere ich Euch auf, im Gebet und in den Sakramenten verwurzelt zu sein. Echte Evangelisierung entsteht immer aus dem Gebet und wird von ihm getragen: wir müssen erst mit Gott sprechen, um über Gott zu sprechen, Im Gebet vertrauen wir dem Herrn die Menschen an, zu denen wir gesandt sind, und bitten Ihn, ihr Herz zu berühren; bitten wir den Heiligen Geist, uns zu seinen Werkzeugen für ihr Heil zu machen; bitten wir Christus, uns Seine Worte in den Mund zu legen und uns zu Zeichen Seiner Liebe zu machen. Und allgemeiner beten wir für die Mission der ganzen Kirche, entsprechend der ausdrücklichen Aufforderung Jesu: „Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden“ (Mt 9, 38). Wisst in der Eucharistie die Quelle Eures Glaubenslebens und Eures christlichen Zeugnisses zu finden und nehmt treu an der sonntäglichen Messe teil sowie jedes Mal in der Woche, wenn es Euch möglich ist. Empfangt häufig das Sakrament der Buße: Es ist eine wertvolle Begegnung mit der Barmherzigkeit Gottes, der uns annimmt, uns vergibt und unsere Herzen in der Liebe erneuert. Und zögert nicht, das Sakrament der Firmung zu empfangen, wenn Ihr es noch nicht empfangen habt, und Euch sorgfältig und gewissenhaft darauf vorzubereiten. Gemeinsam mit der Eucharistie ist sie das Sakrament der Mission, weil sie uns die Kraft und die Liebe des Heiligen Geistes schenkt, um furchtlos den Glauben zu bekennen. Ich ermutige Euch außerdem, Euch der Eucharistischen Anbetung zu widmen: im Zuhören und im Gespräch mit Jesus zu verharren, der im Sakrament gegenwärtig ist, wird zum Ausgangspunkt neuen missionarischen Elans.

Wenn Ihr diesem Weg folgt, wird Christus selbst Euch die Fähigkeit verleihen, seinem Wort vollkommen treu zu sein und es aufrichtig und mutig zu bezeugen. Manchmal werdet Ihr aufgerufen sein, Beharrlichkeit zu zeigen, vor allem wenn das Wort Gottes Verschlossenheit oder Widerspruch hervorruft. In manchen Gebieten der Welt leiden einige von Euch darunter, den Glauben an Christus nicht öffentlich bezeugen zu dürfen, weil es keine Religionsfreiheit gibt. Und manche haben die Zugehörigkeit zur Kirche bereits mit dem Preis ihres Leben bezahlt. Ich ermutige Euch, fest im Glauben zu bleiben, gewiss, dass Christus in jeder Prüfung an Eurer Seite ist. Er sagt Euch: „Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein“ (Mt 5, 11–12).

7. Mit der ganzen Kirche

Liebe Jugendliche, um dort, wohin Ihr gesandt seid, fest im Bekenntnis des christlichen Glaubens zu bleiben, braucht Ihr die Kirche. Niemand kann alleine Zeuge des Evangeliums sein. Jesus hat seine Jünger gemeinsam zur Mission ausgesandt: „macht Jünger“ steht in der Mehrzahl. Wir bieten unser Zeugnis also immer als Mitglieder der christlichen Gemeinschaft an, und unsere Mission wird durch die Gemeinschaft fruchtbar, die wir in der Kirche leben: Aus der Einheit und der Liebe, die wir füreinander haben, werden sie uns als Jünger Christi erkennen (vgl. Joh 13, 35). Ich bin dem Herrn dankbar für die wertvolle Evangelisierungsarbeit, die unsere christlichen Gemeinschaften, unsere Pfarrgemeinden, unsere kirchlichen Bewegungen leisten. Die Früchte dieser Evangelisierung gehören der ganzen Kirche: „Einer sät und ein anderer erntet“, hat Jesus gesagt (Joh 4, 37).

