Was lange gärt, soll endlich gut werden

Missverständnisse um einen jahrzehntelangen Konflikt: Warum der Vatikan Kurskorrekturen von den amerikanischen Ordensoberinnen verlangt. Von Ann Carey

Seit April hat die Nachricht, die Kongregation für die Glaubenslehre habe die kontrollierte Reform eines Dachverbandes von Ordensfrauen in den Vereinigten Staaten angeordnet, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in anderen Ländern der Welt heftige Reaktionen hervorgerufen. Es erschienen sensationelle Schlagzeilen wie „Krieg gegen Nonnen“, und Vorwürfe wurden laut, im Vatikan sitzende „Männer aus der Zeit des Mittelalters“ würden Ordensfrauen schikanieren, die einfach ihre gute Werke täten. Mit anderen Worten: Die guten Ordensfrauen wurden als Opfer einer schrecklichen männlichen Hierarchie dargestellt. Leider ist ein Großteil der sich im Umlauf befindenden Informationen unvollständig, um nicht zu sagen falsch. Die Fakten sehen anders aus.

Das Dokument der Glaubenskongregation richtet sich nur an die 1 500 Ordensfrauen, die Mitglieder des Dachverbandes „Leadership Conference of Women Religious“ (LCWR) sind, und nicht an die anderen 54 500 Ordensfrauen, die diesem Verband nicht angehören. Das Dokument der Glaubenskongregation stellt das deutlich heraus und lobt das Engagement und die Leistungen der Ordensfrauen.

Der LCWR ist dem Heiligen Stuhl verantwortlich, da er eine kirchenrechtlich errichtete Einheit ist, die geschaffen wurde, um den Ordensführern zu helfen, sich mit dem Vatikan und untereinander zur Stärkung des Ordenslebens abzustimmen. Daher ist der LCWR nicht nur eine unabhängige Organisation wie die „League of Women Voters“ („Bund weiblicher Wähler“), sondern untersteht unmittelbar dem Vatikan, der auch die Befugnis hat, eine kirchenrechtliche Einheit aufzulösen.

In einigen Medienberichten wird behauptet, das Vorgehen der Glaubenskongregation sei die „Rache“ dafür, dass einige Ordensfrauen die im Jahr 2010 unter Präsident Obama verabschiedete Gesundheitsgesetzgebung unterstützt hätten, gegen die sich die amerikanischen Bischöfe offen widersetzt haben, da sie die Abtreibung finanziert und keinen angemessenen Schutz der freien Gewissensentscheidung vorsieht. In Wirklichkeit wurde der LCWR schon 2001 von der Glaubenskongregation verwarnt, die Organisation habe Positionen eingenommen, die unvereinbar mit der katholischen Lehre zur Frauenordination, zur Seelsorge für Homosexuelle und zur Rolle Jesu als Erlöser der Menschheit seien.

Als diese Probleme nach sieben Jahren weiterhin bestanden, informierte die Glaubenskongregation die Verantwortlichen des LCWR im Jahr 2008, dass eine Lehrüberprüfung stattfinden werde. Der LCWR hatte also sieben Jahre Zeit gehabt, die Dinge zu begradigen, und wurde nicht „aus dem Hinterhalt überfallen“, wie einige Journalisten behauptet haben. Die Lehrüberprüfung wurde erst angeordnet, nachdem die Ordensfrauen des LCWR es versäumt hatten, ihre Probleme selbst zu lösen; und es wurde damit begonnen, bevor sich die Schwestern für Obamas Gesundheitsgesetzgebung einsetzten.

Der LCWR hatte zudem bereits seit 1971 verschiedene Auseinandersetzungen mit dem Vatikan, als er seinen Namen, seine Statuten und seine Bestimmung ohne Zustimmung des Heiligen Stuhls änderte. Einige Ordensobere verließen den Verband aufgrund dieser Veränderungen im Jahr 1971, und schließlich wurde 1992 ein neuer Verband – der „Council of Major Superiors of Women Religious“ – für Ordensobere traditioneller Orden vom Vatikan bestätigt, die die ursprüngliche Bestimmung einer Konferenz für Ordensobere beibehalten und in enger Verbindung mit dem Vatikan bleiben wollten.

Seit vierzig Jahren bestehen Spannungen zwischen dem LCWR und dem Vatikan, was Themen wie kirchliche Autorität, das Wesen des Ordenslebens und die Bedeutung der Treue zur kirchlichen Lehre anbelangt. Als zum Beispiel Johannes Paul II. 1979 zum ersten Mal die Vereinigten Staaten besuchte, wurde die damalige Leiterin des LCWR, Schwester Teresa Kane, ausgewählt, um den Papst stellvertretend für die Ordensfrauen zu begrüßen. Sie ergriff die Gelegenheit, um dem Papst öffentlich zu sagen, dass alle Ämter in der Kirche den Frauen offenstehen sollten – und das nur einige Tage nachdem der Papst die Position der Kirche bekräftigt hatte, sie sei nicht befugt, Frauen zu weihen.

Im Dokument der Glaubenskongregation wird erwähnt, dass der Vatikan im Laufe der Jahre Briefe von Verantwortlichen des LCWR und anderen leitenden Ordensfrauen erhalten habe, in denen „gegen die Haltung des Heiligen Stuhls im Hinblick auf die Frage der Frauenordination und der Homosexuellenseelsorge protestiert wird“. Es ist eine „ernsthafte Angelegenheit“, so heißt es weiter in dem Dokument, „wenn keine wirksame Führung ausgeübt wird und die Führer ihren Gemeinschaften kein Beispiel geben, sondern selbst außerhalb der kirchlichen Lehre stehen“.

