Vom geistlichen und globalen Klima

Den zweiten Besuchstag in Nairobi schloss Franziskus mit freien Worten vor Priestern und Ordensleuten und einer programmatischen Ansprache vor der Umweltbehörde der Vereinten Nationen ab. Von Guido Horst

In seiner Rede im Büro der Vereinten Nationen in Nairobi bezeichnete Papst Franziskus die Pariser Klimakonferenz COP21 als wichtigen Schritt auf dem Weg zur Entwicklung eines neuen Energiesystems. Foto: dpa
In seiner Rede im Büro der Vereinten Nationen in Nairobi bezeichnete Papst Franziskus die Pariser Klimakonferenz COP21 a... Foto: dpa

Der Papst ist nervös. Oder unruhig. Vielleicht beides. Jedenfalls hatte man zu Beginn der Begegnung mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen am Donnerstagnachmittag in Nairobi bemerkt, dass ihm etwas auf der Seele lag. Er blickt auf einen seiner Begleiter, mit schwerem Stift fährt er durch das vorbereitete Redemanuskript. Oder durch den Text der Ansprache, mit dem ihn einer der anwesenden Bischöfe Kenias begrüßen sollte? Übrigens ein Willkommensgruß, der einfach nicht enden wollte. Doch schließlich ist Franziskus an der Reihe. Und die Spannung löst sich: Er wolle in seiner Sprache sprechen, das heißt auf Spanisch. Was heißt, dass seine auf Englisch vorbereitete Ansprache in der Mappe blieb. Wie so oft bei Klerikern und Ordensleuten kam dem Papst vor den Zuhörern plötzlich der Wunsch, ihnen das zu sagen, was er bei ihrem Anblick empfand. Mit rhythmischem Klatschen und Tanzen, Singen und Trällern hatten sie ihn empfangen, im weißen Großraum-Zelt und mit gelben Stoffahnen – Vatikanfarben! – auf dem Sportgelände der St. Mary?s School in Nairobi. Etwa zehntausend Menschen sollen es den Medienangaben zufolge gewesen sein, die Franziskus einen stürmischen Empfang bereiteten. Und jetzt wollte er ihnen sagen, was ihm auf dem Herzen lag.

Sein Mitarbeiter, der junge Prälat Mark Miles aus dem vatikanischen Staatssekretariat, übersetzte Satz für Satz aus dem Spanischen ins Englisch, und der Papst sprach zunächst über die Berufung: Wer das Priestertum oder das geweihte Leben in einem Orden aufnehme, trete durch eine Tür, „und die Tür ist Christus“. „Christus ruft, Christus beginnt das Werk, er macht die Arbeit.“ Wenn man einen Bekannten oder eine Bekannte habe, so Franziskus, der durch das Fenster hereinkommen wolle, „umarmt ihn und erklärt ihm, dass es besser ist, dass er geht und dass er Gott auf eine andere Weise dient, weil man kein Werk erfüllen kann, das nicht von Jesus begonnen worden ist“.

Zu den Nonnen, Mönchen, Brüdern und Priestern sprach ein Papst, der als Jesuit vielen Ordensleuten geistliche Exerzitien gehalten hat und das Leben in der Nachfolge Jesu kennt. Durch die Tür, durch Christus in das gottgeweihte Leben zu gehen, bedeute, dass man das Bewusstsein habe, ausgewählt zu sein: „Ich bin angeblickt, ich bin erwählt worden.“ Es gebe Leute, die nicht wüssten, warum sie berufen worden seien – „aber sie spüren, dass Gott sie ruft“. Doch Franziskus kam auch gleich auf die zu sprechen, „die aus Eigeninteresse dem Herrn folgen“, die versucht seien, „Jesus wegen Geld oder Machtinteressen zu folgen“. Aber im Leben von jemandem, der Christus folge, sei dafür kein Platz. „Das sage ich euch ganz im Ernst: Die Kirche ist kein Geschäftsmodell und keine Nichtregierungsorganisation..., die Kirche ist ein Geheimnis. Das Geheimnis des Angeschaut-Werdens von Christus.“ Klar sei natürlich, dass Jesus einen Mann oder eine Frau, die er berufe, „nicht gleich heiligspricht. Wir sind immer noch dieselben Sünder. Aber uns rettet die Zärtlichkeit und die Liebe Jesu.“