Diesbezüglich kann ich nur für das große Geschenk der Missionare danken, die ihr ganzes Leben der Verkündigung des Evangeliums bis an die äußersten Grenzen der Erde widmen. Gleichermaßen sage ich dem Herrn Dank für die Priester und Ordensleute, die sich ganz hingeben, damit Jesus Christus verkündet und geliebt werde. Ich möchte hier die jungen Menschen ermutigen, die von Gott berufen sind, sich mit Begeisterung in diesen Berufungen einzusetzen: „Geben ist seliger als nehmen“ (Apg 20, 35). Denen, die alles verlassen, um Ihm zu folgen, hat Jesus das Hundertfache und das ewige Leben versprochen (vgl. Mt 19,29).

Ich danke auch für alle gläubigen Laien, die sich bemühen, ihren Alltag dort wo sie sind, in der Familie oder bei der Arbeit, als Mission zu leben, auf dass Christus geliebt und ihm gedient werde und das Reich Gottes wachse. Ich denke vor allem an alle, die in den Bereichen der Erziehung, des Gesundheitswesens, der Unternehmen, der Politik und der Wirtschaft sowie in zahlreichen anderen Bereichen des Laienapostolats tätig sind. Christus bedarf Eures Engagements und Eures Zeugnisses. Nichts, weder Schwierigkeiten noch Unverständnis, mögen Euch davon abbringen lassen, das Evangelium Christi dorthin zu bringen, wo Ihr Euch befindet: jeder von Euch ist wertvoll im großen Mosaik der Evangelisierung!

8. „Hier bin ich, Herr!“

Abschließend möchte ich Euch, liebe Jugendliche, einladen, tief in Euch den Ruf Jesu zu vernehmen, sein Evangelium zu verkünden. Wie die große Christusstatue in Rio de Janeiro zeigt, ist sein Herz für die Liebe zu ausnahmslos allen offen, und seine Arme sind ausgebreitet, um jeden zu erreichen. Ihr seid das Herz und die Arme Jesu! Geht und bezeugt seine Liebe, seid die neuen Missionare, die von der Liebe und von der Annahme erfüllt sind! Folgt dem Beispiel der großen Missionare der Kirche, wie dem heiligen Franz Xaver und vielen anderen.

Am Ende des Weltjugendtages in Madrid habe ich einige Jugendliche aus verschiedenen Kontinenten gesegnet, die zur Mission aufgebrochen sind. Sie standen stellvertretend für viele junge Menschen, die den Propheten Jesaja wiedererklingen lassen und zum Herrn sagen: „Hier bin ich, sende mich!“ (Jes 6, 8). Die Kirche vertraut Euch und ist Euch zutiefst dankbar für die Freude und die Dynamik, die Ihr bringt: Nutzt Eure Fähigkeiten großherzig im Dienst für die Verkündigung des Evangeliums! Wir wissen, dass der Heilige Geist sich denen schenkt, die sich mit demütigem Herzen für diese Verkündigung bereit machen. Und habt keine Angst: Jesus, der Erlöser der Welt, ist mit uns alle Tage, bis zum Ende der Welt (vgl. Mt 28, 20).

Dieser Aufruf, den ich an alle jungen Menschen der Erde richte, gewinnt besondere Bedeutung für Euch, liebe Jugendliche in Lateinamerika! Die Bischöfe haben bei der V. Generalversammlung des lateinamerikanischen Episkopats, die 2007 in Aparecida stattgefunden hat, eine „kontinentale Mission“ angestoßen. Und die jungen Menschen, die in diesem Kontinent die Mehrheit bilden, stellen eine wichtige und wertvolle Kraft für die Kirche und für die Gesellschaft dar. Seid also Ihr die ersten Missionare! Nun, da der Weltjugendtag nach Lateinamerika zurückkehrt, rufe ich alle jungen Menschen des Kontinents auf: Gebt Euren Altersgenossen auf der ganzen Welt die Begeisterung Eures Glaubens weiter!

Die Jungfrau Maria, Stern der neuen Evangelisierung, die auch mit den Titeln „Unsere liebe Frau von Aparecida“ und „Unsere liebe Frau von Guadalupe“ angerufen wird, begleite einen jeden von Euch bei seiner Mission als Zeuge der Liebe Gottes. Allen erteile ich von ganzem Herzen meinen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 18. Oktober 2012

Benedikt XVI.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller