Vom Feuer der Liebe bewegt

Leuchttürme geistlichen Lebens: der heilige Bernhard von Clairvaux. Von Barbara Stühlmeyer

Die „Vision des heiligen Bernhard“ (Pietro Perugino, 1493, Alte Pinakothek) stellt den Heiligen aus Clairvaux als Verehrer der Muttergottes dar. Foto: IN
Die „Vision des heiligen Bernhard“ (Pietro Perugino, 1493, Alte Pinakothek) stellt den Heiligen aus Clairvaux als Verehr... Foto: IN

Bernhard von Clairvaux, der vor 925 Jahren auf der Burg Fontaine-lés-Dijon in der Nähe von Dijon geboren wurde, ist eigentlich kein Ordensgründer. Denn die Zisterzienser, die wie die Kamaldulenser und Vallombrosaner zu den Reformzweigen der benediktinischen Mönchsfamilie gehören, gehen auf Robert von Molesme (+1111) zurück, der mit Hilfe seines Diözesanbischofs und des Herzogs von Burgund 1075 ein Kloster in Molesme gründete. Zu den Mitgliedern dieses Konventes zählten unter anderen der Prior Alberich und Stephen Harding. Den Brüdern wurde bewusst, dass ein intensiveres Mönchsleben, wie es ihnen vorschwebte, nach der Regelinterpretation des Reformabtes Benedikt von Aniane (vor 750–821), die von der Klosterfamilie der Cluniazenser bevorzugt wurde, zu der auch Molesme gehörte, nicht möglich war. Da aber nicht alle Mönche mit der angestrebten neuen strikteren Lebensführung einverstanden waren, gründete ein Teil des Konventes um 1098 ein weiteres neues Kloster in der Einsamkeit von Citeaux, das den Zisterziensern ihren Namen gab.

Gemäß dem Wort aus der Regel des heiligen Benedikt: „Dann sind sie wahre Mönche, wenn sie von der Arbeit ihrer Hände leben“, rodeten sie das Gelände und bauten eigenhändig ihr neues Kloster auf. Da sie auf Schenkungen verzichteten, blieb ihnen auch nichts anderes übrig, denn Arbeiter hätten sie nicht bezahlen können. Robert ging auf Bitten der Mönche von Molesme, aber wohl auch, weil ihm das harte Leben in Citeaux nicht bekam, wieder in seine erste Gründung zurück und überließ Alberich die Leitung des neuen Klosters. Der führte dort die ursprüngliche Form der Benediktsregel wieder ein, schrieb den typischen Wechsel von Gebet und Arbeit für die Mönche wieder vor, verschaffte ihnen aber durch die Einführung von Laienmönchen, die vom Stundengebet befreit waren und sich verstärkt körperlicher Arbeit widmeten, den nötigen Freiraum für das Gebet.

