Vor Sonderwelten wird gewarnt

Eine Tagung zum Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils an der Ruhruniversität Bochum. Von Anja Kordik

Bochum (DT) „Es gehört zur aktuellen krisenhaften Erfahrung der deutschen – ich möchte auch sagen der europäischen ebenso wie der nordamerikanischen Kirche – dass, obwohl seit Jahrzehnten vielfältige – mancherorts als typisch deutscher Gremienkatholizismus diffamierte – Strukturen des Austauschs und der Partizipation existieren, die Kommunikation dennoch sehr nachhaltig gestört ist.“ Mit dieser Feststellung eröffnete der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck bei einer Tagung an der Theologischen Fakultät der Ruhruniversität Bochum seinen Vortrag „Glauben, Hören und Sagen – Dialog in Kirche und Gesellschaft“. Im Mittelpunkt der zweitägigen Tagung aus Anlass des Konzilsjubiläums ging es unter der Überschrift „Dialogprozesse in der katholischen Kirche: Begründungen, Varianten, Zukunft gestalten“ um die Frage: Wie kann – im Lichte des Konzils – Dialog, innerkirchlicher Dialog, aber auch der Dialog „Kirche und Welt“ unter den sich rasant verändernden Bedingungen der Gegenwart gelingen?

„Es geht nicht um

Machtkommunikation, sondern um Glaubenskommunikation!“

Mit Blick auf die innerkirchliche Konfliktbewältigung und den kirchlichen Dialog betonte Bischof Overbeck, dass „die gewohnten Aushandlungen unterschiedlicher Machtinteressen und Prozesse gesellschaftlicher Selbstverständigung“ mit der Kirche als einem „primär geistlichen Raum“ wenig zu tun haben. „Natürlich gibt es auch in der Kirche Hierarchien; es gibt kirchenpolitisches Handeln“ – dieses aber nur als Bedingung für die Verkündigung des Heils, die im Vordergrund stehen müsse. „Es geht nicht um Machtkommunikation, sondern um Glaubenskommunikation!“ Die Ursachen für die gegenwärtige Krise kirchlichen Dialogs verortete der Bischof in den krisenhaften Bedingungen, unter denen Kirche heute lebt: eine wachsende Pluralität in Kirche und Gesellschaft, in der Christen immer mehr in eine Minderheitensituation geraten, innerkirchlich die Erfahrung der „eigenen Sündhaftigkeit“ als Folge des Missbrauchsskandals und nicht zuletzt durch die Notwendigkeit umfassender Strukturreformen in den deutschen Bistümern bis in die Gemeinden hinein, „die manche Menschen heimatlos werden lassen“.

Vor diesem Hintergrund ist auch der vom Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, im September 2010 initiierte bundesweite Gesprächsprozess unter der Überschrift „Im Heute glauben“ zu sehen. Der Ruhrbischof wertete es als „ein gutes Zeichen, dass zeitgleich mit dieser Initiative sich auf Ebene des Bistums Essen ein eigener Dialogprozess unter dem Leitwort ,Zukunft auf katholisch‘ entwickelt“. Dies biete den Verantwortlichen der Diözese die Chance, die Erfahrungen eines eigenen Dialogzusammenhangs in den bundesweiten Gesprächsprozess einzubringen. Bischof Overbeck appellierte an alle Beteiligten des aktuellen Gesprächsprozesses, „emotional abzurüsten“ und nicht das Unterscheidende, sondern auch das Einheit Stiftende in den Blick zu nehmen. „Als Kirche sind wir, wie das Credo sagt, ,Gemeinschaft von Heiligen‘. Ich wünsche mir, dass dies in der Art und Weise unserer Auseinandersetzung deutlich wird. Natürlich gehört auch Leidenschaft dazu. Aber niemals dürfen wir uns gegenseitig unseren Glauben und unsere gute Absicht absprechen!“

Im weiteren Verlauf seines Vortrags ging Bischof Overbeck dazu über, „aktuelle Selbstverständigungsprozesse“ der Kirche vor dem Hintergrund des Zweiten Vatikanischen Konzils zu deuten: Papst Paul VI. habe in seiner Antrittsenzyklika „Ecclesiam suam“ vom 6. August 1964 den Dialogbegriff nachhaltig in den kirchlichen und theologischen Sprachgebrauch eingeführt. „Mit seinem Modell der konzentrischen Kreise war er in der Lage, die zugleich unterschiedlichen kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Relativitäten der Kirche mit der Absolutheit des Christusglaubens vermittelnd zum Ausdruck zu bringen. Dialog wurde für die Konzilsväter der Schlüssel zum Begreifen des Innen und Außen einer Komplexität, die dann entsteht, wenn wir Kirche und Welt nicht als Gegensätze einander gegenüberstellen, sondern von ,Kirche in der Welt von heute‘ sprechen und auch als solche handeln.“

„Nach dem Konzil ist

keineswegs

allgemeiner Friede

ausgebrochen“

So dürfe die Kirche, wie Overbeck betonte, wenn es um die Frage einer neuerlichen Verwurzelung, Inkulturation von Kirche und Christentum in Europa gehe „nicht hinter die Errungenschaften des Zweiten Vatikanums zurückfallen – im Sinne eines Rückzugs einer vermeintlich heilen katholischen Sonderwelt.“ Der Dialog mit der Kirche müsse auch unter den heute veränderten Bedingungen weitergehen.

