Weit mehr als eine Globalisierungsenzyklika

Die humane Entwicklung jeder Gesellschaft entscheidet sich am Umgang mit der Technik der Biomedizin – Anmerkungen zu Caritas in veritate

Mehr als zwei Jahre wurde daran gearbeitet, mehr als eineinhalb Jahre lang war sie angekündigt worden, die erste Sozialenzyklika Benedikts XVI. Sie sollte Fragen der Globalisierung behandeln und auch auf die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise eingehen, die seit Herbst 2008 die Welt in Atem hält. Am 22. November 2007 sprach Kardinal Martino, der Präsident des Päpstlichen Rates Justitia et Pax, bei der Eröffnung eines Kongresses zum 40jährigen Jubiläum von Populorum progressio in Rom zum ersten Mal öffentlich von der neuen Enzyklika, dann wieder und wieder bei den Vollversammlungen der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften 2008 und 2009, bei der Vorstellung der Botschaft zum Weltfriedenstag 2009 und bei anderen Gelegenheiten. Am 29. Juni 2009 wurde sie von Papst Benedikt XVI. endlich unterschrieben und am 7. Juli 2009, einen Tag vor dem G8 Gipfel in Italien, der Öffentlichkeit übergeben.

Mit der Globalisierung die Unterentwicklung überwinden

Gewiss lässt die neue Enzyklika spüren, dass sie nicht nur die Handschrift Benedikts trägt wie dies bei seinen beiden ersten Enzykliken Deus caritas est (2005) – im übrigen auch schon ein halbe Sozialenzyklika – und Spes salvi (2007) der Fall war. Sie vereint eine Reihe von Beiträgen und Perspektiven, die der Päpstliche Rat Justitia et Pax zu koordinieren hatte und die nicht immer restlos harmonieren. Aber das ist für eine Sozialenzyklika nichts Ungewöhnliches, soll sie doch nicht nur Prinzipien, Richtlinien und Normen für die gesellschaftliche und globale Ordnung liefern, sondern auch Anwendungen dieser Normen aufzeigen, die, je konkreter sie werden, desto kontroverser sein können. Doch davon später mehr.

Die Enzyklika Caritas in veritate ist ein großer Wurf. Sie ist ein Dokument, das an vielen Stellen auch die Handschrift Benedikts verrät – schon im Titel und in allem, was sie zur Bedeutung der Liebe in der Wahrheit und der Wahrheit in der Liebe sowie zu der vom Glauben erleuchteten Vernunft auch für die Gestaltung der Gesellschaft und der Globalisierung sagt. Sie ist kein antikapitalistisches Manifest, wie Gysi, Geisler und Kleber im ZDF in ersten Reaktionen behaupteten. Sie ist ein großartiges Plädoyer für die Entwicklung des ganzen Menschen und aller Menschen, das alle überraschen mag, die von Globalisierungsängsten geplagt sind. Und sie ist ein ungewöhnliches Zeugnis für eine Neuakzentuierung der katholischen Soziallehre, die vielerorts, vor allem in Deutschland, noch ignoriert wird, eine Neuakzentuierung, die nicht in den Finanzmärkten, der Ressourcenverteilung oder dem richtigen Verhältnis von Markt und Staat die entscheidenden Weichenstellungen für die Zukunft der Menschheit sieht, sondern in den biomedizinischen Entwicklungen, die die Menschheit vor die Wahl zwischen einer Kultur des Lebens und einer Kultur des Todes stellen.

Ausgangspunkt der neuen Enzyklika ist das 40jährige Jubiläum von Populorum progressio, jener Enzyklika, mit der Papst Paul VI. 1967 erstmals nach der Entkolonialisierung ein großes Plädoyer für eine gerechte, friedliche und humane Entwicklung der Dritten Welt und für ein globales Gemeinwohl lieferte. Indem er Populorum progressio einer Relecture unterzieht und als „Rerum novarum“ unserer Zeit bezeichnet, bringt Benedikt die Bedeutung dieser Enzyklika für die Globalisierung und für die Soziallehre der Kirche zum Ausdruck. Doch seit Populorum progressio hat die Globalisierung eine damals nicht voraussehbare Dynamik entfaltet – mit großen Chancen, aber auch Gefahren für die Menschheit.

Wie schon Johannes Paul II. stellt auch Benedikt XVI. fest, dass die Globalisierung a priori weder gut noch schlecht sei. „Sie wird das sein, was die Menschen aus ihr machen.“ Aus dieser Feststellung aber nun den Schluss zu ziehen, es wäre gleichgültig, ob Globalisierung stattfindet oder nicht, wäre ein verhängnisvoller Irrtum. Der Mensch ist konstitutiv zur Entwicklung berufen. Die Vorstellung einer Welt ohne Entwicklung und das heißt ohne Globalisierung drücke „Misstrauen gegenüber dem Menschen und gegenüber Gott“ aus. Caritas in veritate hält fest, „dass die Entwicklung ein positiver Faktor war und weiterhin ist, der Milliarden von Menschen aus dem Elend befreit und in letzter Zeit vielen Ländern die Möglichkeit gegeben hat, wirksame Partner der internationalen Politik zu werden“. Der Prozess der Globalisierung war der „Hauptantrieb für das Heraustreten ganzer Regionen aus den Unterentwicklung“. Er mache weltweit „eine noch nie dagewesene große Neuverteilung des Reichtums möglich“. Er sei deshalb eine große Chance.

