Wegbereiter der Versöhnung: Lebensdaten

Auf den Spuren von Abbé Franz Stock: Impressionen von einer Pilgerreise nach Chartres anlässlich des 50. Jahrestages der Umbettung der Gebeine. Von Katrin Krips-Schmidt

Mont Valérien: In diese Mulde begleitete der Gefangenenseelsorger Abbé Stock Widerstandskämpfer und Geiseln auf ihrem letzten Weg. Foto: Krips-Schmidt
Mont Valérien: In diese Mulde begleitete der Gefangenenseelsorger Abbé Stock Widerstandskämpfer und Geiseln auf ihrem le... Foto: Krips-Schmidt

Chartres (DT) „Franz Stock ist nicht nur ein Name – er ist ein Programm“. Das sagte der von 1944 bis 1953 in Paris residierende Apostolische Nuntius Giuseppe Roncalli über den „Apostel des Friedens und der Versöhnung“ bei dessen Totenfeier am 28. Februar 1948 – und auch später wurde dieser Ausspruch oft zitiert. Der in Frankreich hochverehrte „Erzengel in der Hölle“ stand am vergangenen Wochenende im Mittelpunkt eines festlich begangenen Jubiläums: des 50. Jahrestages der Umbettung seiner Gebeine vom Armenfriedhof in Thiais bei Paris nach Rechevres. In diesem Stadtteil von Chartres fanden Abbé Stocks sterbliche Überreste am 15./16. Juni 1963 ihre letzte Ruhestätte in der damals neu erbauten Friedenskirche St. Jean Baptiste.

Mit den Worten, mit denen der spätere Johannes XXIII. Franz Stock würdigte, spielte er auf eine vom kurz zuvor im Ruf der Heiligkeit Verstorbenen vermittelte Botschaft an, die als prophetisch zu bezeichnen ist. Stock sagte anlässlich der Schließung des Stacheldrahtseminars: „Die von Gott gewollte Zahl Heiliger genügt, eine Zeit zu retten. Heilige, die sich selbst dieser Berufung verschreiben und die in Tugenden die Wirksamkeiten unserer Zeit verwandeln. Heilige, die, wenn sie auf die Liebe der Menschen verzichten, wissen, auf was sie verzichten, die durch das Schau- und Beispiel ihres Lebens den Weg der menschlichen Ordnung leben. Heilige, die keine Angst vor Katastrophen noch Revolutionen haben, die aber jede Gelegenheit benutzen und ihr ganzes Sein auf das zweite Kommen des Erlösers ausrichten.“

Ebenfalls ein „Programm“ im Sinn, doch in der Bedeutung einer Vielzahl von Veranstaltungen, hat eine Gruppe mit gut hundert Teilnehmern, als sie sich am vergangenen Freitag auf den Weg macht, um auf der vom Franz-Stock-Komitee organisierten Fahrt „auf den Spuren Franz Stocks zu wandeln“. Am Bahnhof von Neheim (heute ein Stadtteil von Arnsberg) im Sauerland verlässt sie – früh um sechs – mit zwei Bussen Abbé Stocks Geburtsort. Auf den Weg machen sich Männer wie Frauen, Ehepaare wie Alleinreisende, Junge wie Alte – die Jüngste ist vierzehn, der Älteste 88 Jahre alt.

Nach 630 Kilometern und neuneinhalb Stunden wird das erste Etappenziel erreicht: der Mont Valérien im Westen von Paris. Der nationale Gedenkort soll das Gedächtnis wachhalten an die Hinrichtungsstätte der deutschen Besatzungsmacht. Diese ließ hier in den Jahren 1941 bis 1944 französische Widerstandskämpfer und Geiseln erschießen. Abbé Stock hielt in seinem noch erhaltenen Tagebuch fest, dass er auf Wunsch der Opfer bei 863 solcher Exekutionen anwesend war, um ihnen Trost zu spenden.

Er spendete den zum Tode Verurteilten Trost

Die Pilger erklimmen die Treppen zum 162 Meter hohen Hügel, und sie besichtigen eine Dauerausstellung mit den Briefen der dem Tode Geweihten an ihre Angehörigen, die sie kurz vor der Vollstreckung des Urteils noch geschrieben haben. In einer Kapelle sind die Hinrichtungspfähle zu sehen, sowie Holzsärge, auf denen die Verurteilten im Lastwagen sitzend den Weg um drei Uhr nachts zurücklegten – Dokumente des Grauens, die hier niemanden unberührt lassen.