Es waren einfache Worte, mit denen Franziskus zu den kenianischen Priestern und Ordensleuten sprach: „Erinnern wir uns an die Mutter von Jakob und Johannes: Herr, ich möchte dich bitten, wenn du die Torte anschneidest, gibt das größte Stück meinen Söhnen. Dem einen zu deiner Rechten, dem anderen zu deiner Linken.“ Es gebe die Versuchung, so Franziskus weiter, „dem Herrn aus Ehrgeiz zu folgen. Doch im Leben eines Menschen, der Jesus folgt, ist kein Platz für Ehrgeiz, weder nach Reichtum noch nach dem Bestreben, eine wichtige Person zu sein.“ Humorvoll fügte der Papst an: „Alles was ihr tun müsst, ist Jesus bis ans Kreuz zu folgen, für die Auferstehung sorgt er dann schon selber!“

Dann kam Franziskus auf ein Thema, das ihm stets sehr wichtig ist: „Jeder, der sich von Jesus erwählen ließ, ist dazu gerufen, zu dienen“, hob er vor seinen Zuhörern hervor: „Den Ärmsten, den Ausgeschlossenen, den Kindern und den Alten, den Leuten, die sich ihres eigenen Stolzes überhaupt nicht bewusst sind.“ Und der Papst erwähnte als Negativ-Beispiel ein Treffen mit Priestern vor einem Jahr. „Während dieser Exerzitien gab es jeden Tag einen Altardienst nach dem Rotationsprinzip. Einige Priester beklagten sich: Nein, wir müssen doch bedient werden! Wir können doch dafür bezahlen, dass ein anderer den Altardienst macht!“ „Bitte“, sagte Franziskus und schaute die (werdenden) Priester und Ordensleute streng an: „Niemals, niemals so etwas in der Kirche!“ Am Schluss sprach er allen seinen Dank aus: „Danke für die Nachfolge Jesu. Für jedes Mal, wenn ihr euch als Sünder fühlt. Für jede Geste der Zärtlichkeit an jenen, die es brauchen. Für jedes Mal, wenn ihr Sterbende in Frieden begleitet habt. Danke dafür, dass ihr euch helfen und korrigieren lasst. Und ich bitte euch, vergesst nicht, für mich zu beten, weil ich es brauche.“

Szenenwechsel in Nairobi, das in diesen Tagen immer wieder von Regen heimgesucht wird: Papst Franziskus wird durch den Garten des Gebäudes der Vereinten Nationen geführt, in dem das UNO-Umweltprogramm UNEP seinen Sitz hat. Der Papst pflanzt einen Baum – das heißt er schaufelt eine Schippe Erde auf den versenkten Pflanzentopf. Nun wird es offiziell und Franziskus hält sich vor dem Plenum genau an sein Redemanuskript. Aber die Begrüßung durch die Wartenden war fast genauso herzlich wie bei den Ordensleuten. Es war eine Ansprache im Vorfeld des Gipfeltreffens von Paris zum Klimawandel, die Franziskus hielt. „Es wäre traurig – und ich wage zu sagen: sogar katastrophal“, warnte der Papst, wenn dort „die Partikularinteressen über das Gemeinwohl siegen und dazu führen würden, die Information zu manipulieren, um die eigenen Planungen zu schützen“. Die Pariser Konferenz – COP21 genannt – sei ein wichtiger Schritt in dem Prozess der Entwicklung eines neuen Energiesystems, „das so wenig wie möglich von den fossilen Kraftstoffen abhängt, Energieeffizienz anstrebt und sich auffächert durch den Gebrauch von Energie mit niedrigem oder gar keinem Kohlendioxyd-Ausstoß“. Man stünde vor der großen politischen und wirtschaftlichen Verpflichtung, das Versagen und die Verzerrungen des aktuellen Entwicklungsmodells neu zu überdenken und zu korrigieren. Er wünsche sich, so der Papst, dass die Pariser Konferenz zum Abschluss einer globalen und „verwandelnden“ Vereinbarung gelange, die auf den Grundsätzen von Solidarität, Gerechtigkeit, Fairness und Beteiligung basiere und auf die Verfolgung dreier Ziele ausgerichtet sei, die zugleich vielschichtig seien und zusammenhängen würden: „Linderung der Auswirkung des Klimawandels, Kampf gegen die Armut und Achtung der Menschenwürde“.