Das Subsidiaritätsprinzip erhält einen neuen Akzent

Aber die Natur des Menschen ist ambivalent, das heißt ebenso fähig zu destruktivem wie zu konstruktivem Handeln. Zu übersehen, dass der Mensch eine solche ambivalente, „verwundete, zum Bösen geneigte Natur“ hat, führe auch in Wirtschaft und Politik zu „schlimmen Irrtümern“. So habe die Globalisierung auch neue Formen von Kolonialismus, Abhängigkeit und Marktabschottung, aber auch „schwerwiegende Verantwortungslosigkeiten“ in den Ländern der Dritten Welt mit sich gebracht. Korruption und Illegalität gebe es im Verhalten wirtschaftlicher und politischer Eliten in den „alten und neuen reichen Ländern ebenso wie in den armen Ländern selbst“. Der Zugang zu Arbeit, Nahrungsmitteln und Wasser sei nach wie vor sehr ungleich verteilt. Das massive Anwachsen der relativen Armut untergrabe nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern gefährde auch die Demokratie. Nur knapp geht die Enzyklika auf den globalisierten Kapitalmarkt ein und kritisiert kurzfristige Spekulationen, die den langfristigen Bestand von Unternehmen und die Anbindung des Kapitalmarktes an die Realwirtschaft außer Acht ließen. Hier war das vom Päpstlichen Rat Justitia et Pax 2004 veröffentlichte Kompendium der Soziallehre der Kirche schon weiter, das in den Ziffern 368 und 369 das Risiko der Finanzkrise in geradezu prophetischer Weise kritisierte: „Die Entwicklung des Finanzwesens, dessen Transaktionen den Umfang der realen Transaktionen schon längst hinter sich gelassen haben, läuft Gefahr, einer immer stärker auf sich selbst bezogenen Logik zu folgen, die nicht mehr auf dem Boden der wirtschaftlichen Realität steht. Eine Finanzwirtschaft, die zum Selbstzweck wird, ist dazu bestimmt, ihren Zielsetzungen zu widersprechen, weil sie sich von ihren eigenen Wurzeln und dem eigentlichen Grund ihres Bestehens, das heißt von ihrer ursprünglichen und wesentlichen Aufgabe löst, der realen Wirtschaft und damit letztlich der Entwicklung der menschlichen Personen und Gemeinschaften zu dienen.“

Die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise verlangt eine neue und vertiefte Reflexion über den Sinn der Wirtschaft und die Rolle des Staates und der Zivilgesellschaft. Dazu will Caritas in veritate einen Beitrag leisten. Die Enzyklika kritisiert zwar die Wirtschaft, genauer die Unternehmen und die Banken, wegen der Gemeinwohlvergessenheit einer kurzfristigen Gewinnorientierung, aber sie verteidigt die Wirtschaft auch gegen jeden Pauschalverdacht, „antisozial“ zu sein. Der Markt sei „nicht ein Ort der Unterdrückung der Armen durch den Reichen“. Die Gesellschaft müsse sich „nicht vor dem Markt schützen, als ob seine Entwicklung ipso facto zur Zerstörung wahrhaft menschlicher Beziehungen führen würde“. Benedikt XVI. hält auch nichts davon, besondere ethische Nischen im Bereich der Ökonomie oder des Finanzwesens ausfindig zu machen. Es kommt ihm vielmehr darauf an, „dass die gesamte Wirtschaft und das gesamte Finanzwesen ethisch sind und das nicht nur durch eine äußerliche Etikettierung, sondern aus Achtung vor den ihrer Natur selbst wesenseigenen Ansprüchen“. Nebenbei kritisiert die Enzyklika hier den inflationären Gebrauch des Adjektivs „ethisch“, mit dem oft ganz verschiedene Inhalte bezeichnet werden und das deshalb einer „gewissen Abnutzung“ unterliege. Eine Wirtschaftsethik, die von der Würde der Person und der transzendenten Verankerung der moralischen Normen absehe, laufe Gefahr, „zu einer Funktion für die bestehenden Wirtschafts- und Finanzsysteme zu werden, statt zum Korrektiv ihrer Missstände“. Aber der Markt, der wie schon von Johannes Paul II. in Centesimus annus so vehement verteidigt wird, ist in kulturelle Gegebenheiten eingebettet, die ihm seine konkrete Prägung geben.

Der ganzheitliche Menschen ist zutiefst gefährdet

Diese kulturellen Gegebenheiten mitzugestalten, für wahrhaft menschliche Beziehungen in Freundschaft und Gemeinschaft, Solidarität und Gegenseitigkeit auch innerhalb der Wirtschaft zu sorgen, dazu seien die Christen aufgerufen. In diesen Passagen der Enzyklika lässt sich die Handschrift von Stefano Zamagni, einem Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Bologna, und auch der Einfluss der „Wirtschaft in Gemeinschaft“ genannten Wirtschaftsphilosophie der Fokolar-Bewegung vermuten.

