Was sollen wir singen?

1524 erschien in Wittenberg mit dem „Geystliche gesangk Buchleyn“ das erste evangelische „Gesangbuch“ mit 43 Chorälen, für das Luther das Vorwort geschrieben hatte. Insgesamt sind 36 Lieder von Luther überliefert. Sie wurden zu einer Säule des reformatorischen Gottesdienstes und prägten nachhaltig die Geschichte des geistlichen Liedes. Seither entstand eine Fülle an Kirchenliedern.

Es ist erstaunlich, wie aussagestark viele Texte der alten Lieder geblieben und wie eingängig ihre Melodien sind. Dennoch muss die Frage erlaubt sein: Ist es nicht ein Armutszeugnis, wenn in den heutigen landeskirchlichen Gottesdiensten ganz überwiegend nur die „alten“ Lieder gesungen werden und andererseits in vielen freikirchlichen oder evangelikalen Gottesdiensten diese Lieder gar nicht mehr vorkommen?

Eine Messlatte zur Beurteilung eines für den Gottesdienst „geeigneten Liedes“ zu finden, ist nicht so einfach. Und doch haben wir eine Orientierungsmarke, an dem sich jedes geistliche Lied messen lassen muss: aus den bereits zitierten Worten des Paulus an die Kolosser „das Wort Christi“ und die „Dankbarkeit gegenüber Gott“. Beides sollte geistliche Lieder prägen. Gemessen an diesem Maßstab erscheint die Kritik an einer Reihe von Liedern, die in vielen Gemeinden gern gesungen werden, durchaus berechtigt.

Viele Theologen und Kirchenmusiker stoßen sich an Liedern wie „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“, „Danke für diesen guten Morgen“, „Du hast uns, Herr, gerufen“. Was soll man sich auch vorstellen unter einer Liebe, die wie Gras und Ufer ist? Was soll sich ein seit Jahren Arbeitsloser dabei denken, wenn er singen soll: „Danke für meine Arbeitsstelle“? Und so richtig es ist, dass uns der Herr gerufen hat, so falsch ist es, wenn es in diesem Lied heißt: „Wir sind jetzt deine Gäste und danken dir.“ Nach der Bibel darf sich die Gemeinde anders verstehen: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Epheser 2, 19).

Entsprechend melden sich die kirchenmusikalischen Profis zu Wort. So fragt Kantor Eberhard Brünger (Bielefeld): „Warum tun Pfarrer ihren Gemeinden solche Liedertexte an, die theologisch peinlich sind? Pfarrer und Kirchenmusiker sollten öfter den Mut haben, offenkundig schlechte Qualität vom Gottesdienst fernzuhalten, und wieder mehr danach fragen, was die Menschen brauchen, anstatt danach, was sie angeblich wollen.“

Allerdings wäre es unfair, mit der Kritik an einzelnen neueren Liedern das ganze moderne Liedgut in Bausch und Bogen abzuwerten. Allen jedenfalls, die befürchten, der alte Choral wäre ein Auslaufmodell, sei gesagt: Die Mehrzahl der Kirchgänger singt bis heute lieber die althergebrachten Choräle als moderne geistliche Lieder. Dies ergab eine Studie der Universität Paderborn über das „Singen im Gottesdienst“ im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland. Fast alle befragten Christen plädierten dafür, dass die Lieder von Instrumenten begleitet werden. An erster Stelle steht zwar immer noch die Orgel. 75 Prozent der Befragten singen am liebsten Choräle beziehungsweise traditionelle Lieder, 67 Prozent singen auch gern liturgische Gesänge, 46 Prozent lieben Taizé-Gesänge und fremdsprachige Lieder, 30 Prozent der Befragten bevorzugen moderne Anbetungslieder.

Knapp 70 Prozent der Befragten gaben an, „immer“ im Gottesdienst mitzusingen, mehr als 24 Prozent tun dies „meistens“. Dabei gelte laut der Autoren bis zu einem Alter von 70 Jahren: „Je älter die Menschen sind, desto häufiger wird im Gottesdienst mitgesungen.“ Gerade weil viele Gottesdienstbesucher sehr gerne mitsingen, ist die Frage nach der Auswahl des Liedgutes außerordentlich wichtig.

Warum also nicht beispielsweise mit den Kindern im Kindergarten oder Kindergottesdienst einmal ein Lied von Paul Gerhardt singen? Und auf den Gemeindenachmittagen oder im Seniorenkreis auch „neue geistliche Lieder“? Somit würden schon die Jüngsten mit dem wertvollen Schatz der alten Choräle vertraut, und die Älteren lernten neueres Liedgut schätzen und vielleicht sogar lieben. DT/idea

Der Autor ist evangelisch-reformierter Theologe und Buchautor