Am Abend gelangen die Wallfahrer an ihr eigentliches Ziel: Chartres. Die vor allem wegen ihrer Kathedrale bekannte Stadt ist auch der Ort, an dem Abbé Stock zuletzt wirkte und wo er nun seit fünfzig Jahren begraben ist, 80 Kilometer südwestlich der französischen Hauptstadt. Hier finden auf Betreiben des Bischofs von Chartres, Michel Pansard, zahlreiche Vorträge, Diskussionen, Theater- und Filmvorführungen über Franz Stock und Konzerte statt, dazu eine Gebetswache der Jugendlichen und – natürlich – Festakte, die Einweihung eines Franz-Stock-Platzes und immer wieder offizielle Ansprachen.

Und so lenken sie ihre Schritte meistens in größeren Grüppchen durch die gepflasterten, verwinkelten Gassen der Stadt vorbei an adretten Plätzen und pittoresken Fachwerkhäuschen mit hochgewachsenen Rosensträuchern in den kleinen Vorgärten.

Im Vordergrund steht bei allen Veranstaltungen Abbé Stocks Bedeutung für die Aussöhnung zwischen Franzosen und Deutschen, seine Rolle als „Wegbereiter für Europa“. So auch bei der offiziellen Ehrung am Samstag auf dem „Place Abbé Stock“, bei der die deutsche Botschafterin in Frankreich, der Bischof von Chartres, der Präfekt des Departements Eure-et-Loire ihre Ansprachen halten, in denen vom „Humanismus“, von der „Humanität“ Franz Stocks – in einem weltlichen Sinne – die Rede ist.

Ein Seelsorger, der den anderen gelten ließ

„Gott, Glauben, Heiligkeit“ – das sind jedoch die Fundamente, auf denen Stocks christliche Nächstenliebe für die ihm im Gefängnis Anvertrauten beruht, gleich, welcher Nation oder welchen Bekenntnisses sie waren. Sie finden sich beim Vortrag „Franz Stock – Ein Leben im Glauben verwurzelt und in Diensten des Nächsten, von Gott zur Heiligkeit berufen“ von Professor Rüdiger Althaus schon im Titel. Er ist der Beauftragte des Erzbistums Paderborn für die Durchführung des sogenannten „Informativprozesses“ beim Seligsprechungsverfahren. 130 bis 140 Augenzeugen hat er dafür befragt, die meisten davon sind ehemalige Seminaristen aus dem Stacheldrahtseminar: „Insgesamt zeichnet sich das Bild ab, dass diese Personen alle in einer ganz besonderen Weise von ihm beeindruckt, ja inspiriert sind“, sagt Althaus über Franz Stock.

Dieter Lanz, Jahrgang 1923, ist einer dieser „Chartrenser“, die 1945 als Kriegsgefangene in das von Abbé Stock als Regens betreuten Seminar in Le Coudray kamen. Als einer der wenigen noch Lebenden, die Stock persönlich kannten, ist auch er aus Deutschland nach Chartres gereist und hält das Gedenken an den Mann aufrecht, dem er nur kurze Zeit begegnet ist. Doch selbst in diesen wenigen Monaten hat Abbé Stock einen prägenden Einfluss ausgeübt. Der ehemalige Lehrer erinnert sich: „Ich glaube schon, dass auch die meisten anderen, die nicht Priester geworden sind, ganz entscheidende Impulse empfangen haben für ihre weitere Entwicklung im Leben. Stock war allen anderen Menschen sehr zugänglich. Er war eine Persönlichkeit, die sich selber sehr zurücknahm und lieber den anderen gelten ließ.“

