Wendepunkt im Lernprozess der Kirche?

Die Rede von Bruch und Paradigmenwechsel dominierte die Wiener Konferenz über „50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil“. Von Stephan Baier

Der Abschluss des Konzils, das viele nur als Etappenziel auf dem Weg zu weiteren Reformen ansahen. Foto: KNA
Der Abschluss des Konzils, das viele nur als Etappenziel auf dem Weg zu weiteren Reformen ansahen. Foto: KNA

Wien (DT) Von „Paradigmenwechsel“, von Neuem und von Brüchen war viel die Rede bei der mit „Erinnerung an die Zukunft“ überschriebenen Tagung der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien über das Zweite Vatikanische Konzil. So meinte der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück einleitend: „Beinahe wäre das Konzil zu Ende gewesen, bevor es richtig begonnen hatte.“ Doch dann hätten die Bischöfe sich geweigert, die vorformulierten Texte einfach zu approbieren, hätten selbst „Kompromisstexte“ geschaffen, die den einen zu weit, den anderen nicht weit genug gingen. „Der aktuelle Streit um die Zukunft der Kirche ist auch ein Streit um die Deutung des Konzils“, so Tück, der den „dialogischen Aufbruch des Konzils derzeit gefährdet“ sieht.

„Communicatio in sacris als Fastfood?“

Die dreitägige Wiener Konferenz und ihre 19 Vorträge konzentrierten sich auf die vier Konstitutionen des Konzils über Liturgie, Kirche, Offenbarung und die Kirche in der Welt von heute. Der Tübinger Dogmatiker Peter Hünermann meinte, das Zweite Vaticanum habe „die Katholizität der Kirche in neuer Weise aufgedeckt“. Das Konzil sei veranlasst gewesen durch die Moderne, doch waren die Konzilsväter „weitgehend geprägt von der Neuscholastik“ und hätten darum „eine philosophische Analyse der neuen Zeit“ nicht zustande gebracht. Konfrontiert mit einer Situation, in der sich die Massen von der Kirche abwenden, habe das Zweite Vaticanum „eine theologische Besinnung auf die gesamte Traditionsgeschichte der Kirche“ gewagt. Hünermann verteidigte in Wien seine von Papst Benedikt XVI. öffentlich kritisierte These, das Konzil habe „konstituierende Texte geschaffen“. Solche „konstituierenden Texte des Glaubens sind sinnvoll für vernünftige, freiheitliche Regelsetzungen“. „Lumen gentium“, „Dei verbum“ und „Gaudium et spes“ würden in diesem Sinn „ein Gefüge“ bilden. Daneben traf das Konzil Hünermann zufolge „konkrete Entscheidungen, an denen auch der theologisch Ungebildete sehen könne, worum es dem Konzil geht“. So werde klar „Abschied genommen von 1 700 Jahren Staatskirche“ durch das Dekret über die Religionsfreiheit, „Abschied von tausend Jahren des Schismas von Ost und West“, in denen sich im Westen „eine monokulturelle Kirche“ herausgebildet habe, „Abschied von der Konfessionskirche“, weil im Gegensatz zum Konzil von Trient nicht mehr das Abgrenzende, sondern das Verbindende in den Mittelpunkt gestellt werde. Hünermann wörtlich: „Da kommt etwas gänzlich Neues zustande.“

Der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards betonte, dass Liturgie in der Sicht des Konzils zunächst Heilshandeln Gottes durch Christus an den Menschen sei, und erst in zweiter Hinsicht Antwort der Kirche darauf. Die vorrangige Befassung mit der Liturgie beruhe darauf, dass die Gottesverehrung aller Reflexion über Gott vorgeordnet sei. In den Jahrzehnten der Liturgiereform sei der von „Sacrosanctum concilium“ (SC) betonte „Topos der himmlischen Liturgie“ vernachlässigt worden. Der Vorwurf, das Göttliche, das Mysterium zu wenig betont zu haben, sei „in der Praxis von heute berechtigt“. Die große theologische Leistung von SC bestehe darin, die Einheit von göttlichem und menschlichem Wirken, von gnadenhaftem und kultischem Geschehen herausgestellt zu haben.

