Weniger wäre mehr gewesen

James R. Brockmans Versuch einer Romero-Biografie überzeugt nicht. Von Barbara Stühlmeyer

Englisch ist eine prägnante Sprache. Dies gilt besonders für dessen amerikanische Ausprägung, die noch mehr als das britische Englisch auf konzise, eingängige und allgemeinverständliche Formulierungen setzt. Deshalb ist es erstaunlich und wohl auf die mangelhafte, von Maria-Antonia Fonseca-Vischer van Gaasbeek verantwortete Übersetzung zurückzuführen, dass die in dieser Sprache verfasste, vom Topos Verlag in zweiter überarbeiteter Ausgabe anlässlich der Seligsprechung Oscar Arnulfo Romeros edierte Biografie in ihrer deutschen Version eine schwer verdauliche Lektüre darstellt. Die Übersetzung strotzt vor unglücklichen, ganz sicher vermeidbaren Wortwiederholungen, ist oft erschreckend platt formuliert und nicht selten deutsch falsch. Dies ist umso erstaunlicher, da der Toposverlag im Gegensatz zu vielen anderen eigentlich mehrfach und sehr sorgfältig lektoriert.

Es wäre wohl nötig, die Biografie in der Originalsprache zu lesen, um ein qualifiziertes Urteil zu fällen, doch auch der Text selbst hat zahlreiche Schwächen. Der Jesuit James R. Brockman, bei dem man, seiner Ausbildung entsprechend, doch wohl die Fähigkeit hätte voraussetzen können, einen vernünftig konzipierten Überblick über das Leben Oscar Romeros und die Ereignisse bis hin zu seinem Martyrium zu schreiben, bietet einen wirren, durch eine schier unüberschaubare Vielzahl unwesentlicher Einzelheiten überladenen Text, bei dem man sich von Seite zu Seite mehr fragt, warum um Gottes willen der Autor den Lesern all dies erzählt. Anstatt große Linien zu ziehen, Entwicklungen konzis zu beschreiben, liefert Brookmann eine schülerhaft wirkende Nacherzählung enervierender zwischenmenschlicher Querelen. Dass er darüber hinaus sehr parteiisch ist, sollte nicht verschwiegen werden. Denn bei aller Sympathie für den schwierigen Weg Romeros, bei aller Bewunderung seines Einsatzes für die Unterdrückten seines Landes, war nicht jede seiner Handlungen so bewundernswert, wie der Autor es darstellt. So kann man beispielsweise, wie der damalige päpstliche Nuntius Erzbischof Gerada, der die Wahl des als konservativ und vermittelnd geltenden Romero zum Erzbischof von San Salvador ausdrücklich unterstützt hatte, zu Recht irritiert darüber sein, wenn ein katholischer Oberhirte es für ein gelungenes Zeichen der kirchlichen Solidarität und des politischen Protestes hält, an einem Sonntag bis auf eine alle Eucharistiefeiern in seiner Diözese zu untersagen. Dass die Entscheidung Romeros nach einem Diskussionsprozess im Konsens mit der Mehrheit erfolgte, sagt mehr über verfehlte Versuche innerkirchlicher Demokratie aus, als über die Richtigkeit dieses Vorgehens. Zu einer misslungenen Kommunikation trägt in der Regel mehr als ein Gesprächspartner bei und es wäre aus heutiger Sicht, in der wir in der Lage sind, so viel besser die Beweggründe aller Beteiligten zu verstehen, wohltuend gewesen, alle Standpunkte zu ihrem Recht kommen zu lassen. So aber entsteht bei der Lektüre zunehmend Unbehagen.

Der Leser wird Zeuge einer über Jahre geführten Auseinandersetzung der hässlichen Art und sieht sich mit einem Zerrbild der Kirche konfrontiert, das nicht zum Aufbau des Leibes Christi beiträgt. Um es ganz klar zu sagen: Hier geht es nicht darum, zu kritisieren, dass der Autor keinen Zweifel daran lässt, dass einige derjenigen, die Oscar Romero bei seinem aus tiefer Überzeugung und in der Schule des Evangeliums geleisteten bischöflichen Dienst entgegengetreten sind, unfair, im Hinblick auf die Botschaft Jesu Christi taub oder sogar bösartig waren. Aber es ist doch ärgerlich, dass der Leser die eigentlich dem Autor zukommende Arbeit der Ordnung, Sichtung und Deutung der Fakten angesichts des von James R. Brockman vorgelegten Wirrwarrs selbst vornehmen muss. Wer sich dieser Aufgabe stellt, weiß am Ende sicher mehr über die Verhältnisse in El Salvador in den 1970er Jahren. Die neue Edition der Romero Biografie war daher zweifellos gut gemeint. Gut ist sie aber leider nicht.

James R. Brockman: Oscar Romero. Anwalt der Armen. Eine Biografie. Topos premium, Kevelar, 439 Seiten,

ISBN 978-3-8367-0007-8, EUR 26,95