Was keine Abtreibung gewesen wäre

Kritische Schwangerschaften, bei denen das Leben von Mutter und Kind auf dem Spiel steht, sind gottlob selten geworden: Zum Fall der neunjährigen Brasilianerin

Zu dem „bedauerlichen Fall des brasilianischen Mädchens“ hatte der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Erzbischof Rino Fisichella, am 15. März 2009 im Osservatore Romano einen Artikel geschrieben. Darin wurde die „Hartherzigkeit“ des brasilianischen Erzbischofs beklagt, der die Doppelabtreibung bei der neun Jahre alten Schwangeren verurteilt und die Exkommunikation – nicht die des Mädchens – festgestellt hatte. Dieser Artikel wurde in Südamerika und weit darüber hinaus in dem Sinne verstanden, dass die katholische Kirche von der Verurteilung der „therapeutischen Abtreibung“ abrücke. Um in dieser Sache auch nicht das geringste Missverständnis aufkommen zu lassen, hat die Glaubenskongregation in einer Erklärung, die am 11. Juli 2009 gleichfalls im Osservatore Romano veröffentlicht wurde (DT vom 14. Juli 09), die unveränderte kirchliche Lehre bekräftigt, dass eine Abtreibung, auch eine „therapeutische“, niemals erlaubt sein könne, „da es sich um die direkte Tötung eines unschuldigen menschlichen Wesens handelt“.

Die Erklärung der Glaubenskongregation stellt aber ebenso eindeutig fest, dass ein Eingriff zur Rettung des Lebens einer zukünftigen Mutter, gemeint einer Schwangeren, der als keineswegs gewollte oder beabsichtige, aber unvermeidliche Nebenfolge den Tod des keimenden Lebens zur Folge hätte, nicht als direkter Angriff auf schuldloses Leben, also nicht als Abtreibung bezeichnet werden könne. Die Glaubenskongregation beruft sich dabei auf die Ansprache Papst Pius' XII. an die Teilnehmer des Kongresses „Front der Familie“ und des Verbandes der kinderreichen Familien vom 27.11.1951. Diese Erklärung galt allerdings für Fälle „unabhängig vom Zustand der Schwangerschaft“, was wohl bedeuten soll, dass nicht der Schwangerschaftsabbruch selbst das Ziel des Eingriffes sein dürfe, sondern dass die Behandlung auf eine von der Schwangerschaft unabhängige Erkrankung, zum Beispiel Gebärmutterkrebs, zielen müsse. (Dass eine Schwangere zugunsten ihres Kindes auf ihre Behandlung verzichtet und ihr Leben für das Kind aufopfert, bezeugt eine besonders hochherzige Haltung, die aber über das Geschuldete hinausgeht.)

Die Erklärung der Glaubenskongregation hätte nun durchaus eine weitere Fallgruppe von einer verbotenen Abtreibung unterscheiden und damit als zulässig anerkennen können, in die der Fall des brasilianischen schwangeren Kindes einzuordnen wäre. Darunter fallen bestimmte Schwangerschaftsabbrüche, die nicht bereits per se als verbotene Abtreibung gelten müssen, weil sie, wie etwa Zerstückelung oder Hirnabsaugung oder wegen Unreife des Ungeborenen, direkte Tötungen sind oder mit tötender Absicht erfolgen. Vielmehr handelt es sich um vorzeitige Beendigungen einer Schwangerschaft, die aus kindlicher oder mütterlicher Indikation erfolgen, jedoch das Ziel haben, das Leben des Kindes zu erhalten und für seine weitere Entwicklung Vorsorge zu treffen. Die Entbindung durch Kaiserschnitt fällt in diese Kategorie von Schwangerschaftsabbrüchen, die man deswegen nicht per se als Abtreibung bezeichnen kann.

Solche Eingriffe bergen, wie jeder andere medizinische Eingriff auch, gewisse Risiken für Mutter und Kind. Es ist je nach den vorliegenden Verhältnissen zu beurteilen, welches Maß an Risiko jeweils für Mutter und Kind als vertretbar anzusehen ist. Die Tatsache allein, dass ein Risiko eingegangen wird, macht den Eingriff keineswegs unzulässig. Mit anderen Worten: Es ist nicht das Risiko, das den Eingriff zur Abtreibung macht.

Für den brasilianischen Fall ergibt sich aus diesen Überlegungen: Für das neunjährige, mit Zwillingen schwangere Kind hat keine akute Lebensgefahr bestanden. Man hätte den Fortgang der Schwangerschaft abwarten können, bis ein Kaiserschnitt die Frühgeborenen mit einem Reifegrad ans Licht der Welt befördert hätte, bei dem mit modernen Mitteln das Leben extrem Frühgeborener möglich ist. Dann wäre ein solcher „Schwangerschaftsabbruch“ sittlich durchaus zulässig gewesen; unter den obwaltenden Umständen sogar unter Inkaufnahme hoher Risiken bezüglich des Lebens und der weiteren Entwicklung der Kinder. Keineswegs hätte es sich dabei um eine zu verurteilende Abtreibung gehandelt.

In Brasilien wurde eine solche Lösung des Falles von aggressiven Abtreibungsbefürwortern planvoll verhindert, um das katholische Abtreibungsverbot als herzlos und unmenschlich vorzuführen. Generell ist dazu zu sagen, dass der kritische Fall, in dem das Leben einer Mutter gegen das Leben ihres Kindes steht, wenn nicht beide sterben sollen, heute kaum noch, vielleicht sogar überhaupt nicht mehr vorkommt. Der Fall des brasilianischen Kindes dürfte deswegen ungeeignet sein, das Gegenteil zu beweisen. Er hätte vielmehr dazu dienen können, über die tatsächlich und mit großem menschlichem Einsatz hinaus vom örtlichen Pfarrer geleistete Seelsorge hinaus ein sittlich vertretbares medizinisches Handeln in einer schlimmen Konfliktsituation zuzulassen und zu üben und damit beispielhaft zu wirken.

Im Falle des brasilianischen Mädchens, so furchtbar dessen Situation auch gewesen sein mag, wäre mit Abwarten und Kaiserschnitt und durchaus unter Inkaufnahme von Risiken für die Kinder eine mit katholischer Lehre nicht im Widerspruch stehende Lösung möglich gewesen, wenn Abtreibungsbefürworter diese nicht mit massivem Druck verhindert hätten.