„Er korrespondierte mit Päpsten, Königen,

Mönchen, Nonnen

und Laien“

Unter Alberich bekamen die Zisterzienser ihre typischen hellen Ordensgewänder, eine Idee, die der Legende zufolge die Gottesmutter Maria dem Abt eingegeben haben soll. Fortan unterschied man schwarze und weiße Mönche der benediktinischen Ordensfamilie. Möglicherweise wäre Citeaux nur ein einfaches Reformkloster ohne Breitenwirkung geblieben. Doch dann trat unter Alberichs Nachfolger Abt Stephen Harding ein junger Mann in das Kloster ein, der die Zisterzienser zu einem beispiellosen Erfolgsprojekt machen würde. Denn Bernhard von Fontaines, der um 1112 in Citeaux eintraf, brachte nicht nur einen wahrhaft heiligen Feuereifer, sondern auch dreißig Verwandte und Freunde mit. Und es blieb nicht dabei. Bernhard, der sich selbst das Chamäleon seines Jahrhunderts nannte, zog überall, wo er auftauchte, Scharen von jungen Männern an, die er für die Nachfolge Christi begeisterte. Bereits ein Jahr nach seinem Eintritt wurde La Ferté gegründet, 1114 Pontigny, 1115 Morimond und Clairvaux, dessen Abt Bernhard wurde und nach dem man ihn später benannte. Als Abt Stephan 1134 starb, gab es schon 75 Zisterzienserklöster. Bei Bernhards Tod im Jahr 1153 waren es 344 und bis zur Reformation wurden es 1 600, davon 900 Frauenkonvente. Für einen kontemplativen Mönch entfaltete Bernhard eine ungewöhnliche Aktivität. Denn er studierte nicht nur intensiv die Werke der Kirchenväter und beschäftigte sich, wie die Kontroverse um die Dreifaltigkeitstheologie Gilbert de la Porré's oder die Debatte um die sprachlogisch durchdachten, oft provokanten Thesen Pierre Abaelards und deren Verurteilung auf dem Konzil von Sens zeigen, mit zeitgenössischen theologischen Strömungen. Er korrespondierte mit Menschen aller Schichten, Päpsten, Königen, Mönchen, Nonnen und Laien und mischte sich wenn nötig vor Ort ein, wenn sich Fehlentwicklungen abzeichneten. Ein beeindruckendes Beispiel ist der Mönch Radulf, der im Zuge der Vorbereitungen zum zweiten Kreuzzug in Deutschland unter dem Motto „Warum nach Jerusalem reisen um die Ungläubigen zu bekämpfen“ zu Judenverfolgungen aufrief. Bernhard reiste persönlich an, um Radulf wieder in sein Kloster zurückzubringen. Obwohl Bernhard, wie seine Schriften zeigen, ein umfassend gebildeter Theologe war, ging es ihm bei der Abfassung seiner Predigten oder Traktate niemals um die Präsentation seiner Intellektualität. Hier liegt auch die Wurzel seines Konfliktes mit Abaelard. Während der Pariser Theologe und glänzende Redner das credo qui intelligam, ich glaube, weil ich es einsehe, präferierte, war Bernhards Standpunkt, dass der Glaube in der Liebe wurzelt und zugleich zu ihr hinführt. Theologische Spekulationen um der Darstellung der eigenen intellektuelle Brillanz willen waren ihm fremd, sogar zuwider. Zugleich war Bernhard ein Seelsorger, der den Dingen denkend auf den Grund ging. Aber dies hatte einen lebenspraktischen Hintergrund. Deutlich wird dies in seinem Brief an Papst Eugen III., einen Zisterzienser und ehemaligen Schüler Bernhards, dem er schreibt: „Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du Dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst. Du fragst Dich, an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz anfängt, hart zu werden. Frage nicht weiter, was damit gemeint sei: Wenn Du jetzt nicht erschrickst, ist Dein Herz schon so weit. … Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1 Kor 9,22), lobe ich Deine Menschlichkeit – aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst Du aber voll und echt sein, wenn Du Dich selber verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denn was würde es Dir nützen, wenn Du – nach dem Wort des Herrn (Mt 16,26) – alle gewinnen, aber als einzigen Dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat.“

„Bernhard konnte nicht nur ein einfühlsamer Seelsorger, sondern auch ein Mahner sein“

Dieser Brief, der als Vorbeugung für Burnout-Erkrankungen in die Rundschreiben unserer Krankenkassen aufgenommen werden sollte, zeigt deutlich, dass es Bernhard immer um das Heil des konkreten Menschen und um die Verwirklichung des Evangeliums Jesu Christi ging. Deshalb konnte Bernhard nicht nur ein einfühlsamer Seelsorger, sondern auch ein engagierter Mahner sein. Den Bischöfen seiner Zeit erteilte er den auch heute noch vollumfänglich gültigen Ratschlag: „Sie werden Ihrem Amt nicht durch gewählte Kleidung, durch den Prunk des Gefolges oder durch die Größe Ihrer Gebäude Ehre machen, sondern durch einen ehrenhaften Lebenswandel, durch Beschäftigungen geistlicher Art und durch gute Werke.“ Bernhard war so bekannt, dass er schon zu Lebzeiten zu einer Legende wurde. Doch wer den weisen Zisterzienser wirklich kennenlernen will, sollte nicht zuerst zu seiner Vita greifen, sondern sich vielmehr in seine Schriften vertiefen. Sie sind von einer spirituellen Vitalität, die auch heute noch zu einem christlichen Leben anstiften kann, prägnant formuliert, humorvoll und von tiefer Einsicht in die menschliche Schwachheit geprägt. Wer Bernhards Predigten und Traktate liest, erlebt einen Mönch, der dialogisch lebt, betet und handelt. Und das ganz ohne Sitzungen an runden Tischen, sondern vielmehr in einer zum Leben verlockenden Liebesbeziehung zu Gott.