Völlig absurd, unwahr und ehrenrührig

Missbrauchsskandal: Kirche wehrt sich gegen falsche Behauptungen der Justizministerin – Scharfe Kritik an Leutheusser-Schnarrenberger

Berlin/Rom (DT/KNA) Mit scharfer Kritik und entschiedener Zurückweisung haben Vertreter der Kirche auf die jüngsten Äußerungn von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche reagiert. Kurienkardinal Walter wies Vorwürfe der FDP-Politikerin als „völlig absurd und außerhalb der Welt“ zurück. „Ich habe den Eindruck, sie kennt das Kirchenrecht nicht“, sagte der Kardinal. Leutheusser-Schnarrenberger könne nicht zwischen kirchenrechtlicher Zuständigkeit und staatlichen Kompetenzen unterscheiden. Dies seien unterschiedliche Rechtkreise. Es sei jedoch selbstverständlich, dass „dort, wo es notwendig ist, eine Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft gefördert werde“, betonte der Kardinal. „Schweigemauern“ würden von der Kirche nicht errichtet. Kasper wies zudem daraufhin, dass sexueller Missbrauch kein spezifisch katholisches, sondern ein gesellschaftliches Problem sei. Deshalb müssten auch andere Institutionen dem Beispiel der deutschen Bischöfe folgen und Richtlinien für den Umgang mit Missbrauchsfällen erlassen. Alle betroffenen Einrichtungen müssten gemeinsam überlegen, wie man Missbrauchsfällen vorbeugen und den Opfern helfen könne., so Kasper. Den deutschen Bischöfen bescheinigte der Kardinal ein „sehr kluges Verhalten“ angesichts der Missbrauchsskandale. Er habe den Eindruck, die Bischöfe unternähmen in dieser Situation „das, was möglich ist“.

Auch der Leiter des Katholischen Büros bei der Bundesregierung, Prälat Karl Jüsten, wies die Kritik der Ministerin zurück. Die Ministerin habe „keine Ahnung“, sagte er am Mittwoch im ZDF-„Morgenmagazin“. Früher sei bei Missbrauch von Kindern vielfach weggesehen worden. Heute kläre die Kirche derartige Fälle aber sehr radikal auf und vertrete eine Null-Toleranz-Politik. Leutheusser-Schnarrenberger hatte von einer „Schweigemauer“ an katholischen Schulen gesprochen und beklagt, die katholische Kirche arbeite mit den Strafverfolgungsbehörden zu wenig zusammen. Jüsten sicherte zu, dass die katholische Kirche selbst an der raschen Aufklärung der Missbrauchsfälle interessiert sei. Auch die Diözesen hätten den Auftrag nachzuforschen. „Wir arbeiten ganz intensiv daran, dass alles ans Tageslicht kommt.“ Jeder in der Kirche wisse, dass er jetzt gefordert sei.

Eine Schweigemauer gibt es nicht

Prälat Jüsten bezeichnete die öffentliche Entschuldigung des früheren Regensburger Domkapellmeisters Georg Ratzinger als „wunderbares Zeichen“. Er forderte andere Geistliche auf, es dem Bruder von Papst Benedikt XVI. gleich zu tun. Ratzinger hatte eingeräumt, Chormitglieder der Domspatzen geohrfeigt zu haben. Gegenüber der „Passauer Neuen Presse“ (Dienstag) hatte sich Georg Ratzinger von Prügel-Praktiken in der Internatsvorschule der Regensburger Domspatzen distanziert, die es dort gab. Das Ausmaß der „brachialen Gewalt“ in der Grundschule Etterzhausen, später Pielenhofen, unter der Leitung des damaligen Internatsdirektors Johann M. sei ihm nicht bekannt gewesen, sagte Ratzinger „Wenn ich gewusst hätte, mit welch übertriebener Heftigkeit er vorging, dann hätte ich schon damals etwas gesagt.“

Jüsten rief dazu auf, bei den nun bekanntgewordenen Fällen zwischen körperlicher und sexueller Gewalt zu unterscheiden. Manches sei dem damaligen „Zeitgeist“ geschuldet, sagte er. Jeder in der Kirche sei zu lückenloser Aufklärung gerufen.

Bereits am Dienstag hatte der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller die Bundesjustizministerin heftig kritisiert. Die Behauptung, die Kirche behindere die Aufklärung von Straftaten, sei „unwahr und ehrenrührig“. Der Bischof forderte die Ministerin auf, Beweise für ihre Anschuldigungen vorzulegen oder andernfalls „ihre Amtsautorität nicht für derartige Übergriffe zu instrumentalisieren“. Müller wies insbesondere Leutheusser-Schnarrenbergers Behauptung zurück, dass es an katholischen Schulen eine Schweigemauer gebe, die die Aufklärung von Straftaten erschwere oder gar verhindere. In allen deutschen Diözesen werde nach den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz „jeder Hinweis auf eine Missbrauchsstraftat umgehend und genauestens geprüft“, betonte der Bischof. Erhärte sich der Verdacht, werde der mutmaßliche Täter zur Selbstanzeige aufgefordert, im Falle einer Verweigerung die Staatsanwaltschaft informiert. Die katholische Kirche lasse sich im Umgang mit solchen Fällen von dem Ziel leiten, Gerechtigkeit für die Opfer herzustellen, so Müller weiter. „Bleibt ein Opfer entgegen unserer Empfehlung bei der Entscheidung, eine Straftat nicht zur Anzeige zu bringen, werden wir gemäß den Vorgaben des Opfers handeln.“ Eine Anzeigepflicht bestehe nicht.