Die im dreizehnten Jahrhundert erbaute Kathedrale von Chartres, die sich als monumentales Bauwerk über den Dächern der Stadt erhebt, wird in diesen Tagen mehrfach das Ziel der Pilger sein. Geistlicher Höhepunkt ist das hier am Sonntagvormittag zelebrierte Pontifikalamt, an dem mehrere Bischöfe aus Deutschland und Frankreich teilnehmen, so Erzbischof Heinz-Josef Becker aus Paderborn sowie die Oberhirten von Chartres, Tours, Le Mans, Troyes, Autun und der Apostolische Nuntius in Frankreich. Der wie Abbé Stock ebenfalls aus dem Bistum Paderborn stammende Kardinal Cordes hatte seine Teilnahme wegen Krankheit kurzfristig abgesagt. Er wird von Kardinal André Vingt-Trois vertreten, der dem Gottesdienst vorsteht. In seiner Predigt würdigt der Pariser Erzbischof das Opfer Franz Stocks, der sich selbst als „Opfergabe“ dargebracht hat um der Verzeihung und Versöhnung willen, damit sich in den Menschen ein Sinneswandel vollziehe, sich zu vergeben und einander nicht mehr zu hassen.

Danach geht es zu einem Imbiss in das vor den Toren von Chartres gelegene Stacheldrahtseminar, wo am Vormittag die bereits in Arnsberg gezeigte Ausstellung „Franz Stock, der Weg nach Europa“ eröffnet wurde. Die Pilgertage sind ausgefüllt – nicht zuletzt auch mit warmherzigen Begegnungen mit den französischen Gastgebern.

Geleitet wird die Pilgerreise von Stephan Jung. Der Vitalität versprühende Pfarrer der Gemeinde St. Johannes-Baptist in Neheim ist seit 2005 im Amt. Oft begleitet er Fahrten, die Franzosen und Deutsche einander näherbringen sollen. Unermüdlich ist er hier von morgens bis abends auf den Beinen und hat für die Mitreisenden stets ein offenes Ohr. Er ist bei den offiziellen Anlässen mit dabei, feiert Messen und Vigil, übersetzt und dolmetscht und ist der Kontaktmann zur französischen Partner-Vereinigung „Les Amis de Franz Stock“.

Auf dem Heimweg ins Sauerland machen die Wallfahrer am Montag Station im Institut Catholique, wo Franz Stock drei Semester studierte. Danach führt sie ihr Weg in die ebenfalls im Quartier Latin gelegene Kirche Saint Jacques du Haut Pas, in der die Totenfeier für Abbé Stock stattfand, und in der sie nun auf „Überraschungsgast“ Jacques Delors treffen, den ehemaligen Präsidenten der EU-Kommission. Der Sozialist und Katholik ist aktives Mitglied der Kirchengemeinde und der „Amis de Franz Stock“.

Nicht nur die Erwachsenen sind beeindruckt von den zurückliegenden Tagen. Auch eine der Jugendlichen äußert sich zufrieden über die Reise: „Ich fand es ganz gut, dass man mit anderen Jugendlichen etwas durch die Kirche erlebt. Franz Stock ist ein Idol für die ganze Menschheit – eine Person, die Kraft hat, denn er war ja selber schon sehr krank, und trotzdem hat er versucht, so vielen Leuten zu helfen“, sagt die 16-jährige Schülerin des St.-Ursula-Gymnasiums in Arnsberg.

Franz Stock wurde am 21. September 1904 in Neheim geboren. Während seines Theologiestudiums studierte er drei Semester am Institut Catholique in Paris. Geprägt von dem Bund Neudeutschland und später von der Quickbornbewegung sowie von internationalen Jugendbegegnungen wurde er schon früh zu einem Vorkämpfer für die deutsch-französische Aussöhnung nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem sich die beiden Nachbarn als Erzfeinde gegenüberstanden. Seit 1934 war Abbé Stock als Seelsorger für die deutsche Gemeinde in Paris zuständig, ab 1940 betreute er die Insassen der Gefängnisse der Wehrmacht im besetzten Paris und wohnte den Hinrichtungen bei, die auf dem Mont Valérien stattfanden. Er ermutigte die zum Tode Verurteilten und sprach ihnen Trost zu. Nach dem Krieg wurde Abbé Stock Kriegsgefangener der Amerikaner. Dennoch wurde ihm die Aufgabe übertragen, als Rektor das neugegründete Priesterseminar in Le Coudray bei Chartres zu leiten, in dem deutschsprachige kriegsgefangene junge Männer sich auf das Priesteramt vorbereiten sollten. Am 24. Februar 1948 starb Franz Stock, mit erst 43 Jahren, in einem Pariser Krankenhaus. 2009 eröffnete der Erzbischof von Paderborn, Heinz-Josef Becker das Seligsprechungsverfahren für Franz Stock. KKS