Von der unwiderstehlichen Macht der Wahrheit

Der geronnene Pulsschlag eines jahrelangen Ringens um den richtigen Weg in Buchform: Newmans „Apologia“ in überarbeiteter Übersetzung aufgelegt Von Urs Buhlmann

Ein Bekenntnis in einem Buch, dieses Buch zugleich als Lebensbeichte und Rechtfertigung, ein Fingerzeig zum Woher und Wohin eines Lebens – alles das ist die „Apologia pro vita sua“ des englischen Kirchenmannes John Henry Newman, 1865 erschienen. Der Konvertit, spätere Oratorianer und Kardinal soll von Papst Benedikt XVI., der ihn sehr schätzt, während seiner bevorstehenden Reise nach Großbritannien im September seliggesprochen werden. Auch für die kontinentalen Anhänger dieses modernen Kirchenvaters ist das eine Nachricht, die Anlass zur Freude gibt. Und wohl auch Grund, diesen Klassiker der religiösen Bekenntnisliteratur wieder zu lesen oder überhaupt erst kennenzulernen. Der Media Maria-Verlag hat das Werk jetzt in einer überarbeiteten Übersetzung und mit zwei Einführungen durch den Papst selber und den Innsbrucker Dogmatiker und Newman-Kenner Roman Siebenrock neu herausgegeben.

Der Heilige Vater erzählt vom Beginn seines Theologie-Studiums 1946 im Freisinger Priesterseminar, als sich herausstellte, dass sein Präfekt – gemeint ist Alfred Läpple – an einer Dissertation über Newmans Theologie des Gewissens saß. Ein nachvollziehbares Thema für Angehörige der Kriegsgeneration und jedenfalls auch für den jungen Joseph Ratzinger der Beginn einer lebenslangen Beschäftigung mit dem umfangreichen Werk des Briten. Für den späteren Pontifex war Newmans Gewissens-Lehre die Grundlegung des theologischen Personalismus, dem er sich zugehörig fühlte. Noch einige Jahre zuvor hatte ein Göring stolz erklärt: „Mein Gewissen ist Adolf Hitler“. „So war es für uns befreiend und wesentlich zu wissen“, schreibt Benedikt, „dass das ,Wir‘ der Kirche nicht auf dem Auslöschen des Gewissens beruhte, sondern genau umgekehrt sich nur vom Gewissen her entwickeln kann.“ Von da her, von einer recht verstandenen Gewissensfreiheit her, wird für viele Fragen wie etwa den Primat des Papstes eine gesicherte Basis gelegt. So wie sich seine Gewissenslehre aus dem persönlichen Ringen des als Anglikaner geborenen Newman entwickelt hat, so ist auch der in den Augen des Papstes zweite große Themenkomplex im Werk des Briten Reflexion des Lebensweges: Die „Überwindung der subjektiv-evangelikalen Position zugunsten einer auf der Objektivität des Dogmas gründenden Auffassung vom Christentum“. Man erfährt einiges auch zum Denken des bayerischen Papstes, wenn man ihn Newman zitieren hört: Der Friede beruht letztlich darauf, dass „der Eifer für die Wahrheit in der Reihenfolge der christlichen Tugenden vor der Güte steht“.

Der Konvertit lehnte den Liberalismus ab

Eine echte Erleichterung für die Lektüre der Apologia sind die historischen Anmerkungen von Professor Siebenrock, die uns Großbritannien als eines „jener Experimentierfelder der Moderne und daher auch unserer eigenen Gegenwart“ vor Augen stellen. Er stellt den Bezug zur Übergangssituation der heutigen Postmoderne her, wenn er Newman bescheinigt, in der unübersichtlichen geistigen Landschaft seiner Zeit den Weg nicht verloren zu haben. „Newman kann deshalb mit Recht ,Kirchenvater der Moderne‘ genannt werden“, so Siebenrock, „weil er diese Situation bestand, bevor sie in ihrer ganzen Radikalität ins Bewusstsein gedrungen war. Bestanden hat er sie, weil er ihre Werte schätzte und wahrte, ihre Gefahren kannte und zu heilen suchte.“ Der Liberalismus in seiner ganzen Umfänglichkeit war das Thema der Zeit im England Newmans, von diesem ursprünglich zur Gänze abgelehnt. „In seiner Rede zum Kardinalat wird Newman (dann aber) zwischen zwei Liberalismen unterscheiden. Den politisch-gesellschaftlichen Liberalismus wird er verteidigen, den theologischen aber streng zurückweisen. Von diesem Kampf ist in der Apologia immer wieder die Rede. Diese Auseinandersetzung kann als Subtext seiner ganzen Erzählung angesehen werden.“ Newman schreibt einfach und geradlinig, die Kapitel heißen ganz schlicht „Geschichte meiner religiösen Überzeugungen bis zum Jahr...“ und reichen fort bis 1845, dem Jahr seiner Konversion, die damals so viel Aufsehen erregte. Fiel es dem englischen Gentleman Newman eigentlich leicht, so umfänglich über sich selbst und seinen inneren Weg Auskunft zu geben? Mitnichten, wie er freimütig bekennt: „Es ist nicht angenehm, Hoch und Niedrig, Jung und Alt zu offenbaren, was seit meinen Anfangsjahren in mir vorging. Es ist nicht angenehm, jedem oberflächlichen oder leichtfertigen Gegner dadurch einen Vorteil zu verschaffen, dass ich ihm meine innersten Gedanken, ich möchte sogar sagen, den Umgang zwischen mir und meinem Schöpfer offenbare.“

Es musste aber wohl sein, denn John H. Newman war seit langem eine öffentliche Figur, einer der bekannteren Oxforder Theologen. Über sein jahrelanges Ringen, dass ihn schlussendlich in die für die meisten Briten damals suspekte „Kirche von Rom“ führte, hatte er immer wieder in Predigten, Briefen und als Verfasser von Traktaten indirekt Auskunft gegeben. Entsprechend groß war das Aufsehen, ja bei einigen Beobachtern das Entsetzen, als er am Ende tat, was er zuvor noch als Möglichkeit von sich gewiesen hatte. Gegen die Anschuldigungen und Verdächtigungen setzte er dann sein Apologia genanntes Buch. Er stattet darin auch immer wieder seine Dankesschuld gegenüber alten und neuen Freunden ab und gedenkt dankbar der fairen Behandlung durch den anglikanischen Bischof von Oxford.