Leutheusser-Schnarrenberger hatte im Deutschlandfunk wörtlich erklärt: „Wir haben die Schulen in katholischer Trägerschaft, und ich denke, gerade diese Schweigemauer, die ist gerade bei den Schulen in katholischer Trägerschaft bestimmt auch mit darin zu sehen, dass es ja eine Direktive der katholischen Glaubenskongregation gibt von 2001, dass eben auch so schwere Missbrauchsfälle zu allererst der päpstlichen Geheimhaltung unterliegen und eben nicht weitergegeben werden sollen außerhalb der Kirche, sondern man intern untersucht, aber dort auch nicht klar gemacht ist, möglichst frühzeitig die Staatsanwaltschaft einzuschalten.“

Die Deutsche Bischofskonferenz stellte daraufhin am Dienstag in Bonn klar, dass sie die staatlichen Strafverfolgungsbehörden vorbehaltlos unterstütze. „Die Kirche fordert Geistliche zu einer Selbstanzeige auf, wenn Anhaltspunkte für eine Tat vorliegen, und informiert von sich aus die Strafverfolgungsbehörden“, betonte der Pressesprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp. Auf ein solches Vorgehen werde nur dann verzichtet, „wenn es dem ausdrücklichen Wunsch des Opfers entspricht“. Auch der staatliche Gesetzgeber respektiere den Wunsch des Opfers und „hat unter anderem deshalb darauf verzichtet, bei den entsprechenden Straftaten eine Anzeigepflicht einzuführen“.

Erzbischof Marx begrüßt Runden Tisch

Die Darstellung der Justizministerin sei falsch, erklärte die Bischofskonferenz. Es gebe unabhängig vom staatlichen Verfahren ein eigenes, davon völlig getrenntes kirchliches Strafverfahren, dessen Akten nach einem Rundschreiben der Glaubenskongregation von 2001 in Rom geführt und vertraulich behandelt („Secretum Pontificium“) würden. „Die kirchliche Unterstützung der staatlichen Strafverfolgungsbehörden bleibt davon unberührt“, so die Bischofskonferenz. „Das kirchliche Verfahren ist selbstverständlich dem staatlichen Verfahren nicht vorgeordnet.“ Dies solle bei einer Neuregelung der Leitlinien der Bischofskonferenz klarer als bisher dargestellt werden.

Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx begrüßte am Dienstag den Runden Tisch zum sexuellen Missbrauch. Es sei gut, Vertreter aller relevanten Gruppen von Familienverbänden, Schulträgern, Ärzten und natürlich auch die Kirchen dazu einzuladen, sagte Marx dem „Münchner Merkur“ Dem Skandal des Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen müsse auf breiter Front entgegengetreten werden. Auf die Frage, warum die Bischöfe so lange gebraucht hätten, um Stellung zu beziehen, verwies Marx auf eine Absprache unter den Bischöfen. Auf der Bischofskonferenz hätten alle noch einmal ausgiebig mit Fachleuten darüber reden wollen. Danach sollte eine gemeinsame Erklärung abgegeben werden. „Im Nachhinein weiß ich nicht, ob das richtig war“, räumte der Erzbischof ein. Zugleich warnte Marx davor, angesichts der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, Priester und Mitarbeiter unter Generalverdacht zu stellen. Er müsse auch die vielen im Blick haben, die eine gute und engagierte Arbeit machten. Die Übergriffe auf Kinder und Jugendliche seien „erschreckend und entsetzlich“. Zuallererst fühle er sich daher den Opfern verbunden. „Wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen und so weit wie möglich den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen.“ Auch wenn die Institution als solche nicht gesündigt habe, sondern einzelne Personen, träfen die Auswirkungen letztlich alle in der Kirche, betonte Marx. Das sei wie in einer Familie. Zugleich räumte er ein, dass es in der Vergangenheit die Tendenz gegeben habe, das Ansehen der jeweiligen Institution nicht zu beschädigen. Die meisten Taten, über die derzeit geredet würden, seien verjährt. Eine Kirche dürfe aber nicht in Verjährungsfristen denken. Sie habe eine moralische Verantwortung, die über Generationen gehe.

Unterdessen gab auch das Bistum Mainz Misshandlungs- und Missbrauchsvorwürfe bekannt Das Bistum teilte am Mittwoch mit, dass es im früheren Konvikt Bensheim Ende der 1970er Jahre zu „Fällen von Misshandlungen und Übergriffen“ durch zwei Täter auf Schüler gekommen sei. Die Jugendlichen seien den Informationen zufolge wegen nichtiger Anlässe massiv geprügelt worden. Auch der Verdacht des sexuellen Missbrauchs durch einen damaligen und 1979 aus den Diensten des Bistums ausgeschiedenen Heimleiter stehe im Raum. Laut Bistum wurde die zuständige Staatsanwaltschaft informiert.