Mit der Lehre von der „tätigen Teilnahme“ aller Gläubigen sanktioniere das Konzil eine Theologie, „die vom Lehramt bis dahin nicht vorgelegt wurde“. Das „mysterium paschale“ werde in der Liturgie gegenwärtig, und die Gläubigen antworten darauf durch „tätige Teilnahme“. Diese sei aber durch die Muttersprache und die Umdrehung der Zelebrationsrichtung alleine nicht zu erreichen. Die Spannung zwischen Göttlichem und Menschlichem dürfe nicht einseitig aufgelöst werden. „Communicatio in sacris als Fastfood?“, fragte Gerhards, der betonte, dass Schwellen notwendig seien, weil Heiliges sonst nicht mehr als heilig erlebt werde. Die nachkonziliare Liturgie werde „teilweise katechetisch überfrachtet“. Auch sei das „liturgie-didaktische Problem bis heute ungelöst“, weil man meinte, es gehe nur um eine Reform der Bücher. Gerhards warnte zugleich vor einer „neuerlichen Reduktion auf das Tun des Priesters“, was weder der Communio-Theologie des Konzils noch seiner Forderung nach „tätiger Teilnahme“ gerecht werde.

In der gegenwärtigen Entwicklung nehme „der Geist des Bewahrens überhand“, warnte der Wiener Pastoraltheologe Johann Pock. „Liturgie ist Seelsorge“, so sein Axiom. Das Anliegen der liturgischen Erneuerung ist Pock zufolge auch 50 Jahre nach Beginn des Zweiten Vaticanums nicht ans Ziel gekommen. Es gebe die „Gefahr der Erstarrung“, so kehre derzeit „der Topos der sakralen Sprache zurück“. Der Wiener Liturgiewissenschaftler Hans-Jürgen Feulner zeigte, dass die Bekämpfung von Missbräuchen durch das Konzil von Trient zu einer liturgischen Vereinheitlichung führte, sich aber Sonderriten regional (so der ambrosianische Ritus in Mailand) oder in Orden (etwa bei den Kartäusern) erhielten. Die Einheit der Liturgie müsse eine Vielheit der Riten und Ausdrucksformen erlauben, etwa für die Katholiken aus der anglikanischen Tradition oder in der „außerordentlichen Form des römischen Ritus“.

Theobald: Das Konzil hatte „transitorischen Charakter“

Der Freiburger Dogmatiker und Liturgiewissenschaftler Helmut Hoping unterstrich, dass das Konzil eine behutsame Reform in Kontinuität der Tradition der Kirche gewollt habe. Dabei sei die Theologie des Paschamysteriums der tragende Gedanke gewesen. Das Konzil habe den Opfercharakter der Messe nicht in Frage gestellt, sondern betont, dass sich im Opfer der Messe das Werk unserer Erlösung vollzieht und das ganze liturgische Jahr vom Paschamysterium her zu verstehen ist. In der Rezeption sei allerdings der Mahlcharakter der Eucharistie stärker betont worden. „Die Entwicklung der Liturgie war vom Bild der versammelten Gemeinde überlagert.“ Bei der „Reform der Reform“ gehe es nun nicht um eine liturgietheologische Kehrtwende, sondern darum, dass Liturgie stets „vor allem Anbetung Gottes“ ist.

Als „gigantischen Lernprozess“ bezeichnete der an der Jesuiten-Hochschule in Paris lehrende Dogmatiker Christoph Theobald das Zweite Vaticanum, dem er einen „transitorischen Charakter“ zusprach. Die Communio-Theologie sei die zentrale Idee von „Lumen gentium“ gewesen. „Brennende Einzelfragen“ seien in LG ausgeklammert worden, weshalb das Lehramt bestimmte „Lücken“ nun „mittels theologischer Rückschlüsse“ und aus „partikulären Interessen“ zu füllen suche. Die „These“ der Glaubenskongregation vom ontologischen und theologischen Vorrang der Universalkirche vor den Ortskirchen bezeichnete Theobald als einen solchen „Versuch, die Leerstellen des Konzils ex auctoritate zu füllen“. In LG machte er offene Fragen, Kompromisse, „Schwächen und Leerstellen“ sowie die „Überlagerung unterschiedlicher Vokabulare“, ja sogar „verschiedene Ekklesiologien des Konzils“ aus, zugleich aber auch „Ansätze für einen Paradigmenwechsel“. Theobalds Fazit: „Der kollektive Lernprozess der Kirche läuft weiter.“

Der Wiener Dogmatiker Tück versuchte dies exemplarisch sichtbar zu machen an der „Abkehr vom Heilspartikularismus“, wie er in dem Satz „extra ecclesiam nulla salus“ zum Ausdruck gekommen sei. Zwar habe das päpstliche Lehramt schon zuvor den jansenistischen Satz „außerhalb der Kirche keine Gnade“ zurückgewiesen, doch habe erst das Zweite Vaticanum – vorbereitet durch Balthasar, Rahner und de Lubac – den Heilspartikularismus durch den Heilsuniversalismus ersetzt. Ein „Perspektivenwechsel“, der ein gestuftes Kirchenmodell ermöglichte, wie Tück fand: Die Kirche Jesu Christi sei in der katholischen Kirche verwirklicht, aber nicht mit ihr ident. Getaufte Nichtkatholiken würden nun als getrennte Brüder bezeichnet, nicht mehr als Häretiker und Schismatiker. Die Kirchenspaltung reiche also „nicht bis an die Wurzel“. Weil der Geist Christi in allen wirke, könne auch die Begegnung mit den anderen den Christen helfen, ihr Eigenes bessern zu verstehen.

Marianne Schlosser, Professorin für Theologie der Spiritualität in Wien, bezeichnete die allgemeine Berufung zur Heiligkeit als zentrale Lehre und „Wiederentdeckung“ der Kirchenkonstitution, welche aber „nicht rezipiert, sondern verschlafen worden“ sei. Der Ausgangspunkt für die Heiligkeit in der Kirche sei immer die Heiligkeit – das Gott-Gehören – der Kirche selbst: „Aus der Heiligkeit des Ganzen resultiert die Aufgabe der Getauften zur Heiligkeit.“ Treffender als vom „allgemeinen“ sei vom „gemeinsamen Priestertum“ der Getauften zu sprechen, weil nicht die Einzelnen, sondern die organische Ganzheit priesterlich sei: „Die Getauften haben teil am priesterlichen Sein der Gemeinschaft, in die sie hineingetauft sind“, so Schlosser. So sei das Streben nach Heiligkeit keine rein individuelle Sache, sondern eine Verpflichtung gegenüber der Kirche als Ganzer und zugleich ein Beitrag zu einer humaneren Welt.

Fuchs: Heilsradius nicht an Glaubensradius binden

Der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding sah die Offenbarungskonstitution als „voller Spannungen, Unausgeglichenheiten und Widersprüche“. Wie Hünermann plädierte er für eine „narrative Exegese von Dei verbum, gegen die satzhafte Wahrheitssuche“. Die Schriftreferenzen der Konstitution seien „nicht dekorativ, sondern argumentativ“. Das Konzil verwende die Exegese nicht, um materiale Glaubensinhalte biblisch zu begründen“. Es sehe die Bibel als „traditio scripta“, doch habe ein solcher „expansiver Traditionsbegriff“ den Nachteil, dass die Schrift nicht mehr traditionskritisch wirken könne. Das Zweite Vaticanum habe nicht einfach die historisch-kritische Exegese adaptiert, sondern „auf dem damaligen Stand der Forschung alle Methoden approbiert“. Die historisch-kritische Exegese sei „notwendig, aber nicht hinreichend“, weil sie immer historisierend sei, so Söding.

Auf das Verhältnis von Glaube und Unterdrückung beziehungsweise Religion und Angst ging der Tübinger Theologe Ottmar Fuchs ein. Er sprach von der Unbedingtheit der Liebe Gottes nicht nur zu jenen, die ihn schuldlos nicht finden, sondern gerade auch zu denen, die schuldig geworden sind: „Gottes Liebe umgreift alle Negationen zu sich selbst.“ Die Botschaft von der universalen und unbedingten Liebe Gottes habe die Menschen zu wenig erreicht. Der Gottesglaube sei in dem Sinne unnötig, dass er „reines Geschenk, reine Gnade“ sei. Deshalb sei „der Heilsradius nicht an den Glaubensradius zu binden“. Der Glaube sei „so überflüssig wie der Wein im Verschwendungswunder von Kana“.

Jenseits der Konstitutionen des Konzils widmete sich der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff der „Erklärung über die Religionsfreiheit“ (Dignitatis humanae). Sie sei nach heftigen Kontroversen „mit erstaunlich großer Mehrheit verabschiedet“ worden – ein „Testfall für den Willen des Konzils zur Neubestimmung des Verhältnisses zur modernen Welt“. Mit der Verpflichtung des Menschen zur Wahrheitssuche sei die Freiheit in der Wahrheitssuche notwendig verbunden. Die Würde der Person verlange, dass der Mensch die Wahrheit suchen und ihr auch folgen könne. Schockenhoff sieht darin einen „Paradigmenwechsel vom Recht der Wahrheit zum Recht der Person“. Dies sei keine Anpassung oder Anbiederung der Kirche an die Zeit, sondern eine Befreiung der Kirche aus den Sackgassen, in die sie durch den Abwehrkampf gegen den Modernismus gekommen sei. Schockenhoff hob hervor, dass auch Papst Benedikt XVI. Diskontinuitäten nicht leugne, da er nicht für eine „Hermeneutik der Kontinuität“, sondern für eine „Hermeneutik der Reform“ anstelle der „Hermeneutik des Bruchs“ plädiert habe. „Das Konzil hat sich von der Erstarrung befreit, indem es die gesamte Tradition der Kirche in den Blick nahm“, meinte Schockenhoff.