Wallfahren, wo einst der Eiserne Vorhang Grenzen zog

Deutsch-tschechische Nachbarschaft: Ein Besuch in Neukirchen beim Heiligen Blut und Klattau. Von Markus Bauer

Gnadenbild am Hochaltar der Klattauer Marienkirche. Foto: Bauer
Gnadenbild am Hochaltar der Klattauer Marienkirche. Foto: Bauer

Vor 25 Jahren fiel nicht nur die Berliner Mauer, was ein Jahr später die deutsche Wiedervereinigung zur Folge hatte. Auch in der damaligen Tschechoslowakei hob der Bürgerprotest der sogenannten „Samtenen Revolution“ die kommunistische Führung aus dem Sattel. In der Folge wurden viele über vier Jahrzehnte gekappte Verbindungen neu belebt – unter anderem auch die Partnerschaft der Bistümer Regensburg und Pilsen, die historisch eng zusammengehören.

Bei einer kürzlich von der Ackermann-Gemeinde organisierten Studienreise nach Klattau und Neukirchen beim Heiligen Blut konnten viele verbindende Aspekte deutlich gemacht werden.

Ein verbindender, oft aber schwieriger Aspekt der deutsch-tschechischen Nachbarschaft ist die gemeinsame Geschichte – vor allem die des 20. Jahrhunderts. Beispielsweise Furth im Wald, die Grenzstadt im Osten der Oberpfalz.

Ein großer Teil der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge aus dem Sudetenland kam 1945/46 zunächst hierher, ein Teil blieb hier auch länger. Bis in die sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts stellte in Furth die Integration dieser Menschen, die zum Teil noch in Baracken und Wohnlagern lebten, eine wichtige Aufgabe dar, einige Einrichtungen erinnern bis heute an diese nicht leichte Zeit.

Aber auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 war Furth über Jahre besonders durch den hohen Auto- und Schwerlastverkehr belastet. Erst 2013 wurde die Umgehungsstraße fertig – eine Entlastung für die bekannte Grenzstadt, die aber auch ihre Mittlerfunktion immer wieder in den Fokus rückt.

Schon einige Jahre nach der Wende wurden in der ländlichen Region Formen und Möglichkeiten der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in die Wege geleitet – auch im kirchlichen Bereich. In Eschlkam beginnt zum Beispiel seit zehn Jahren der Ostbayerische Jakobsweg – direkt am Grenzübergang Eschlkam/Všeruby. Und von Prag aus gibt es einen Jakobsweg nach Všeruby. Lohnende Ziele also für Jakobspilger. Und auch die Pfarrkirche St. Jakob in Eschlkam ist einen Besuch wert.

Fast nur ein Katzensprung von dort ist es zu einem der bedeutendsten Marienwallfahrten Bayerns, zur Wallfahrtskirche Neukirchen beim Heiligen Blut. Hier finden wir wieder einen verbindenden Aspekt der deutsch/bayerisch-tschechischen Nachbarschaft.

Überlieferte Legenden für die dortige Wallfahrt reichen bis ins fünfzehnte Jahrhundert zurück: Gläubige aus dem böhmischen Louèim retteten die Marienfigur aus ihrer Kirche vor den anstürmenden Hussiten aus ihrer Kirche und stellten sie in die Kapelle in Neukirchen. Als ein hussitischer Kämpfer die Figur hier entdeckte und deren Kopf mit dem Schwert spaltete, soll daraus Blut geflossen sein.

Diese und weitere Geschichten ranken sich um die Marienfigur, die dem Ort den Namen gegeben und eine grenzüberschreitende Wallfahrt begründet hat.

„Heute obliegt den

Franziskanern

die Betreuung

der Wallfahrt“

Der Eiserne Vorhang hat jedoch vier Jahrzehnte das Pilgern der Tschechen hierher verhindert; am 9. Mai 1990 wurde die Wallfahrt von tschechischen Katholiken wieder aufgenommen und wird seither jährlich organisiert. Heute obliegt den Franziskanern die Betreuung der Wallfahrt.

Einen Besuch wert ist auch das Wallfahrtsmuseum, in dem viele Details über die Entstehung des Gotteshauses, kirchliches Brauchtum und Volksfrömmigkeit, die weiteren Bezüge des Gnadenbildes unter anderem nach Böhmen und die Wiederbelebung der Wallfahrt auf tschechischer Seite zu erfahren ist. Durch den oben genannten Ort Louèim, in dem die Neukirchner Marienfigur ursprünglich stand und von wo nun auch wieder Wallfahrer kommen, geht es nach Klattau/Klatovy, der „Pforte zum Böhmerwald“, so die Bezeichnung der im Jahr 1260 gegründeten Stadt.

Zu einem guten Teil wurde Klattau auch von den Jesuiten geprägt, die hier im 17. Jahrhundert ein Gymnasium und ihr Jesuitenkolleg gründeten und außerdem mit der Jesuitenkirche ein dominantes Bauwerk schufen. „Kirche der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria und des heiligen Ignatius“ lautet der vollständige Name des Gotteshauses, das 1655 bis 1659 erbaut wurde.

Der auch in Bayern bestens bekannte Kilian Ignaz Dienzenhofer hat die reich geschmückten Barockportale geschaffen. Und etwas nicht Alltägliches befindet sich unter der Kirche: die sogenannten Katakomben, eine Gruftanlage, in der die Leichname von 37 hier bestatteten Angehörigen des Jesuitenordens sowie zahlreicher Mitglieder südböhmischer adeliger Familien durch ein speziell angelegtes Lüftungssystem mumifiziert und so erhalten geblieben sind.

Eine weitere Gemeinsamkeit – zumindest mit dem zuvor besuchten Neukirchen beim Heiligen Blut – bietet in Klattau die Kirche Mariä Geburt. Ihr Gnadenbild beruht auf einem Blutwunder. Die Wallfahrt und Verehrung Mariens gehen auf eine von einem Kaminkehrer aus dem italienischen Pilgerort Re (nahe der Grenze zur Schweiz) mitgebrachte Kopie des Marienbildes von der dortigen Wallfahrt zurück.

Auf der Rückreise lädt Bayerisch Eisenstein mit dem ehemaligen Grenzbahnhof nochmals zu einem Stopp ein. Hier wird augenscheinlich, wie abrupt bis 1989 hier der Westen Europas geendet und der Osten begonnen hat.

Andererseits verdeutlicht der Ort auch, dass in den zurückliegenden 25 Jahren doch allerhand passiert ist – die Bahngebäude sind zu Museen und anderen Attraktionen umgebaut, die Reise kann auch per Bahn in die Tschechische Republik fortgesetzt werden, auch wenn heute die Straße der wesentliche Verkehrsweg ist.