Von der engen Pforte des Kreuzes

Papst Franziskus erinnert an das Schicksal der verfolgten Christen – Angelus am 26. Dezember 20113

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Ihr habt keine Angst vor dem Regen, Ihr seid wirklich tapfer!

Die Liturgie verlängert das Weihnachtsfest auf acht Tage: eine Zeit der Freude für das ganze Volk Gottes! Und an diesem zweiten Tag der Oktav ist das Fest des heiligen Stephanus, des ersten Märtyrers der Kirche, in die weihnachtliche Freude eingefügt. Das Buch der Apostelgeschichte stellt ihn als „einen Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist“ (6, 5) vor, der mit sechs anderen Männern zum Dienst für die Witwen und die Armen in der ersten Gemeinde von Jerusalem ausgewählt wurde. Und es berichtet über sein Martyrium: Nach einer feurigen Rede, die den Zorn der Mitglieder des Hohen Rats hervorgerufen hatte, wurde er vor die Tore der Stadt geschleppt und gesteinigt. Stephanus starb wie Jesus, indem er um Vergebung für seine Mörder bat (7, 55–60).

In der freudigen Weihnachtsatmosphäre könnte dieses Gedenken als unpassend erscheinen. Denn Weihnachten ist das Fest des Lebens und erfüllt uns mit Gefühlen der Seelenruhe und des Friedens; warum seinen Zauber mit der Erinnerung an eine so schreckliche Gewalttat stören? Aus dem Blickwinkel des Glaubens steht das Fest des heiligen Stephanus in Wirklichkeit in vollem Einklang mit der tiefen Bedeutung Weihnachtens. Denn im Martyrium wird die Gewalt von der Liebe, der Tod vom Leben besiegt. Die Kirche sieht im Opfer der Märtyrer ihre „Geburt für den Himmel“. Wir feiern heute also die „Geburt“ des heiligen Stephanus, die zuinnerst aus der Geburt Christi hervorgeht. Jesus verwandelt den Tod derer, die ihn lieben, in den Anbruch neuen Lebens!

Im Martyrium des Stephanus wiederholt sich dieselbe Gegenüberstellung von Gut und Böse, Hass und Vergebung, Milde und Gewalt, die ihren Höhepunkt im Kreuz Christi gefunden hat. Das Gedenken an den ersten Märtyrer sorgt sofort dafür, ein falsches Bild von Weihnachten zu zerstreuen: jenes märchenhafte und süßliche Bild, das sich im Evangelium nicht findet! Die Liturgie bringt uns zum wirklichen Sinn der Menschwerdung zurück, indem sie Bethlehem mit Golgota in Verbindung setzt und uns in Erinnerung ruft, dass das göttliche Heil den Kampf gegen die Sünde impliziert und durch die enge Pforte des Kreuzes führt. Das ist der Weg, den Jesus seinen Jüngern klar und deutlich gewiesen hat, wie das heutige Evangelium bezeugt: „Ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“ (Mt 10, 22).

Daher beten wir heute besonders für die Christen, die aufgrund des Zeugnisses, das sie für Christus und das Evangelium ablegen, diskriminiert werden. Wir sind diesen Brüdern und Schwestern nahe, die – wie der heilige Stephanus – zu Unrecht beschuldigt werden und Gegenstand von Gewalttätigkeiten unterschiedlicher Art sind. Ich bin mir sicher – leider –, dass sie heute zahlreicher sind als in den ersten Zeiten der Kirche. Es sind wirklich viele! Das geschieht vor allem dort, wo die Religionsfreiheit noch nicht garantiert oder vollständig realisiert ist. Es geschieht jedoch auch in Ländern und Bereichen, die auf dem Papier Freiheit und Menschenrechte schützen, wo jedoch die Gläubigen und vor allem die Christen, Einschränkungen und Diskriminierung ausgesetzt sind. Ich möchte Euch bitten, einen Augenblick still für diese Brüder und Schwestern zu beten. [….] Vertrauen wir sie der Gottesmutter an. (Gegrüßet seist du Maria...)

Den Christen verwundert es nicht, weil Jesus es als gute Gelegenheit angekündigt hat, Zeugnis abzulegen. Dennoch muss auf ziviler Ebene das Unrecht angeklagt und ausgeräumt werden.

Maria, Königin der Märtyrer, helfe uns, das Weihnachtsfest mit jenem leidenschaftlichen Glauben und jener leidenschaftlichen Liebe zu leben, die im heiligen Stephanus und in allen Märtyrern der Kirche erstrahlt.

Nach dem Angelus sagte der Papst:

Ich grüße die Familien, die Pfarrgruppen, die Vereine und die einzelnen Gläubigen, die aus Rom, aus Italien und aus allen Teilen der Welt gekommen sind. In diesen Tagen vor der Krippe zu verweilen, um Maria und Josef neben dem Kind zu betrachten, möge in allen das großherzige Bemühen hervorrufen, einander zu lieben, damit innerhalb der Familien und der verschiedenen Gemeinschaften jenes Klima des Verständnisses und der Brüderlichkeit herrsche, das dem Gemeinwohl so gut tut.

Ein frohes Weihnachtsfest und gesegnete Mahlzeit! Auf Wiedersehen!

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller