Von Bekennern und Märtyrern lernen

„Kirche in Not“ beobachtet steigende Christenverfolgung – aber auch Glaubensstärke und Versöhnungsbereitschaft. Von Tobias Lehner

Der nigerianische Bischof Oliver Dashe Doeme macht sich ein Bild von einer Kirche, die von Boko Haram zerstört wurde.
Der nigerianische Bischof Oliver Dashe Doeme macht sich ein Bild von einer Kirche, die von Boko Haram zerstört wurde.

Ohne den Kreuzweg wären wir gestorben.“ Da sind sich die Marktfrauen von Memé im Norden Kameruns sicher. Es war der Nachmittag des 19. Februar 2016, einem Freitag – Zeit für die Kreuzwegandacht. „Als wir beteten, brach die Hölle los.“ Mitten im Zentrum der Kleinstadt an der Grenze zu Nigeria sprengten sich zwei Attentäter in die Luft, rissen zwanzig Menschen mit in den Tod. „Wären wir nicht in der Kirche gewesen, hätte es uns getroffen“, sagen die Frauen.

Das Trauma sitzt auch über ein Jahr nach den Anschlägen noch tief. „Es ist wie eine kollektive Psychose“, erklärt Bischof Bruno Ateba Edo. In seiner Diözese Marua-Mokolo werde jeder Gottesdienstbesucher nach Waffen und Sprengstoff abgesucht. „Findet ein Gottesdienst im Freien statt, dann halten sich die Gläubigen an den Händen und bilden eine Menschenkette. So wollen sie verhindern, dass sich Attentäter unter die Betenden mischen.“ Bischof Edo hat in Memé eine Anlaufstelle für Opfer und Hinterbliebene des Anschlags eingerichtet. „Kirche in Not“ unterstützte ihn dabei.

Auch wenn die Hintermänner des Anschlags nicht eindeutig ermittelt werden konnten: Für die Menschen hier besteht kein Zweifel, dass es sich um Terroristen von Boko Haram handelt. Die islamistische Sekte, deren Name „Westliche Bildung ist Sünde“ bedeutet, gehört zu den gefährlichsten Terrororganisationen weltweit. Über 15 000 Opfer gehen seit 2009 auf ihr Konto – Christen und Muslime gleichermaßen. „Aber wir Christen stehen besonders im Visier, weil unsere Religion als Verkörperung all der Werte gilt, die Boko Haram verteufelt“, sagt Bischof Oliver Dashe Doeme aus Maidiuguri im Norden Nigerias, das als „Hauptstadt“ von Boko Haram gilt.

Auch wenn die Terrorgruppe in jüngster Zeit militärisch an Boden verloren hat: Die Angst vor der Rückkehr des Terrors ist allgegenwärtig. Von Sprengstoffattentätern geht jetzt die größte Gefahr aus. Daher bleiben die Menschen, die vor Boko Haram geflohen sind, lieber an ihren Zufluchtsorten. Das UN-Flüchtlingshilfswerk zählt in Nigeria und den Anrainerstaaten insgesamt über 2,5 Millionen Binnenflüchtlinge. Die Diözese Maiduguri versorgt sie mit Nahrung und Kleidung und betreut die Traumatisierten seelsorgerisch.

„Der militante Islamismus, Hunger- und Naturkatastrophen und die politische Instabilität setzen die Christen Afrikas immer weiter unter Druck“, sagt die Geschäftsführerin von „Kirche in Not“ Deutschland, Karin Maria Fenbert. „Wenn wir nicht in Afrika helfen, werden entsprechend mehr Flüchtlinge zu uns nach Europa kommen.“ Unter dem Leitwort „Ihr Glaube ist unsere Hoffnung“ hat das Hilfswerk deshalb eine Fastenaktion für die vitale, aber arme Kirche in Afrika gestartet. „Das ,christliche Europa‘ kann von dieser Kirche der Bekenner und Märtyrer viel lernen“, so Fenbert.

Hört man Bischof Oliver Dashe Doeme zu, ist dieser Bekennermut in jedem seiner Sätze zu spüren: „Die Terroristen meinen, indem sie unsere Kirchen und Häuser niederbrennen, zerstören sie das Christentum. Doch das wird nie passieren.“ Das sei ihm seit jenem Erlebnis Ende 2015 zur Gewissheit geworden: „Ich betete in meiner Hauskapelle den Rosenkranz. Plötzlich sah ich Jesus. Er hielt ein Schwert in der Hand. Auf einmal wandelte sich das Schwert in einen Rosenkranz und ich hörte Jesus dreimal sagen: ,Boko Haram ist besiegt.‘“ Das Gebet sei die wirksamste Waffe gegen den Terror. Darum organisiert der Bischof Gebetstreffen, aber auch Versöhnungsgottesdienste. „Wir müssen den Kreislauf der Gewalt durchbrechen“, ist Dashe Doeme überzeugt. „Liebe siegt, nicht Rache.“

Wenn du nicht konvertierst, erschießen wir dich

Dieser Botschaft versuchen auch andernorts viele verfolgte Christen zu folgen. Ihre Zahl steigt kontinuierlich. Der von „Kirche in Not“ herausgegebenen Studie „Religionsfreiheit weltweit“ zufolge wird in 38 von 196 untersuchten Ländern das Menschenrecht auf Religionsfreiheit massiv eingeschränkt, in 23 dieser Länder lässt sich von einer flächendeckenden Verfolgung sprechen.

„Wie viele Menschen werden (…) verfolgt und hingerichtet, weil sie Christen sind. Ihre Verfolger machen keinen Unterschied, welcher Konfession sie angehören“, stellt Papst Franziskus in einer Videobotschaft fest, die am vergangenen Donnerstag veröffentlicht wurde. Er ruft im Rahmen seiner monatlichen Gebetsmeinung dazu auf, im März besonders für verfolgte Christen zu beten, „damit unsere Brüder und Schwestern die Unterstützung aller erfahren“. In der Schlusssequenz der Videobotschaft ist zu sehen, wie Lebensmittelpakete von „Kirche in Not“ an Flüchtlinge im Irak verteilt werden.

Zwei von ihnen sind der 16-jährige Ismail und seine Mutter Jandrak. Sie flohen vor wenigen Monaten aus dem umkämpften Mossul, nachdem sie dort zwei Jahre lang den Terror des IS überlebt hatten. „Wir wohnten in einem christlichen Dorf in der Ninive-Ebene“, erzählt Ismail. „Die Dschihadisten marschierten ein und verschleppten uns nach Mossul.“

Als sie sich weigerten, zum Islam zu konvertieren, seien sie geschlagen worden, erzählt Jandrak: „Sie nahmen mir den Jungen weg und warfen ihn ins Gefängnis.“ Dort musste Ismail Erschießungen und Folter mit ansehen. „Sie sagten zu mir: ,Wenn du nicht konvertierst, erschießen wir auch dich.‘“ Also sei er Muslim geworden. Heute schäme er sich dafür.

Zunächst hatte die Konversion ihm jedoch relative Freiheit gebracht: Er konnte wieder bei seiner Mutter leben. Bei einer Hausdurchsuchung sei jedoch seine Kette mit einem Kreuzanhänger gefunden worden, die er noch immer bei sich hatte. „Sie verprügelten mich und zwangen mich einen Monat lang, den Koran zu studieren.“ Die Möglichkeit zur Flucht kam erst, als die IS-Kämpfer angegriffen worden seien und sie unbeaufsichtigt zurückgelassen hätten. „Wir kämpften uns durch die Fronten, wurden mehrmals beschossen. Schließlich landeten wir in Erbil.“

Die Hauptstadt des kurdischen Autonomiegebiets im Norden des Irak ist für viele Christen aus der Ninive-Ebene zum Rettungsanker geworden. Die Not hat den chaldäisch-katholischen Erzbischof Bashar Warda zu einer Art „Manager Gottes“ gemacht. „Als die ersten Flüchtlinge im August 2014 hier ankamen, schliefen sie auf dem Rasen vor dem Bischofshaus“, sagt Warda. In den folgenden Wochen musste das Erzbistum Erbil 26 Aufnahmelager errichten. „Innerhalb von zwei Monaten konnte eine Datenbank erstellt werden, so dass wir nach kurzer Zeit wussten, wer bei uns ist“, erläutert der Erzbischof.

Mittlerweile konnten die meisten Flüchtlinge aus den Camps in Wohnungen übersiedeln. Mit Hilfe von „Kirche in Not“ wurden auch acht Schulen für christliche Flüchtlinge errichtet. „Viele Muslime schätzen die Qualität unserer Schulen. Darum liegt der Anteil der muslimischen Schüler mittlerweile bei 40 Prozent.“ Das sei ein wichtiger Schritt Richtung Zukunft.

Was diese Zukunft bringt, scheint in den letzten Wochen wieder äußerst ungewiss. Wollten Anfang des Jahres viele Christen in ihre zurückeroberten Heimatdörfer heimkehren, so ließ Warda aktuell wissen: „Die Menschen haben Angst vor der Rückkehr in ihre Dörfer: Der IS ist zwar in der Defensive, der Einfluss der Islamisten besteht aber unter der Oberfläche weiter.“

Er könne daher nachvollziehen, dass sich der Exodus der Christen aus dem Nahen Osten fortsetze – auch wenn ihn das sehr schmerze. Lebten Anfang des Jahrtausends noch 1, 2 Millionen Christen im Irak, sind es heute nur noch etwa 300 000. „Organisationen wie ,Kirche in Not‘ ist es zu verdanken, dass wir überhaupt noch von einer christlichen Präsenz im Nahen Osten sprechen können“, fügt Warda hinzu.

Verschwindend klein und bedroht: Das ist auch die Situation der Christen in Pakistan. Obwohl sie nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind sie faktisch „vogelfrei“. Ein rigides Blasphemiegesetz verbietet jede missionarische Arbeit und stellt jede „Beleidigung des Islam und des Propheten Mohammed“ unter Strafe. Bekanntestes Beispiel ist Asia Bibi. Sie wurde wegen vermeintlicher Gotteslästerung zum Tode verurteilt. Seit 2009 sitzt sie im Gefängnis, die letztmögliche Revisionsverhandlung steht noch immer aus.

Wie viele von Ihnen beten für die verfolgten Christen?

Christenfeindliche Übergriffe sind in Pakistan an der Tagesordnung: In trauriger Erinnerung bleibt der Bombenanschlag am Ostersonntag 2016 auf einen Freizeitpark in Lahore, bei dem über 72 Menschen getötet wurden – die meisten von ihnen Christen. In solchen Fällen versuchen der Dominikanerpater James Channan und Großimam Abdul Khabir Azad, schnell zu handeln. Sie besuchen die Angehörigen der Opfer und halten gemeinsam Kundgebungen ab. Ihr Ziel: eine Eskalation zu verhindern. Darum unterstützt „Kirche in Not“ ihre Arbeit. „Wir treten gemeinsam auf, um ein klares Zeichen des Friedens zu setzen“, erklärt Pater Channan. „Wir wollen so viele Gemeinsamkeiten finden, wie wir können.“ Der Großimam predigt bei Kundgebungen und besucht Moscheen auf dem Land. Deren Vorsteher seien oft Anstifter zu Gewalt. Auch ihm schlage viel Hass entgegen, so Azad: „Ich erhalte Morddrohungen. Aber ich werde nicht aufgeben.“

Sein Freund, der katholische Ordenspriester, veranstaltet interreligiöse Tagungen und gibt eine Zeitschrift heraus, um über den Islam aufzuklären und Vorurteile abzubauen. „Wir können nicht gegeneinander leben“, ist Channan überzeugt. „Evangelisierung und Dialog der Religionen sind die beiden Schienen, auf denen der Zug des Katholizismus fährt.“

Für Millionen Christen ist ihr Glaubensweg eine Reise zwischen Leben und Tod. Papst Franziskus fragt in seinem aktuellen Gebetsaufruf: „Wie viele von Ihnen beten für die verfolgten Christen? Lassen Sie sich dazu ermutigen, es mit mir zu tun!“ Dieser Aufruf sei zur Fastenzeit besonders passend, sagt Karin Maria Fenbert. „In den verfolgten Christen wird Christus selber verfolgt. Ähnlich wie Fastenzeit auf die Karwoche zuläuft, so nimmt durch den steigenden Extremismus die Christenverfolgung immer weiter zu. Werden wir im deutschen Sprachraum mit unserem Gebet wie Maria und Johannes unter dem Kreuz stehen oder davonlaufen und wegschauen?“

Weitere Informationen und Spendenmöglichkeit: www.kirche-in-not.de