Im Stil also das Buch einer höflicheren Epoche als unsere laute und indiskrete Zeit es ist. Doch werden keine sprachlichen Schaumrollen gedreht. Die entscheidenden Punkte seiner inneren Entwicklung bietet Newman in schnörkelloser Sprache, etwa an der berühmten Stelle, wenn er von der Ruhe berichtet, die ihm der Gedanke gebe,„dass es zwei und nur zwei Wesen gebe, die absolut und von einleuchtender Selbstverständlichkeit sind: ich selbst und mein Schöpfer“. Oder wenn er von der in Gemeinschaft von Freunden unternommenen ersten Italienreise berichtet: „Ich fand Gefallen an historischen Stätten und schönen Anblicken, nicht an den Menschen und ihren Sitten. Vom Umgang mit Katholiken hielten wir uns auf der ganzen Reise fern.“

Doch mehr und mehr muss Newman klar geworden sein, dass er einen eigenen und einsamen Weg zu gehen hatte. Er räsonniert: „Lebendige Bewegungen gehen nicht von Komitees aus und große Ideen werden auch nicht durch einen Briefwechsel ausgearbeitet, selbst wenn das Porto noch so günstig ist.“ Nein, heißt es an anderer Stelle, „kein großes Werk ist je durch ein System vollbracht worden, obwohl Systeme aus persönlichen Kraftanstrengungen hervorgehen. (...) Die Fehler einer Einzelperson erregen Aufmerksamkeit. Sie selbst verliert, aber ihre Sache (wenn sie gut und die Person geistreich ist) gewinnt. Das ist der Lauf der Dinge: Wir treten für die Wahrheit ein durch unser eigenes Opfer.“

Prophetische Worte, die für Newman ihre Gültigkeit erweisen sollten, als ihm mehr und mehr klar wurde, dass „es eine sichtbare Kirche gibt mit Sakramenten und Riten, welche die Kanäle der unsichtbaren Gnade sind“, und dass diese Kirche eben nicht die anglikanische ist, die er lange als gangbare „via media“ angesehen und empfohlen hatte. John Henry Newman gibt wahrscheinlich die Empfindungen vieler Konvertiten wieder, wenn er von dieser zögernd, aber unwiderstehlich aufsteigenden Gewissheit berichtet – aber auch von den inneren Widerständen und Kämpfen dagegen. Der Akt des Übertritts selber wird dann mit größter Schlichtheit mehr angedeutet als beschrieben.

Nach stürmischer Fahrt den sicheren Hafen erreicht

Im Schlusskapitel heißt es endlich: „Von der Zeit an, als ich katholisch wurde, muss ich natürlich keine Geschichte meiner religiösen Überzeugungen mehr schreiben. Damit will ich nicht sagen, dass mein Geist müßig geworden ist oder dass ich aufgehört habe, über theologische Fragen nachzudenken, sondern dass ich keine Änderungen mehr durchmachen musste und keinerlei Besorgnis mehr im Herzen trug. (...) Es schien mir, als hätte ich nach stürmischer Fahrt den sicheren Hafen erreicht, und das Glück, das ich darüber empfand, hat bis heute ununterbrochen angehalten.“

Nicht anders als mit einer gewissen Wehmut lesen sich diese Zeilen aktuell, jetzt, wo eine schwere und selbstverschuldete Krise die Kirche in unseren Breitengraden erschüttert. Nicht den Weg zur Kirche, sondern die Abwendung von ihr wird das persönliche Fazit vieler Zeitgenossen sein, was immer auch noch an Zusatzmotiven bei einem solchen Schritt eine Rolle spielen mag.

Newman ermutigt dazu, es anders zu sehen und anders zu machen. Kein Triumphzug gusseiserner Gewissheiten wird hier besungen, sondern das ehrliche Ringen einer Seele. Inmitten des bereits heraufziehenden Materialismus der Zeit beschreibt dieser Londoner Bankierssohn, der über die Mutter Hugenottenblut und französische Clarté aufgenommen hatte, die anima christiana auf ihrem Weg zu Gott. Mit diesem seinem Lebensbuch leistet Newman, der 1832 den Anglikanern eine ihrer schönsten Hymnen geschenkt hatte – „Lead, kindly light“ – und ein Jahr nach der Apologia seine große Altersdichtung „Der Traum des Gerontius“ vollenden sollte – später kongenial von E. Elgar vertont – auch einen bleibenden Beitrag zur englischen Sprachkultur. Nach 90 Jahren wird dieser Klassiker in der Nachfolge von Augustinus' Bekenntnisbuch endlich in einer stilistisch überarbeiteten Übersetzung wieder aufgelegt. Newman neu oder wieder zu entdecken hilft in diesen aufgeregten Zeiten.

John Henry Kardinal Newman: Apologia Pro Vita Sua, Geschichte meiner religiösen Überzeugungen, Media Maria Verlag, Illertissen 2010, 444 Seiten ISBN 978-3-9811452-9-8, EUR 24,90