Die Aufforderung der Enzyklika an Unternehmer und Banker zu einer verstärkten Orientierung am Gemeinwohl liegt sicher in der Tradition der katholischen Soziallehre. Das tiefgreifende Umdenken nötige dazu, nicht nur auf den shareholder value, das heißt auf die Interessen der Eigentümer zu blicken, sondern alle Personen im Auge zu behalten, die zum Gedeihen des Unternehmens beitragen: Arbeitnehmer, Kunden, Lieferanten und die das Unternehmen umgebende Gemeinde.

Eine besondere Aufmerksamkeit widmet die Enzyklika der Rolle des Staates. „Gründe der Weisheit und der Klugheit raten davon ab, vorschnell das Ende des Staates auszurufen.“ Hinsichtlich der Lösung der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise zeichne sich sogar „ein Wachstum seiner Rolle ab, indem er viele seiner Kompetenzen wiedererlangt“. Welche Kompetenzen gemeint sind, sagt die Enzyklika leider nicht. Mit Recht weist sie aber darauf hin, dass es Länder gibt, in denen das Fehlen einer gefestigten politischen Autorität ein Entwicklungshindernis ist. Diesen Ländern müsse geholfen werden, funktionierende „Verfassungs-, Rechts- und Verwaltungssysteme“ zu errichten, wenn die Entwicklung in humane Bahnen gelenkt werden soll.

Aber die Enzyklika fordert nicht nur funktionierende Rechtsstaaten, sie fordert wie schon Papst Johannes XXIII. in Pacem in terris eine „echte politische Weltautorität“. Aufgabe dieser Weltautorität sei es unter anderem, „die Weltwirtschaft zu steuern“. Mit dieser Forderung, auf die sich alle Medien in der Berichterstattung gleich stürzten, überhebt sich die Enzyklika nicht nur, sie verwickelt sich in Widersprüche zum einen mit ihrem Plädoyer für eine globale Marktwirtschaft, die, würde sie zentral gelenkt, keine Marktwirtschaft mehr wäre, und zum anderen mit der Beschreibung dieser Weltautorität einige Seiten zuvor als„subsidiär und polyarchisch“. Eine subsidiäre und polyarchische, also von vielen Entscheidungszentren ausgehende Autoriät ist aber keine „echte Weltautorität“ mehr. Die Ziffern 57 und 67 der Enzyklika harmonieren nicht. Wenn man am Subsidiaritätsprinzip festhält, sollte man nicht mehr eine politische Weltautorität fordern. Einen neuen und sicher bald der Vergessenheit anheim gegebenen Akzent verleiht die Enzyklika freilich dem Subsidiaritätsprinzip. Sie plädiert für eine „steuerliche Subsidiarität“ und meint damit das Recht des Bürgers, „über den Bestimmungszweck von Anteilen ihrer dem Staat erbrachten Steuern zu entscheiden“. So etwas gibt es bei der Kirchen- oder Kultursteuer in Italien und Spanien. Die Enzyklika erhofft sich davon einen höheren Etat für die Entwicklungshilfe. Aber man wird gegen den Vorschlag einer „steuerlichen Subsidiarität“ einwenden müssen, dass er die parlamentarische Demokratie mit der Budgethoheit des Parlaments in Frage stellt und im übrigen dem Populismus in der Politik Tür und Tor öffnet.

Eine, ja die zentrale Botschaft der Enzyklika ist die Feststellung, dass sich die humane Entwicklung jeder Gesellschaft am Umgang mit der Technik der Biomedizin entscheidet. „Der wichtigste und entscheidende Bereich der kulturellen Auseinandersetzung zwischen dem Absolutheitsanspruch der Technik und der moralischen Verantwortung des Menschen ist heute die Bioethik, wo auf radikale Weise die Möglichkeit einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung selbst auf dem Spiel steht.“ Hier stehe man „vor einem Entweder-Oder“. Schon Paul VI. habe in der Enzyklika Humanae vitae die „starken Verbindungen“ aufgezeigt, „die zwischen der Ethik des Lebens und der Sozialethik bestehen“. Johannes Paul II. habe dies in Evangelium vitae unterstrichen. Mit Nachdruck müsste die Kirche diesen Zusammenhang zwischen der Ethik des Lebens und der Sozialethik, der auch in der Stellungnahme des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zu Caritas in veritate übergangen wurde, betonen. Die Plage der Abtreibung, die eugenische Geburtenplanung, die Akzeptanz der Euthanasie, die Entwicklung und Förderung der künstlichen Befruchtung, der Embryonenforschung und des Klonens förderten eine Kultur des Todes. Die soziale Frage sei deshalb heute „in radikaler Weise zu einer anthropologischen Frage geworden“. Diese Feststellung ist die große Innovation der Sozialenzyklika Benedikts XVI., an deren Fruchtbarmachung die Sozialethik und die Kirche in Deutschland noch lange zu arbeiten haben.