Dabei sei Dialog aus kirchlicher Sicht mehr als ein Schlagabtausch von Argumenten, mehr als nur eine bloße Methode. Wie auch Karl Kardinal Lehmann 1994 anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums von „Ecclesiam suam“ hervorgehoben habe, sei Dialog vielmehr zu verstehen „im Sinne eines offenen und angstfreien Umgangs miteinander“. In dieser Sicht beschreibe der Dialog-Begriff „einen Habitus, eine Haltung, aus der ich als Glaubender meine kirchlichen und gesellschaftlichen Bezüge lebe“.

Als frühes „Paradebeispiel kirchlicher Konfliktlösung“ kennzeichnete Professor Thomas Söding, Lehrstuhlinhaber für Neues Testament an der Ruhruniversität Bochum, das Apostelkonzil von Jerusalem (um 48/49 n. Christus). Zum Verlauf dieses Konzils existieren zwei verschiedene Berichte: der erste im Galaterbrief des Paulus, einem der Beteiligten; der zweite ist Teil der Apostelgeschichte und wurde eine Generation später von Lukas verfasst. Überraschend und provozierend wirke, so der Neutestamentler, dass der biblische Kanon nicht einen Einheitstext festschreibe oder beide Fassungen harmonisiere, sondern die zwei Versionen nebeneinander stelle. Dies nötige zu einem dialogischen Verstehen. Beide Texte dokumentieren nach Södings Worten einen ersten schweren innerkirchlichen Konflikt um die sogenannte „Heidenmission“.

Beide Fassungen dokumentieren darüber hinaus, dass „der Konflikt hat gelöst werden können durch eine Verständigung zwischen Jerusalem und Antiochia, bei der die Paulusgegner den Kürzeren zogen. Beide Texte dokumentieren außerdem, dass nach dem Konzil keineswegs allgemeiner Friede ausgebrochen ist, sondern neue Konflikte entstanden um Fragen der Interpretation und Rezeption der Konzilsentscheidung.“

Diese Auseinandersetzungen, resümierte der Neutestamentler, taten damals weh. „Aber sie haben der Kirche schlussendlich gutgetan, weil sie Differenzierungen vorangetrieben und neue Möglichkeiten des Miteinanders begründeten“. Ein Modell für die heutige Kirchenreformdebatte ist das Apostelkonzil nach Södings Ansicht nicht. „Denn die Verhältnisse haben sich zu radikal geändert. Aber paradigmatisch bleibt im historischen Rückblick die Fähigkeit zu einer Reform, die an die Substanz ging, der Kirche aber dadurch eine neue weitere und klarere Lebensform gegeben hat.“ Die geistliche Erfahrung des ersten urkirchlichen Konzils könne als wegweisend für die gesamte Kirche gedeutet werden. Damit seien Maßstäbe gesetzt: für eine weitere Rezeption des zweiten Vatikanischen Konzils wie für eine Reformdebatte.

Der ehemalige Direktor von McKinsey, Thomas Mitsch-Collande, bezeichnete den Dialog als Grundvoraussetzung dafür, dass Kirche in der heutigen Gesellschaft noch Gehör findet. Als positives Beispiel für einen „innerkirchlichen Dialog auf Augenhöhe“ nannte er das erste Dialogforum im Rahmen der Initiative „Im Heute glauben“, das im Juli 2011 in Mannheim stattfand.

Als durchaus geeignetes „Vorbild für innerkirchliche Dialogprozesse“ bezeichnete der Inhaber des Lehrstuhls für christliche Gesellschaftslehre an der Universität Bochum, Professor Joachim Wiemeyer, den Konsultationsprozess für das ökumenische Sozialwort der Kirchen von 1997„Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“. „In diesem gemeinsamen Kirchenwort“, erläuterte Professor Wiemeyer, „nahmen die beiden Kirchen zu den sozialen und ökonomischen Problemen nach der deutschen Einheit Stellung. Sie wollten damit einen Beitrag zu einem erneuerten gesellschaftlichen Grundkonsens leisten.“

Der Veröffentlichung des gemeinsamen Sozialwortes ging ein intensiver, vierjähriger Dialogprozess voraus – im Austausch mit unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft, Parteien, Gewerkschaften. Bewusst habe sich der Konsultationsprozess von 1997 gesellschaftlich relevanten Fragen und der politischen Öffentlichkeit zugewandt. Er sei daher von explizit innerkirchlichen Dialogprozessen und vom Dialog zu grundlegenden ethischen Fragen zu unterscheiden. Wesentlich für das Gelingen von Dialog sei, so Professor Wiemeyer, eine wirkliche Beteiligung, Partizipation an diesen Prozessen ... „Partizipation ist eine wesentliche Voraussetzung auch für einen missionarischen Aufbruch der Kirche.

„Partizipation ist

ohne Gefährdung

der Einheit der Kirche möglich“

Partizipation ist ohne Gefährdung der Einheit der Kirche möglich, wenn die Bereitschaft zum Konsens vorhanden ist und wenn auf weltkirchlicher Ebene bewusst auch Ungleichzeitigkeiten – in den verschiedenen Ortskirchen – hingenommen werden.“

Einheit und Vielfalt, Unterschiede und Gemeinsamkeiten hinzuführen auf den ewigen, unveränderlichen Kern des Christusglaubens war die wesentliche Essenz des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Erkenntnis und die Überzeugung, dass die Probleme der Kirche in diesem Geist auch heute angegangen werden sollten, war das durchgehende Resümee aller Referenten der Bochumer Tagung.