Tatsächlich lassen Fotografien, Aufnahmen und Berichte von Versammlungen des LCWR, die im Laufe der Jahre stattgefunden haben, erkennen, dass die katholische Liturgie oft zugunsten von neuzeitlichen Ritualen und von von Frauen geleiteten religiösen Feiern verdrängt wurde. Sprecher haben häufig die traditionelle Lehre der Kirche bestritten. Veröffentlichungen des LCWR wie das „Systems Thinking Handbook“ enthielten falsche Positionen zu Themen wie dem Wesen des Ordenslebens und der Zentralität der Eucharistie.

Um einige dieser Probleme anzusprechen, haben die Päpste und der Vatikan über Jahre hinweg Erklärungen und Richtlinien verfasst, die vom LCWR – der behauptet, er schaffe neue Formen des religiösen Lebens, und auf dem Recht zum „loyalen Dissens“ beharrt – entweder nicht zur Kenntnis genommen oder zurückgewiesen wurden. Der LCWR hat auch die Technik angewandt, den Vatikan in endlose Diskussionen über die entsprechenden Fragen zu verwickeln, denn solange der Dialog andauerte, wurden keine Entscheidungen getroffen.

Der geschichtliche Hintergrund wird von den meisten Medienberichten ignoriert, in denen die Ordensfrauen als unschuldige Opfer und die Hierarchie als Unterdrücker dargestellt werden.

Viele Medienberichte haben sich auch nur auf einen oder zwei Punkte im Dokument der Glaubenskongregation versteift. Erstens wird die Kritik daran, dass im Programm des LCWR zur sozialen Gerechtigkeit das Recht auf Leben nicht erwähnt wird, so ausgelegt, als würden die Ordensfrauen für etwas bestraft, dass sie nicht getan haben. Und zweitens heißt es, das Dokument werfe den Schwestern „radikalen Feminismus“ vor, ohne den Ausdruck zu definieren.

In diesen Berichten fehlt jedoch jeder Hinweis auf wichtige theologische und die Lehre betreffende Probleme, die im Dokument der Glaubenskongregation herausgestellt werden. Dazu gehören: irrige Ansichten in Bezug auf die Dreifaltigkeit, die Zentralität der Eucharistie, die Gottheit Christi und die Heilige Schrift; sowie Meinungsverschiedenheiten, was die kirchliche Lehre zur menschlichen Sexualität betrifft.

Wie vorherzusehen war, sind kirchliche Reformgruppen und einzelne Personen, die sich eine demokratischere Kirche wünschen, rasch zur Verteidigung des LCWR herbeigeeilt. Einige lenkten dadurch vom Wesentlichen ab, dass sie alle guten Werke der Ordensfrauen aufzählten, als ob diese die Abweichungen von der Lehre rechtfertigen könnten. Solche Kritiker versäumen es, sich klarzumachen, dass Ordensfrauen freiwillig in einen Orden eintreten und sich auf die Treue zum Glauben und zur Autorität der Kirche verpflichten.

Ziel der vatikanischen Verfügung ist nicht die Aufhebung des LCWR, wie einige Kritiker behaupten, sondern die Erneuerung und Belebung der Organisation. Die Anordnungen in der Verfügung der Glaubenskongregation sind zudem absolut vernünftig und widerlegen die Anschuldigung, der Vatikan versuche, die Schwestern ins finstere Mittelalter zurückzuführen und sie hinter Klostermauern einzusperren.

Die Verfügung weist nur den Apostolischen Delegaten, Erzbischof Peter Sartain von Seattle, und seine Gruppe von Bischöfen und anderen Geistlichen an, für folgendes zu sorgen: dass die Statuten des LCWR überarbeitet werden, um seinen Auftrag und seine Verantwortung als kirchenrechtliche Einheit deutlich zu machen; dass Programme, Versammlungen und Veröffentlichungen des Verbandes die kirchliche Lehre wiedergeben; dass liturgische Normen und Texte überprüft und der Eucharistie und dem Stundengebet bei Veranstaltungen und Programmen des LCWR Vorrang eingeräumt werden; und dass die Verbindungen des LCWR zu zwei ihm angeschlossenen Gruppen untersucht werden.

Wenn man sich die Fakten jenseits des Medienrummels ansieht, wird deutlich, dass der LCWR auf eine lange Geschichte von Meinungsverschiedenheiten mit dem Vatikan zurückblickt. Die Mitglieder des LCWR sollten daher weder fassungslos noch überrascht sein, dass der Vatikan schließlich gehandelt hat. Es zeigt sich außerdem, dass die Glaubenskongregation nur ihrer Aufgabe nachkommt, die Einheit der katholischen Lehre zu schützen. Wenn eine offizielle Einheit der Kirche – eine Konferenz von Ordensoberen – die katholische Lehre leugnet oder verzerrt, muss etwas getan werden: zum Wohl der ganzen Kirche und um die Einheit des Ordenslebens zu bewahren.

Die Verfasserin ist katholische Journalis

tin. 1997 erschien in den Vereinigten

Staaten ihr Buch: Sisters in Crisis: The

Tragic Unraveling of Women's Religious

Communities (Our Sunday Visitor Pub-

lishing Division, Huntington, Ind., USA)

Übersetzung aus dem Englischen

von Claudia Reimüller